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Aus: Ausgabe vom 22.11.2019, Seite 15 / Feminismus
Solidarität von Männern erwünscht

Rücken frei an »Kampftagen«

Am 25. November wird weltweit für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen demonstriert. In Nürnberg unter dem Motto »Wir nehmen uns die Nacht zurück«
Von Gitta Düperthal
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»In 13 Frauenmorden ist Weihnachten«: Die Parole in Berlin-Mitte, unweit des Verlagsgebäudes, bezieht sich auf den Durchschnittswert

Am kommenden Montag, dem 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, gehen weltweit Feministinnen auf die Straße. Auch in vielen Städten in der Bundesrepublik gibt es Proteste. »Wir nehmen uns die Nacht zurück«, heißt es etwa in Nürnberg. »Wir wollen an diesem Frauenkampftag öffentlich und laut darauf aufmerksam machen, dass es in Deutschland und insbesondere auch in unserer Stadt Femizide gibt und das einfach so hingenommen wird«, so die Sprecherin des 8.-März-Bündnisses Nürnberg, Meru Prenzing, am Donnerstag gegenüber junge Welt. Laut Statistik des Bundeskriminalamts versucht allein in Deutschland jeden Tag ein Mann, seine Partnerin oder Expartnerin zu töten, jeden dritten Tag gelingt es einem. Hinzu kommen die Morde an Frauen, die von anderen Männern ausgeübt wurden, sowie versuchte Tötungsdelikte. Zum Beispiel stach im Dezember 2018 ein Mann in Nürnberg drei Frauen völlig willkürlich mit dem Messer nieder und verletzte sie schwer. Sie seien eben »zur falschen Zeit am falschen Ort« gewesen, habe die Presse daraufhin den Oberstaatsanwalt zitiert, erinnert Prenzing. Anfang 2019 sei erneut eine Messerattacke auf eine Frau verübt worden.

»Mit dem Erstarken der Neuen Rechten nehmen Antifeminismus und offen demonstrierter Frauenhass zu«, analysiert sie. Bedenklich sei die gleichgültige Reaktion der Gesellschaft darauf, mitunter gar mit Schuldzuweisung an Frauen: »Was gehen sie auch so spät am Abend noch auf die Straße!« Trotz der Gefahrenlage seien Beratungsstellen und Frauenhäuser durch Kommunen und Bundesländer unterfinanziert und ständig in ihrer Existenz bedroht. Damit müsse jetzt Schluss sein. »Wir brauchen selbstorganisierte kulturelle Versammlungsorte für Frauen zur feministischen Selbstbehauptung und Selbstverteidigung«, fordert das 8.-März-Bündnis Nürnberg. Vor allem sei aber auch die Solidarität linker Männer und Aktivisten gefragt. Diese könnten sie zeigen, indem sie den Frauen an deren »Kampftagen« wie dem 25. November den Rücken freihielten, etwa Essen kochten oder Kinderbetreuung organisierten.

Historisch wird am Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen an die drei Schwestern Patria, Minerva und María Teresa Mirabal erinnert, die am 25. November 1960 als Regimegegnerinnen in der Dominikanischen Republik unter der Trujillo-Diktatur ermordet wurden. Ihr politischer Widerstand und ihr Tod verstärkten den Kampf der Bevölkerung gegen die faschistische Diktatur, so dass diese überwunden werden konnte.

Debatte

  • Beitrag von Reinhold H. aus N. (23. November 2019 um 18:35 Uhr)
    Die Diskussion über Gewalt/Verbrechen an Frauen hat in meinen Augen einen falschen Zungenschlag. Es kann doch nicht sein, dass Frauen und ihre Kinder für an ihnen begangene Verbrechen auch noch bestraft werden, weil sie die gemeinsame Wohnung verlassen müssen. Richtig wäre es, wenn der Täter die Wohnung verlassen müsste und sich dieser Wohnung auch nicht mehr nähern dürfte.

    Ich finde es unerträglich, dass die Opfer unter Umständen in Notunterkünften wohnen müssen, während der Herr Verbrecher weiter in seiner komfortablen Wohnung bleiben darf.

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