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Aus: Ausgabe vom 29.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Eifersucht auf einen Gott

Liebe und Politik: »Samson et Dalila« von Saint-Saëns an der Staatsoper Berlin
Von Kai Köhler
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Im alten Stoff gegenwärtige Konflikte erkennen: Samson (Brandon Jovanovich) und Dalila (Elina Garanca)

Eine alttestamentarische Geschichte: Die Juden werden von ihren Feinden, den Philistern, unterdrückt. Rettung verspricht Samson, der mit übermenschlichen Kräften die Gegner zu zerschmettern vermag. Leider liebt er Dalila, die ihm das Geheimnis dieser Stärke entlockt und an seine Feinde verrät. Die Philister schneiden Samson die Zöpfe ab, in denen sich die göttliche Kraft verbirgt, überwältigen ihn und stechen ihm die Augen aus. Als sie ihr Opfer verhöhnen, ruft Samson seinen Gott an, gewinnt für einen letzten Moment seine Gewalt zurück und zerbricht die Säulen des feindlichen Tempels. Tausende Feinde sterben mit ihm in den Trümmern.

Charles-Camille Saint-Saëns gestaltet in seiner Oper Samsons Konflikt zwischen politischer Pflicht im nationalen Befreiungskampf und der privaten Liebe. Berechtigt ist beides: An der Brutalität der Philister besteht so wenig Zweifel wie an der Bedeutung Dalilas für den Helden. Doch allein der Zwiespalt zwischen Pflicht und Neigung wäre konventionell. Erst die Deutung Dalilas verleiht der Konzeption ihre Spannung. In der Bibel wird sie für den Verrat an Samson bezahlt, das ist einfach. In der Oper hasst sie ihren Geliebten, weil der sie liebt, aber seinen Gott mehr liebt als sie. Unklar wird, ob der alte Jude, der Samson früh in der Oper vor der Frau warnt, recht hat, oder ob die Warnung erst das Unglück verursacht, weil sie Samson in die Wahl zwischen Dalila und Gott zwingt.

Unsicherheiten also überall, und das betrifft auch die musikalischen Formen. Kaum eine Oper des 19. Jahrhunderts kommt ohne eine große Liebesszene aus. Hier ist sie da (im 2. Akt, in den sie gehört), und nicht da (weil das Publikum schon weiß, dass Dalila das Ziel hat, Samsons Geheimnis zu erfahren und zu verraten). Und doch ist sie da, weil Dalila aus enttäuschter Liebe hasst. Hier beweist sich, dass Saint-Saëns unter den französischen Komponisten seiner Zeit der Formalist im besten Sinne ist. Er kennt alle musikalischen Gattungen und ihre Regeln, und er benutzt sie, um in ihrem Rahmen etwas ganz Neues zu schaffen. Wollte man die Sätze von Peter Hacks hörbar machen, dass Genreregeln für den Meister keine »hinderliche Vorschrift«, sondern eine »Fülle von Erlaubnis« bedeuten, dann wäre die Musik von Saint-Saëns dafür geeignet. Auch in »Samson et Dalila« nutzt er die Form, um durch kleine Variationen das szenisch Notwendige nahezulegen. Das ist ein großzügiges Angebot an die Regie, die zeigen kann, was an Feinheiten ins Schema eingewoben ist. Die Berliner Staatsoper ging ein Wagnis ein, indem sie den bisher nur durch Arbeiten für Film und Fernsehen bekannten Damián Szifron gewann.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Szifron bewegt sich nicht in der Insiderwelt derer, die zu wissen meinen, was aktuelles Musiktheater sei. Er erspart dem Publikum oberflächliche Aktualisierungen, sowohl was den Krieg als auch was den Liebeskampf angeht. Die Sänger treten in historischen Kostümen auf, und Szifron vertraut auf sympathische Weise darauf, dass die Zuschauer im alten Stoff die gegenwärtigen Konflikte erkennen. Die Figurenführung ist fast durchgehend im Einklang mit der Musik, erhellt vielfach Zusammenhänge. Sogar, wo lange Chorpassagen statisch zu werden drohen, weiß Szifron individuelle Haltungen herauszuarbeiten und damit gesellschaftliche Praxis zu verdeutlichen.

Zuweilen allerdings, besonders was die Darstellung von Krieg und Gewalt angeht, verfällt er einem platten Naturalismus. Vielleicht brachten solche blutigen Einzelheiten dem Regisseur die zahlreichen »Buhs« am Premierenabend ein. Gleich anfangs schnüffelt ein wirklicher Hund (den wieder von der Bühne zu locken mehr Mühe kostete als vorgesehen) an einer Leiche, Philistersoldaten treten als Vergewaltiger auf, und die Misshandlungen, die Samson zu erleiden hat, sind ausführlich zu sehen. Nichts davon ist willkürlich. Es geht um einen ethnisch begründeten Vernichtungskrieg, und solche Kriege halten noch viel mehr Grausamkeiten bereit als diejenigen, die Szifron vorführt. Doch ist die Welt der Oper eine grundsätzlich künstliche. In ihr können Andeutungen wirksamer sein als das brutale Herzeigen.

Brandon Jovanovich verkörperte als Samson auch stimmlich einen Gegensatz zum Groben des Kriegerischen. Er vermied die tenorale Heldenpose und machte damit die Möglichkeiten deutlich, die die Figur in friedlicheren Zeiten gehabt hätte. Elina Garanca kostete nicht alle melodischen Reize aus, die der Komponist bereithält, sondern bot immer neue Schattierungen ihrer Stimme auf, um das Gebrochene ihres Willens zur Rache zu vermitteln. Zu ihrem Verbündeten wird der Oberpriester der Philister, dem Michael Volle eindrückliche Präsenz verlieh. Unter Daniel Barenboim ließ die Staatskapelle Berlin den Sängern die Möglichkeit zur Entfaltung, erreichte aber auch zuweilen überaus lautstark Höhepunkte. In solchen Momenten klang Saint-Saëns am Premierenabend sehr nach einem schwachen Wagner; die Spezifik seines Tons fehlte noch. Dennoch: Gemessen am gegenwärtigen Stand des Opernbetriebs handelt es sich um außergewöhnlich gute Aufführung.

Nächste Aufführungen: 30.11., 3.12, 7.12.

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