Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 25.11.2019, Seite 5 / Inland
Erwerbslosigkeit

Fachkräftemangel hausgemacht

Millionen junge Erwachsene haben keinen Berufsabschluss
Von Bernd Müller
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Nur wenige Angebote: Berufsbildungsmesse in Erfurt (13.11.2019)

Das System der beruflichen Ausbildung in Deutschland ist in der Krise. Mit knapp 4,8 Millionen jungen Erwachsenen zwischen 20 und 34 Jahren war 2017 fast ein Drittel dieser Altersgruppe ohne beruflichen Abschluss. Gleichzeitig wurden die Fördermaßnahmen für die Berufsausbildungen seit 2010 erheblich reduziert. Diese Zahlen entstammen der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag, worüber das Onlineportal O-Ton Arbeitsmarkt am Freitag berichtete. Demnach ist die Zahl der jungen Erwachsenen, die ohne Berufsabschluss sind, zwischen 2014 und 2017 um 204.000 Personen angestiegen.

Ebenfalls gewachsen ist die Zahl der jungen Erwachsenen, die weder einen Berufsabschluss vorweisen konnten noch sich in schulischer oder beruflicher Bildung befanden. 2017 traf das auf rund 2,2 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren zu. Für sie ist das Erlangen eines Berufsabschlusses damit auch nicht absehbar.

Die Bundesregierung begründete den Anstieg mit den Auswirkungen der verstärkten Fluchtmigration seit 2015. Viele junge Menschen seien dabei nach Deutschland eingewandert, die über keine anerkannten Berufsabschlüsse verfügten und in vielen Fällen eher eine Arbeit aufgenommen hätten, als eine Ausbildung zu beginnen.

In der Antwort verweist die Regierung auf Maßnahmen, mit denen ausbildungswillige junge Menschen unterstützt werden sollen, einen Berufsabschluss zu bekommen. Auch im »Berufsbildungsreport 2019« verspricht die Bundesregierung angesichts des demographischen Wandels, »alle vorhandenen Kräfte zu mobilisieren und gezielt einzusetzen«, um den drohenden Fachkräftemangel abzuwenden. Die Förderstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeichnet allerdings ein anderes Bild. Wurden beispielsweise 2010 mehr als 270.000 Personen bei der Berufswahl und -ausbildung unterstützt, waren es 2018 nur noch knapp 190.000 Menschen. Wurde 2009 knapp 264.000 Menschen bei der beruflichen Weiterbildung geholfen, so waren es im letzten Jahr nur noch knapp 166.000.

Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist bei denen besonders hoch, die keinen Beruf erlernt haben. Mehr als jeder zweite Erwerbslose in der BRD hat einer im Oktober präsentierten Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zufolge keinen Abschluss. Von den durchschnittlich knapp 802.000 Beziehern von Arbeitslosengeld im vorigen Jahr hätten zudem nicht einmal sechs Prozent eine abschlussbezogene Weiterbildung absolviert.

In diesem Zusammenhang hatte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach die Bundesregierung aufgefordert, das Nachholen eines Berufsabschlusses stärker mit finanziellen Anreizen zu fördern. »Ohne eine bessere finanzielle Unterstützung für Arbeitslose wird das Recht auf das Nachholen des Berufsabschlusses ein leeres Versprechen des Arbeitsministers bleiben«, hatte Buntenbach in der Saarbrücker Zeitung vom 15. Oktober erklärt.

Um Betroffene besser zu motivieren, hatte der DGB eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes vorgeschlagen. Für die Dauer einer Weiterbildung solle dieses um 15 Prozent steigen, so der Vorschlag. Menschen mit einem geringen Arbeitslosengeld und Hartz-IV-Bezieher sollten einen Mindestbetrag von 200 Euro im Monat erhalten. Nötig sei ein »wirksames Recht auf Weiterbildung«, forderte Buntenbach.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Angebot und Nachfrage Erwerbslosigkeit und Fachkräftemangel sind zwei Paar Schuhe, obwohl es enge Zusammenhänge gibt, aber der Regler für Angebot und Nachfrage muss sehr verschieden wirken! Traurig ist es, dass Anfang des...
  • Eva Willig: Altersarmut vorprogrammiert! Mal wieder – peinlicher DGB! Es wird immer noch von Arbeitslosen statt von Erwerbslosen gesprochen. Was ist mit Rentenbeiträgen bei denen, die in eine Ausbildung gehen? Oder überhaupt mit Rentenbeiträ...
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