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Aus: Ausgabe vom 26.11.2019, Seite 8 / Inland
Gentrifizierung in Hamburg

»Die Menschen werden sich gegen Verdrängung wehren«

Hamburg-St. Pauli: Protest gegen Investorenpläne, beliebten Kieztreff durch Bürogebäude zu ersetzen. Gespräch mit Norbert Weber
Interview: Kristian Stemmler
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Kiez wird Baustelle: Blick auf die Reeperbahn im Hamburger Viertel St. Pauli (2016)

Im Hamburger Viertel St. Pauli versucht ein Konglomerat aus mehreren Akteuren den Bau eines Bürohauses, das »Paulihaus«, gegen den Willen der Anwohner durchzusetzen. Was ist geplant?

Am neuen Pferdemarkt soll ein sechsstöckiger Gewerbeklotz entstehen. Dafür weichen sollen eine unter Denkmalschutz stehende eingeschossige Bebauung sowie ein Stück Grünfläche mit Baumbestand. In dem Gebäude gibt es ein im Viertel sehr beliebtes Restaurant, das nach wie vor genutzt wird. Die beiden weiteren Pächter, ein Tonstudio sowie eine Autoreparaturwerkstatt, sind bereits ausgezogen. Vereinbarungen im Zusammenhang mit dem Zwangsauszug sind bisher lediglich mit der Autowerkstatt getroffen worden.

Wer ist an dem Projekt beteiligt?

Vier Unternehmen haben sich als Investorengruppe zusammengeschlossen: die »Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg«, kurz »Steg«, die »Argus Stadt und Verkehr Partnerschaft«, die »HTP Hamburg Team Gesellschaft für Projektentwicklung« sowie die »Pahnke Markenmacherei«. Auf einer Stadtteilversammlung wurde berichtet, dass es für die Grundstücksvergabe an die Investorengemeinschaft keine Ausschreibung gegeben hatte. Die konnte wohl umgangen werden, indem man das Projekt als Wirtschaftsförderungsobjekt bezeichnete.

Wie bewerten Sie das Engagement der »Steg«?

Bis Anfang der 2000er Jahre war sie ein städtischer Träger des sogenannten Quartiersmanagements und wurde dann zum privaten Architektenpool. Die »Steg« war von Beginn an für ihre rabiate Gentrifizierungspolitik bekannt. Nun arbeitet sie als Investor. Ihre Entwicklung geht ganz klar in Richtung Gewinnmaximierung.

Und wie sieht es mit der »Hamburg Team« aus?

Interessant ist, dass »Hamburg Team« mit mehr als 70 Prozent an der neuen Baugemeinschaft beteiligt ist. Das scheint durchaus seinen Grund zu haben. Die Gesellschaft hat eine Tochter mit Namen »Hamburg Team Investment Management GmbH«. Die administrativen Tätigkeiten für die Immobilienfonds dieser Tochter übernahm bisher die Service-Kapitalverwaltungsgesellschaft »Hansainvest«. Die bisher aufgelegten Immobilienfonds haben ihren Fokus auf dem Erwerb von Gewerbehöfen, sogenannten Transformationsimmobilien und kleinteiligen Büros in primären Wohnlagen. Der geschäftsführende Gesellschafter Nikolas Jorzick wird in einer Presseerklärung der »Hansainvest« wie folgt zitiert: »Die große Nachfrage nach Wohnraum hat dazu geführt, dass Gewerbeflächen in zentralen Lagen trotz hohem Bedarf immer seltener geworden sind. Wir sind der Auffassung, dass dieses Segment einen stabilen Cashflow und eine hohe Wertstabilität ermöglicht.«

Das heißt, es geht allein um Profit?

Ja. Betrachtet man die Entwicklung der Geschäftsausrichtung der Investorengruppe »Paulihaus«, so ist davon auszugehen, dass auch das gleichnamige Gewerbeobjekt durch einen auf Rendite ausgerichteten Investmentfonds der »Hamburg Team«-Tochter erworben wird. Das steht nicht ansatzweise in Einklang mit dem »St.-Pauli-Code«, der unter Beteiligung von Hunderten Anwohnern für das Quartier erarbeitet worden ist. Der formuliert unter anderem folgende Ziele: Unterschiedlichkeit statt Homogenität, schmuddeliger Glamour statt Hochglanz, Freiraum ohne Konsumzwang.

Vor kurzem gab es eine Stadtteilversammlung, auf der sich 300 Menschen gegen das Projekt aussprachen. Wie kann es weitergehen?

Eine Baugenehmigung ist nach wie vor nicht erteilt, wie bei dem Treffen bekannt wurde. Die Teilnehmenden der Stadtteilversammlung beschlossen mit überwältigender Mehrheit eine Resolution, in der sie sich für einen Planungsstopp sowie für echte Bürgerbeteiligung durch einen ergebnisoffenen Dialog ausgesprochen haben. Im Interesse des Stadtteils St. Pauli und dessen Bewohner bleibt zu hoffen, dass das Rad noch zurückgedreht werden kann. Dafür werden die Menschen im Stadtteil kämpfen und sich gegen Verdrängung wehren.

Norbert Weber ist Politikberater in Hamburg und kandidiert bei der Bürgerschaftswahl im Februar für Die Linke

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