Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 21.11.2019, Seite 1 / Titel
Israel gegen Syrien

Raketen auf Damaskus

Israelische Luftwaffe bombardiert Ziele in Syrien. Angriff richtete sich offenbar gegen iranische »Al-Kuds-Truppe«
Von Knut Mellenthin
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Nach dem israelischen Raketenangriff wurden am Mittwoch Verletzte in Krankenhäusern behandelt

Israelische Kampfflugzeuge haben am frühen Mittwoch morgen »Dutzende« von Objekten der iranischen Al-Kuds-Truppe und der syrischen Streitkräfte in der Umgebung von Damaskus angegriffen. Zu den Zielen gehörten nach Aussagen israelischer Militärsprecher Waffenlager, Stützpunkte und Boden-Luft-Raketen. Angeblich handelte es sich um eine Vergeltungsaktion, nachdem am Dienstag vier aus Syrien kommende Raketen von der israelischen Luftabwehr abgefangen worden seien.

Die syrische Nachrichtenagentur ­SANA meldete, »die meisten« Raketen der Angreifer seien zerstört worden, bevor sie ihre Ziele erreichen konnten. Zwei Zivilisten seien jedoch getötet und mehrere andere verletzt worden, als eine Rakete ein Haus zerstörte. Im Gegensatz dazu behauptete die in London ansässige »Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte«, mindestens elf »Kämpfer« seien getötet worden, unter denen sieben Ausländer, vermutlich Iraner, gewesen seien. Über die Quelle und die Zuverlässigkeit ihrer Informationen schwieg die Gruppe, die als publizistischer Arm der regierungsfeindlichen syrischen Kräfte agiert. Die israelischen Streitkräfte machten zunächst keine Angaben über die genauen Ziele und die Folgen der Angriffe. Erwähnt wurde lediglich eine »Einrichtung« der Al-Kuds-Truppe am Internationalen Flughafen von Damaskus, die der Koordinierung iranischer Militärlieferungen nach Syrien und in ungenannte »andere Länder« gedient habe. Dabei seien vermutlich mehrere Iraner getötet und verletzt worden. Von iranischer Seite gab es wie üblich keinen Kommentar.

Israelische Militär- und Regierungskreise schweigen traditionell über eigene Angriffe. In der Regel wird nicht einmal bestätigt oder dementiert, dass sie stattgefunden haben. In auffälligem Bruch mit dieser Praxis rühmen sich israelische Stellen seit einigen Jahren, man habe »Hunderte iranische Ziele« in Syrien angegriffen und nennen Einzelheiten zu manchen Aktionen. Die dahinter stehende Absicht ist offenbar, die Iraner zu provozieren, die bis jetzt konsequent auf Gegenschläge verzichtet haben. Vor etwa drei Monaten begannen israelische Politiker und Medien zu behaupten, in der iranischen Führung sei entschieden worden, künftig auf jeden Angriff sofort zu reagieren. Beweise für diese Darstellung gibt es nicht. Alle iranischen Stellen bemühen sich immer noch gemeinsam, die in Syrien erlittenen Menschenverluste und Sachschäden totzuschweigen.

Die israelischen Luftangriffe vom Mittwoch können in Zusammenhang mit den anscheinend ergebnislosen Bemühungen um die Bildung einer neuen Regierung gesehen werden. Die Parlamentswahlen im April und September brachten weder für Premierminister Benjamin Netanjahu noch für Oppositionsführer Benjamin Gantz mit seinem Bündnis »Blau und Weiß« eine ausreichende Basis für eine Koalition unter ihrer Führung. Aber auch Gespräche über die Bildung einer breiten Einheitsregierung verliefen bisher erfolglos. Nachdem zuvor schon der zuerst mit der Regierungsbildung beauftragte Netanjahu gescheitert war, endete am Mittwoch auch die Frist für Gantz, eine Koalition zusammenzubringen. Zugleich erklärte Avigdor Lieberman, der Vorsitzende der laizistisch-nationalistischen Partei »Israel Beitenu«, dass er weder Netanjahu noch Gantz stützen werde. Damit ist die von niemand gewollte Option einer dritten Wahl wahrscheinlich geworden. Aber ein Krieg oder eine glaubhafte Kriegsgefahr könnten dazu führen, dass es doch noch zu einer Einheitsregierung kommt.

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