Gegründet 1947 Freitag, 28. Februar 2020, Nr. 50
Die junge Welt wird von 2229 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.12.2019, Seite 2 / Inland
Welt-AIDS-Tag

»HIV ist unter Therapie nicht übertragbar«

»Deutsche Aidshilfe« startet Kampagne, um Ängste abzubauen und über Effekte der Behandlung aufzuklären. Ein Gespräch mit Holger Wicht
Interview: Markus Bernhardt
HIV_rote_Schleife_63528141.jpg
Der Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember bietet die Möglichkeit, einem komplexen Problem die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen

Am gestrigen Sonntag fand der Welt-AIDS-Tag statt. Wofür steht dieser Tag?

Der 1. Dezember ist der Tag der Solidarität mit HIV-positiven Menschen. Das große Ziel besteht darin, Diskriminierung entgegenzutreten und allen Betroffenen Zugang zur Therapie zu verschaffen. Menschen mit HIV können heute leben wie alle anderen und alt werden. Aber Zurückweisung, Schuldzuweisungen und Benachteiligungen machen ihnen das Leben oft noch immer schwer. Wir wollen erreichen, dass man mit HIV in allen Lebensbereichen ganz selbstverständlich leben kann – egal ob im Job, in Freizeit, in der Familie oder beim Daten.

Viele Menschen haben bei dem Thema große Ängste. Ist das nicht nachvollziehbar?

Selbstverständlich, und darüber muss man dann reden. Ängste lassen sich ausräumen. Sie sind fast alle unbegründet. Das ist das Schöne: Erleichterung und Entspannung sind möglich und gut für alle.

Wie viele Menschen sind aktuell in Deutschland mit HIV infiziert?

Knapp 88.000 – und gut 10.000 von ihnen wissen noch nichts von ihrer Infektion. Das ist ein Problem, denn HIV sollte so früh wie möglich behandelt werden. Dann ist es auch nicht mehr übertragbar. Trotzdem erkranken noch immer 1.000 Menschen pro Jahr an AIDS oder einem schweren Immundefekt, weil sie nichts von ihrer Infektion wussten. Die gute Nachricht: Die Zahl der Neuinfektionen sinkt, 2018 lag sie bei 2.400.

Vor allem Drogenkonsumenten und Menschen in Haft kritisieren oftmals das Fehlen einer fachgerechten Gesundheitsversorgung und unzureichende Präventionsangebote.

Diese Gruppen sind stark marginalisiert, und ihre Gesundheit ist vielen Entscheidungsträgern offenbar wenig wert. Zwar haben wir in Deutschland schon gute Prävention für Drogen konsumierende Menschen, aber es gibt fatale Lücken, ganz besonders in Haft. Dort gibt es nach wie vor keine Spritzentauschprogramme, die Infektionen mit HIV und Hepatitis C verhindern würden. Teilweise ist es auch schwierig, eine Substitutionstherapie zu bekommen. In Haft einen HIV-Test zu machen, ist mit Hürden verbunden. Nicht überall ist gewährleistet, dass der medizinische Dienst die Ergebnisse nicht weitergibt.

Wie kann die Situation besagter Gruppen verbessert werden?

Vor allem brauchen wir Drogenkonsumräume in allen Bundesländern und zudem in Haft eine Versorgung, die der in Freiheit in nichts nachsteht. Das Grundproblem jedoch geht tiefer: Es ist vollkommen absurd, Drogen konsumierende Menschen mit hohem Aufwand zu verfolgen. Wir brauchen eine Neuorientierung in der Drogenpolitik, die Konsumierende nicht bestraft. Statt dessen könnten Abhängige zum Beispiel Heroin in pharmazeutisch reiner Form über das Gesundheitssystem erhalten. Das würde Gesundheitsrisiken ebenso minimieren wie Beschaffungskriminalität.

Wie wirken sich die heute verfügbaren HIV-Medikamente aus?

Sie unterbinden sehr zuverlässig die Vermehrung von HIV im Körper, so dass Infizierte eine fast normale Lebenserwartung haben. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass die Neuinfektionszahlen runtergehen, weil HIV unter Therapie nicht mehr übertragbar ist.

Wie kann dieses Wissen breitere Teile der Bevölkerung erreichen?

Indem es im Rahmen der Prävention klar und deutlich kommuniziert wird und auch Medien darüber berichten. Dass HIV behandelbar ist, hat sich langsam herumgesprochen. Wie weit die Effekte der HIV-Therapie reichen, noch nicht.

Den teils diffusen Ängsten in der Bevölkerung wollen Sie mit einer neuen Kampagne begegnen. Worum geht es da?

Wir wollen, dass der folgende Satz zur Allgemeinbildung gehört: HIV ist unter Therapie nicht übertragbar. Das gilt selbst beim Sex ohne Kondom oder der Geburt eines Kindes. Die Vorstellung, dass im Alltag eine Übertragung stattfinden könnte, ist damit wirklich abwegig. Falsch war sie ja schon immer. Manchmal dauert es erstaunlich lange, bis »Sensationen« bekannt werden. Dem helfen wir nach mit unserer Kampagne »Wissen verdoppeln«. Menschen mit und ohne HIV erzählen, wie erleichternd diese gute Nachricht für sie war, zum Beispiel, weil sie in gemischt positiv-negativen Beziehungen leben. HIV spielt in ihrem Leben schon lange nicht mehr die erste Geige – es sei denn, gerade ist Welt-AIDS-Tag, und sie machen in Kampagnen mit. (lacht)

Holger Wicht ist Pressesprecher der »Deutschen Aidshilfe« (DAH)

aidshilfe.de

Ähnliche:

Mehr aus: Inland