Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 27.11.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Brüssel ist schuld

Präsent nach der Wahl

Polen: Betreiberkonzern legt letzten Hochofen im Stahlwerk Nowa Huta still. Gewerkschafter »enttäuscht«
Von Reinhard Lauterbach
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Der Ofen ist bald aus: Arcelor-Mittal-Stahlwerk im polnischen Nowa Huta

Das ganze zu Ende gehende Jahr über gab es im Krakower Stadtteil Nowa Huta ein bisschen Nostalgie, mit Ausstellungen und thematischen Stadtführungen. Schließlich war das Stahlwerk, das der ursprünglich eigenständigen Stadt den Namen (Neue Hütte) gab, ab 1949 errichtet worden – und damit 70jähriges Jubiläum angesagt. Jahrzehntelang lebte Nowa Huta von und mit dem Stahlwerk: 40.000 Beschäftigte arbeiteten Ende der 80er Jahre für das Kombinat. Heute sind es direkt im Werk noch 1.100.

Auch deren Jobs sind jetzt nicht mehr sicher. Am vergangenen Wochenende begann die kontrollierte Stillegung des »großen Ofens« oder Hochofens Nummer fünf, des einzigen, der bis zuletzt in Betrieb war. Der technisch aufwendige Prozess wird etwa zwei Wochen dauern. Denn dem Eigentümer, dem luxemburgisch-britischen Stahlkonzern Arcelor-Mittal, liegt nach eigenen Angaben daran, dass der Ofen im Prinzip gebrauchsfertig bleibt – für bessere Zeiten. Zeiten also, in denen die Konjunktur wieder anspringt, die Nachfrage ansteigt und sich der Betrieb der Hütte wieder lohnt. Dies war zuletzt nach Eigentümerangaben nicht mehr der Fall. Zitiert wurden die üblichen Argumente: Konkurrenz aus China, Südkorea und Indien und die Klimaschutzpolitik der EU. Ein auf großangelegten Verbrennungsprozessen beruhendes Stahlwerk muss CO2-Zertifikate kaufen, und die werde von Jahr zu Jahr teurer.

Vieles spricht dafür, dass die Stilllegung von Nummer fünf schon länger geplant war und nur bis kurz nach den Parlamentswahlen unter der Decke gehalten wurde. Gewerkschafter in der Einkaufsabteilung des Stahlwerks wollen schon im Sommer geahnt haben, dass etwas »im Busch« sei, weil kein Rohstoff mehr nachgekauft wurde. Doch das Management bestritt alle Schließungspläne. Auch jetzt betont die Unternehmensleitung, dass niemand in die Arbeitslosigkeit entlassen werde. Ein Teil der Beschäftigten solle – vorerst – bei der Stilllegung des Hochofens und der angeschlossenen Stranggussanlage Arbeit finden. Anderen sollten Jobs an weiteren Standorten des Konzerns in der Region angeboten werden. Die im Betrieb vertretenen Gewerkschaften befürchten trotzdem den Verlust von 1.500 bis 2.000 Arbeitsplätzen in der Stahlhütte und bei zuarbeitenden Dienstleistern. »Wir fühlen uns von der Regierung belogen und betrogen«, so Krzysztof Wojcik, Chef der Gewerkschaft »August 80« im Stahlwerk. Erst habe die Regierung die Sicherung der Jobs versprochen, jetzt bekämen die Beschäftigten zu hören, zuständig für alle Beschwerden sei der Eigentümer.

Die Mobilisierung bei einer Protestkundgebung am Montag dieser Woche hielt sich jedoch in Grenzen. Die »einigen hundert« Beschäftigten, von denen die Agenturen sprachen, dürften, nach den verbreiteten Fotos zu urteilen, nicht mehr als 200 bis 300 Teilnehmer gewesen sein. Die Parolen waren defensiv bis reaktionär: Die Industrie der ganzen Region, auch der Maschinen- und Kohlebergbau, würde bei einer Schließung des größten Kunden der Branchen gefährdet, sagten die einen. Ein Vertreter der Gewerkschaft Solidarnosc forderte, das Stahlwerk wieder in polnische Hände zurückzuführen – und zwar zu denselben Discountpreisen, zu denen es einst an Arcelor-Mittal verkauft worden sei. Premierminister Mateusz Morawiecki sagte in einem Radiointerview, schuld an den Problemen sei die Klimapolitik der EU. Er hoffe, dass Entlassungen vermieden werden könnten.

Um die Solidaritätsbereitschaft der nicht unmittelbar betroffenen Bewohner der Region einzuschätzen, hilft ein Blick in die Kommentarspalten der Medien, die über die Schließung berichteten. »Ihr Deppen von der Solidarnosc, das habt ihr jetzt davon«, schrieb ein Leser: »Erst sich die räuberischste Abart des Kapitalismus erkämpfen, und jetzt herumflennen.« Ein anderer fasste sich kurz: »Ihr wolltet den Kapitalismus, jetzt habt ihr ihn.« Andere Stimmen argumentierten eher von der ökologischen Seite her: Die Schließung sei angesichts der Smogprobleme in Krakow längst überfällig gewesen. Direkte Verteidiger der Arbeitsplatzinteressen fanden sich zumindest unter den veröffentlichten Zuschriften kaum. Den an heiße Winde gewohnten Stahlwerkern weht es jetzt kalt ins Gesicht.

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