Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 29.11.2019, Seite 2 / Inland
Aktionen für Klimagerechtigkeit

»Es gibt nach wie vor ein großes Potential«

Klimaschutz selber machen: »Ende Gelände« mobilisiert für Aktionen am Wochenende und kritisiert Kohleindustrie. Gespräch mit Johannes Heidner
Interview: Jan Greve
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Klimaschutzaktivisten bei Protesten im Rheinland (23.6.2019)

Nach dem »globalen Klimastreik« am heutigen Freitag folgt ab morgen ein »Aktionswochenende für Klimagerechtigkeit«. Der Druck von der Straße auf die Verantwortlichen ist weiterhin deutlich zu spüren. Wo steht die Bewegung, zu der auch das Bündnis »Ende Gelände« zählt, zum gegenwärtigen Zeitpunkt?

Sie stellt sich immer besser auf, soviel ist klar. Es gibt aber nach wie vor ein großes Potential, noch mehr Menschen zu mobilisieren. Das Thema wird zwar von der Bundesregierung aufgegriffen, aber es wird viel zuwenig getan. Daran haben auch der sogenannte Kohlekompromiss oder das Klimapaketchen, wie wir es nennen, nichts geändert.

Was genau ist für dieses Wochenende geplant?

In der Lausitz und im Leipziger Land werden wir die Kohleinfrastruktur – Schienen, Kraftwerke, Bagger und weiteres – blockieren. Zudem wird es eine Demonstration geben. Es ist uns wichtig, dass sich verschiedene Gruppen an unterschiedlichen Protestformen beteiligen können: Menschen, die noch wenig Erfahrungen mit Blockaden gemacht haben, ebenso wie Menschen, die nicht gut zu Fuß sind oder Kinder dabei haben.

Kritiker verweisen regelmäßig auf den einfachen Kohlearbeiter, dessen Arbeitsplatz durch jene bedroht werde, die zwar laut nach mehr Klimaschutz verlangen, soziale Folgen aber links liegen lassen. Was entgegnen Sie denen?

Meiner Meinung nach stellt sich zunächst die Frage, aus welcher Perspektive auf den Klimawandel geschaut wird. Seit vielen Jahrzehnten werden in Deutschland unglaubliche Mengen an Braunkohle verfeuert. Die Auswirkungen der damit einhergehenden steigenden Temperaturen sind heute schon zu spüren. Das betrifft vor allem die Menschen im Globalen Süden – an diesen Zusammenhang knüpft der Begriff der »Klimagerechtigkeit« an. Auch wenn die Menschen in der Lausitz im innerdeutschen Vergleich über geringere Einkommen verfügen, ist das weit von den Problemen derjenigen entfernt, die aufgrund eines steigenden Meeresspiegels umgesiedelt werden müssen. Diese Entwicklung wird sich weiter verschärfen.

Was wir in diesem reichen Land brauchen, ist ein wirklicher Strukturwandel. Der wird nicht zu schaffen sein, wenn wir weiterhin Braunkohle abbaggern. Man muss daran erinnern: Laut dem sogenannten Kohlekompromiss könnte das letzte Kohlekraftwerk erst im Jahr 2038 abgeschaltet werden.

Nun entscheidet in unserer Gesellschaft nicht der einzelne Arbeiter, wieviel Tonnen CO2 in die Luft geblasen werden. Vielmehr bestimmen Großkonzerne mit ihren Investitionen, wohin die Reise geht – oft mit freundlicher Unterstützung von regierenden Politikern. Wie lässt sich der Kampf für mehr Klimaschutz mit den Interessen der Beschäftigten verbinden?

Es geht nicht um das Verhalten einzelner, sondern um einen Systemwandel. Der wird nicht gegen die Kohlearbeiterinnen und -arbeiter durchzusetzen sein, sondern nur mit ihnen. Hauptadressaten unserer Kritik sind Unternehmen, die in ihrem kapitalistischen Handeln für ein paar Cent mehr Profit CO2 bis zum Geht-nicht-mehr ausstoßen.

Von »Kohlekompromiss« bis »Klimapaket«: Die Bundesregierung versucht, Handlungswillen zu suggerieren. Bei all der Kritik: Besteht dennoch die Gefahr, dass sich manche damit zufriedengeben und die Bewegung an Unterstützung verliert?

Dieses Risiko ist meiner Meinung nach nicht besonders hoch. Beim letzten Klimastreik am 20. September sind sehr viel mehr Menschen auf die Straße gegangen, als viele erwartet hatten. Die meisten von ihnen wurden enttäuscht von dem, was die Regierung als Klimapaket verkauft hat. Wenn ich mir bei Youtube nur ein Video eines Wissenschaftlers ansehe, der den Klimawandel anhand von Fakten erklärt, ist jeder Anflug von Zufriedenheit dahin. Wir sind noch lange nicht an dem Punkt angelangt, an dem sich Widerstand nicht mehr lohnt.

Johannes Heidner ist im Bündnis »Ende Gelände« aktiv und Gast auf der kommenden Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz am 11. Januar 2020