Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 25.11.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Das war so ein Detail

Finale in der Nachspielzeit gedreht: Wie Flamengo die Copa Libertadores gewann
Von André Dahlmeyer
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Momente, die man nie wieder vergisst: »Gabigol« Barbosa nach seinen drei glorreichen Minuten

Das Finale der Copa Libertadores wurde am Wochenende erstmals an neutralem Ort und ohne Rückspiel ausgetragen. Die sozialen Unruhen in Chile veranlassten den südamerikanischen Fußballverband Conmebol dazu, das Spiel von Santiago de Chile nach Lima, Peru, zu verlegen. Dort gewann der große Favorit, und das war mehr als sehenswert.

Titelverteidiger River Plate aus Buenos Aires führte bis kurz vor Abpfiff durch einen Treffer des Kolumbianers Rafael Santos Borré aus der ersten Halbzeit mit 1:0 und wähnte sich bereits erneut ganz oben. Doch dann kamen die drei glorreichen Minuten im Leben des Gabriel Barbosa, dem bis dahin schlechtesten Spieler auf dem Platz; Momente, die man nie wieder vergisst. Der Regattaklub Flamengo aus Rio de Janeiro drehte das schon verloren geglaubte Spiel.

Die erste Halbzeit verlief quasi perfekt für die Riverplatenses von Marcelo Gallardo, auch »Napoleón« genannt. Im zweiten Spielabschnitt entstand nach und nach ein hochexplosiver Cocktail aus eigenen Fehlern und Tugenden des Rivalen, man nennt das auch Fußball. Wie so oft erwies sich eine 1:0-Führung als problematisch. Lange schienen die Argentinier eine Taktikschlacht am Reißbrett mit Idealpunktzahl zu gewinnen. Wild liefen die River-Stürmer Borré und Matías Suárez die gegnerischen Verteidiger an, mit Schaum vor dem Mund und Macheten zwischen den Kauleisten. Die Truppe von Jorge Jesus kam einfach nicht hinten raus. Ihre Außenverteidiger Rafinha (Ex-Bayern München) und Filipe Luís (Ex-Atlético Madrid) konnten stempeln gehen. Die River-Abwehr um Kapitän Javier Pinola (Ex-Clubberer) ließ das Monster aus Rio auf Normalgröße schrumpfen. Aber das zweite Tor fiel nicht, und die Argentinier wurden allmählich so ein bisschen grätschfaul. Der Druck ließ nach.

So witterten die Brasililaner Morgenluft in der Höhe Limas und unternahmen nach rund einer Stunde kleinere Betriebsausflüge über die Mittellinie, mit dem Ex-Werderaner Diego als Mittelfeldmotor. Der saß zwar in einem Golf-Caddy, trat aber mächtig aufs Pedal und verteilte die Bälle, wie es sich gehört. Es sollte sich als spielentscheidend herausstellen, dass Jesús beim Wechseln ein glückliches Händchen hatte und Gallardo ausnahmsweise mal nicht. Aber noch pflückte Rivers Tormann Franco Armani, Argentiniens Nummer eins, die Bälle herunter wie reife Apfelsinen. Und an Pinola kam keiner vorbei. Doch dann flitzte Bruno Henrique, bester Spieler des aktuellen »Brasileirao«, über links davon, passte auf Giorgian de Arrascaeta, und der uruguayische Nationalspieler legte für Barbosa auf, der den Ausgleich erzielte (89.). River geriet aus den Fugen. Eine Verlängerung hätten die Argentinier nicht durchgestanden. Es war der Anfang vom Ende. Pinola hatte seinen einzigen Fehler gemacht, den entscheidenden. Fußballspiele werden heutzutage durch Details entschieden. Das war so eins. Entschieden wurde es in der Nachspielzeit durch den zweiten Treffer von »Gabigol« Barbosa. Sapperlott! Himmel und Hölle waren eins.

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