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Aus: Ausgabe vom 29.11.2019, Seite 1 / Titel
Klimawandel

Das Problem heißt Kapitalismus

Dax-Konzerne treiben Erderwärmung voran. »Fridays for Future« ruft zu globalem Klimastreik auf
Von Simon Zeise
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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stapelt die Probleme, die zur Umweltzerstörung führen

Mit rund 500 Streikaktionen allein in Deutschland will die Bewegung »Fridays for Future« am heutigen Freitag dafür demonstrieren, dass die Regierung Maßnahmen gegen den drastischen Anstieg der Erderwärmung ergreift. Bei den Gesetzen, die heute im Bundesrat verabschiedet werden sollen, handele es sich um ein »unwirksames und sozial ungerechtes Klimapäckchen«, erklärten die Schülerinnen und Schüler am Donnerstag. Die Erderhitzung um mehr als 1,5 Grad könne damit nicht verhindert werden. Konsequenter Klimaschutz erfordere eine grundlegende ökosoziale Wende.

Davon kann nicht die Rede sein. Berufspolitiker und Konzernchefs setzen vielmehr auf die Strategie des Augen-zu-und-durch. Ließe man die im Dax gelisteten deutschen Großkonzerne weiter wirtschaften wie bisher, würde es heiß auf Mutter Erde. Legt man die freiwillige Selbstverpflichtung zur Senkung der CO2-Emmissionen der Konzerne zugrunde, würden die »Pariser Klimaziele« weit verfehlt, geht aus einer Studie der Unternehmensberatung Right hervor. Wenn alle Unternehmen so wirtschafteten wie aktuell der Industriekonzern Siemens, erwärmte sich das Klima bis 2050 um 4,5 Grad Celsius. Gäbe RWE den Takt vor, stiege die Temperatur sogar um zusätzliche 13,8 Grad Celsius. Um die Konzerne zum Einlenken zu bewegen, mobilisiert das Bündnis »Ende Gelände« am Wochenende zu Blockadeaktionen gegen Braunkohlebagger in die Lausitz.

Unterdessen treibt der Kommerzwahn neue Blüten. Für den völligen Shoppingrausch am heutigen »Black Friday«, den Onlinehändler ausgerufen haben, rechnet allein das Logistikunternehmen Hermes mit einem Zuwachs an Sendungen von zehn Prozent. Mit dem Resultat, dass Straßen weiter vollgestopft werden, Verpackungsmüllberge wachsen und mehr Paketboten mies bezahlt werden.

Im EU-Parlament in Strasbourg riefen die Abgeordneten am Donnerstag den »Klimanotstand für Europa« aus. Die am Mittwoch bestätigte Kommissionschefin Ursula von der Leyen (CDU) solle ihre gesamte Arbeit auf Folgen für Klima und Umwelt abklopfen. Wenngleich es sich dabei nur um einen symbolischen Akt der Parlamentarier handelt, drehten Vertreter von CDU und CSU völlig frei und verglichen die Lippenbekenntnisse des Parlaments mit der Machtübernahme durch die Nazis: »Entweder diese Menschen wissen nicht, wovon sie sprechen, oder sie empfinden es als legitim, den demokratischen Prozess auszuschalten. Beides ist zutiefst erschreckend, gerade vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte und dem Jahr 1933«, sagte der EU-Abgeordnete Markus Ferber (CSU). Der Begriff löse in erster Linie Angst aus und wecke zudem Erwartungen an Sofortmaßnahmen, »die Europa nicht liefern kann«, gestand der CDU-Abgeordnete Peter Liese ein.

Einen Kurswechsel des Westens forderte die Volksrepublik China. Der »unzureichende politische Wille der entwickelten Länder«, den Umweltschutz zu unterstützen, sei das »größte Problem« bei den Bemühungen um ein Umsteuern in der Klimapolitik, sagte der chinesische Vizeminister für Ökologie und Umwelt, Zhao Yingmin, am Mittwoch vor Journalisten in Beijing. Zhao forderte die entwickelten Staaten auf, ihre Verpflichtungen zur Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens zu erfüllen. Am Montag findet in Madrid die nächste UN-Konferenz statt, bei der über das weitere globale Vorgehen im Klimaschutz beraten werden soll.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (29. November 2019 um 04:07 Uhr)
    China redet und fordert nicht nur, sondern handelt. Die einfachste, billigste und effektivste Maßnahme zur CO2-Reduzierung ist das Aufforsten von Wäldern. Nach Meinung von Experten, z. B. von Thomas Crowther von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, wäre die Aufforstung von 0,9 Milliarden Hektar Wald weltweit möglich. Diese Fläche könnte zwei Drittel des von Menschen erzeugten CO2 aufnehmen.

    In China gehört das Pflanzen und die Pflege von Bäumen mittlerweile zur Kultur, nicht nur am 12. März, dem nationalen Aufforstungstag, werden von Betrieben, Institutionen, Initiativen Bäume gepflanzt. Die in den fünfziger Jahren gerodeten Flächen werden Stück um Stück wieder in Wald verwandelt. Die Kubiqui-Wüste in der Inneren Mongolei, mit über 18.000 Quadratkilometern etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen, war in den 80er Jahren nur zu drei bis fünf Prozent begrünt, ist seit 2016 zu 53 Prozent bewaldet. Sie bildet heute eine wichtige Lebensgrundlage, ist zum Vorbild für ein ökologisch-ökonomisches Projekt geworden, denn sie dient nicht nur dem Umweltschutz und einer reichhaltigen Fauna und Flora, sondern ermöglicht den Menschen der Umgebung vielfältige Verdienstmöglichkeiten und trägt zum Kampf gegen die Armut bei. In China hört und sieht man immer wieder den Satz: Grüne Berge und saubere Seen sind wertvoller als Berge aus Silber und Gold. Dieses neue Denken ist m. E. ein Kennzeichen des Sozialismus chinesischer Prägung.

    Viele Länder, wie z. B. Äthiopien, das nach dem chinesischen Vorbild Kampagnen zur Aufforstung gestartet hat, tragen ihren Teil zum Kampf gegen die Erderwärmung bei.

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