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Aus: Ausgabe vom 22.11.2019, Seite 2 / Inland
Klimastreik an Hochschulen

»Wir können nicht mehr weiter abwarten«

»Students for Future« organisiert Unistreik, da Schülerproteste keine Wirkung auf Politik zeigen. Ein Gespräch mit Lea Knoff
Interview: Gitta Düperthal
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Demonstration von »Fridays for Future« im Berliner Regierungsviertel (20.9.2019)

Die Gruppe »Students for Future Deutschland« ruft für die Woche vom 25. bis 29. November zum Klimastreik auf. Statt des regulären Hochschulbetriebes sollen lokale Gruppen in mehr als 40 Städten Seminare und Workshops organisieren. Was bezwecken Sie damit?

Wir wollen eine politische Bildungsoffensive starten. Ab Montag werden wir für eine Woche den universitären Standardbetrieb aussetzen und eigene Veranstaltungen anbieten. Dozentinnen und Dozenten laden wir ein, entweder zu pausieren oder ihre Veranstaltungen innerhalb unseres Streiks zu öffnen und zur Klimakrise abzuhalten.

Wir wollen die Tore der Uni für die ganze Gesellschaft öffnen und damit Raum für Austausch, Wissensweitergabe und Mitgestaltung bieten – auch für Schülerinnen, Eltern, Arbeitnehmerinnen, Rentnerinnen und Wissenschaftlerinnen: eine Hochschule für alle. Es wird Zeit, Alternativen breit zu diskutieren.

Welche Probleme wollen Sie damit adressieren?

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass es eine akute Klimakrise gibt – aber nichts bewegt sich. Wir fordern, der Wissenschaft endlich Gehör zu verschaffen und politische Handlungen folgen zu lassen. In Leipzig werden wir unter anderem die ökonomischen Grundlagen des Klimawandels diskutieren und uns dem Thema widmen: »Die Hütte brennt – Klimakrise, politisches Versagen und der Kampf für eine andere Welt«.

Wir brauchen einen großen strukturellen Wandel in unserer Gesellschaft. Die Weltgemeinschaft hat im Pariser Klimaabkommen von 2015 beschlossen, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, möglichst auf 1,5 Grad. Die Beschlüsse des sogenannten Klimaschutzpakets der Bundesregierung liegen aber weit unter dem, was politisch und technisch machbar ist: Ein Armutszeugnis! Die monatelangen Klimaproteste der Schülerinnen und Schüler von »Fridays for Future«, die freitags die Schulen bestreikten, haben nichts gebracht. Das zeigt, dass wir nicht ernst genommen werden.

Agieren Sie getrennt von »Fridays for Future«?

Nein, wir sind mit den Schülerinnen und Schülern in engem Kontakt und wollen deren Aktivitäten in Kooperation mit ihnen ergänzen. Es gilt, das Klimathema an vielen Institutionen zu setzen, auch an den Universitäten. Der Wissenschaftsbetrieb muss aufgrund seiner gesellschaftlichen Vorbildfunktion dafür sorgen, dass die Debatte in alle Schichten der Gesellschaft hineinstrahlt. Wir werden dies aktiv organisieren.

In der sogenannten 68er-Bewegung waren die Studierenden eher die Impulsgeber. Schülerinnen und Schüler schlossen sich ihnen an.

Wir haben es heutzutage mit einer anderen Ausgangssituation an den Hochschulen zu tun. Die Studierenden sind durch den sogenannten Bologna-Prozess seit 1999 mit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System einer Verschulung sowie starkem Leistungsdruck ausgesetzt – was mehr Arbeitsbelastung bedeutet. Allein schon deshalb müssen wir streiken und pausieren, um Zeit zu haben, politisch aktiv zu werden.

Wie lief die Mobilisierung?

Es war schwierig. Wir haben Umfragen unter den Studierenden gemacht, ob sie sich am Klimastreik beteiligen wollen, und verschiedene Level einer möglichen Bereitschaft abgefragt; Aktiventreffen mit etwa jeweils 100 Leuten organisiert, in Vorlesungen und Seminaren das Gespräch mit dem Lehrpersonal gesucht.

Werden »Students for Future« sich beteiligen, wenn am 30. November Tausende Aktive von »Ende Gelände« die Kohleinfrastruktur im Lausitzer Revier blockieren?

Wir sind mit dieser Klimabewegung bereits verbunden und müssen uns jetzt überlegen, ob angesichts der verschärften Klimakrise ziviler Ungehorsam auch aus unserer Sicht notwendig ist.

Wie verbreitet ist die Kritik am Status quo unter den Studierenden?

Ein Radikalisierungsprozess findet statt, weil wir registrieren mussten, dass der bisherige Protest der Schülerbewegung trotz allen Engagements nichts gebracht hat. Wir können nicht mehr weiter abwarten, müssen uns stärker organisieren, den Druck erhöhen und als Bewegung breit und laut werden.

Lea Knoff ist Aktivistin von »Students for ­Future« in Leipzig und Mitglied im bundesweiten Koordinierungskreis für die bevorstehende Klimastreikwoche

Debatte

  • Beitrag von Henrik M. aus L. (22. November 2019 um 15:09 Uhr)
    »Bildungsoffensive«

    »für die ganze Gesellschaft öffnen«

    »Raum [] bieten«

    »strukturellen Wandel«

    »gesellschaftlichen Vorbildfunktion«

    »Debatte in alle Schichten der Gesellschaft«

    ...

    Da fehlt nur noch ein Eckpunktepapier.

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