Schwarzer Kanal
Gegründet 1947 Mittwoch, 11. Dezember 2019, Nr. 288
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.12.2019, Seite 8 / Ansichten

Vor der Sintflut

Beginn der UN-Klimakonferenz in Madrid
Von Wolfgang Pomrehn
RTX7B44H.jpg
Aufbauarbeiten in Madrid für den UN-Klimagipfel, der ursprünglich in Chile stattfinden sollte

Eine internationale Truppe von Wissenschaftlern, die derzeit mit dem deutschen Forschungsschiff »Polarstern« in der Arktis überwintert, hatte am Freitag im Rahmen des globalen Aktionstages zum Klimaschutz, eine klare Botschaft: »Es ist Zeit zu handeln.« Diese Aufforderung ist nicht zuletzt an jene Politiker und Diplomaten gerichtet, die sich ab dem heutigen Montag im spanischen Madrid zur diesjährigen UN-Klimakonferenz versammeln. Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der übrige Planet, dessen Durchschnittstemperatur bereits jetzt etwa über ein Grad höher ist als zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die Folgen dessen sind drastisch zu spüren. Der ewig gefrorene Boden am und jenseits des Polarkreises taut viel schneller und viele Jahrzehnte früher als erwartet auf, droht damit, künftig große Mengen Treibhausgas zusätzlich in die Atmosphäre freizusetzen. Das wiederum würde die Erwärmung verstärken und weiter beschleunigen.

Doch die Staatsoberhäupter haben den Schuss noch immer nicht gehört. Nicht zuletzt die Bundesregierung versucht, die Proteste der Schüler, die rund um den Globus und vor allem auch in Deutschland endlich mehr Klimaschutz sehen wollen, auszusitzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird mit leeren Händen nach Madrid reisen. Statt als einer der größten Industriestaaten voranzugehen und die Emissionen endlich rasch und drastisch zu senken, wird weiter auf Zeit gespielt. Großbritannien will zum Beispiel schon 2025 sein letztes Kohlekraftwerk stillegen, aber das Gesetz zum Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger, das die große Koalition der BRD in dieser Woche auf den Weg bringen will, wird sich nicht einmal an den faulen Kompromiss der Kohlekommission halten. Dieser sah einen Ausstieg bis 2038 und die rasche Stillegung der ersten Kraftwerke ab 2020 vor. Statt dessen setzt die Bundesregierung ganz auf Freiwilligkeit, will vollkommen überzogene Entschädigungen für längst abgeschriebene Anlagen an Konzerne zahlen und wird vermutlich sogar noch die Inbetriebnahme eines neuen Kraftwerks, das in Datteln, zulassen.

Dabei wäre der Ausstieg aus der Kohleverstromung nur ein erster, wenn auch wichtiger Schritt. Würde dieser doch der Bevölkerung signalisieren, dass die ganze Energieversorgung, die Industrie und auch der Verkehr rasch und tiefgreifend umgebaut werden müssen. Doch statt aktiv neue Technik zu fördern, wurde erst die Nutzung der Solar- und jetzt auch die der Windenergie ausgebremst, nebenbei bereits mehr als einhunderttausend Arbeitsplätze vernichtet. Statt die »Energiewende« zu fördern, gibt es Demonstrationsverbote und Polizeigewalt gegen Kohlegegner – und es hetzen Beamte, die es ganz normal finden, vor Naziparolen zu posieren. Es sieht so aus, als hätte die politisch Verantwortlichen eine morbide Lust am Untergang befallen. Nach uns die Sintflut.

Ähnliche:

  • Wandparole gegen die Blockade Venezuelas durch die USA am 14. Au...
    20.08.2019

    Lautes Schweigen in Berlin

    Bundesregierung verweigert Stellungnahme zu US-Sanktionen gegen Venezuela. Trump forderte Seeblockade
  • Demonstranten fordern den Freispruch der in Madrid angeklagten k...
    25.06.2019

    Spanien am Pranger

    UN-Arbeitsgruppe verurteilt Inhaftierung von Politikern der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Madrid weist Bericht zurück

Regio:

Mehr aus: Ansichten