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Klein gegen groß

Von Gabriele Damtew
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Da kann man schon mal jubeln: Finnland qualifiziert sich nach 3:0 gegen Liechtenstein am 15. November in Helsinki erstmals für EM

Die Autorin der Unterklassen war schier aus dem Häuschen. Sie schaute die European Qualifiers – welch nüchterner Ausdruck für ein zyklisches Drama des Lebens. Klein gegen groß oder, bedeutungsschwangerer, groß gegen klein. Tränen ihrer Freude füllten die dafür zuständigen Drüsen, und ein kleines bisschen davon bahnte sich sogar den Weg über ihre rosigen Wangen. Es muss die linke gewesen sein, da wo das Herz ist.

Wie ihre treuen Leser zu Recht vermuten, war diese Wallung der Gefühle keineswegs einem durchaus überraschenden Erfolgserlebnis der deutschen Spielgemeinschaft zu danken (4:0), die unter unfairer Zuhilfenahme einer ohrenbetäubenden Bigband mit einem bei weitem unterlegenen Gegner dennoch zu kämpfen hatte, der fälschlicherweise als Weißrussland bezeichnet wird, obwohl die etymologisch korrekte Bezeichnung Westrussland lauten müsste, kurz: Belarus.

Ja, wie Sie ganz richtig annehmen, war es ein nur mit dem Mikroskop auf der europäischen Landkarte auszumachender Kontrahent, welcher der Autorin diese selbst für sie als Grande Dame der Unterwelt ungewöhnlich starken Gefühle abrang. Ein Name wie Musik. San Marino! Die, wie es heißt, älteste Republik der Welt, und ausgerechnet deren Mannschaft schoss ein Tor! Der erste Treffer im Angesicht der Repubblica seit sechs Jahren. Geschossen von Filipo Berardi. Ein Name wie geschaffen für einen Bildhauer oder Torschützen, einen Künstler. Nach diesem glorreichen Tor gegen die Kasachen (1:3) kann das gesamte Staatsgefüge von 33.400 Einwohnern mit den insgesamt 46 Gegentreffern durchaus feierlich umgehen.

Noch stärker als San Marino präsentierte sich der Kleinstaat Andorra, der mit einem Sieg gegen Moldawien und einem verrückten Unentschieden (2:2) zu Hause gegen Albanien in Zukunft noch Angst und Schrecken verbreiten könnte. Ganz ohne Punkte, aber immerhin mit zwei Toren, stahl sich Lettland bisher durch die Qualifikationsrunde. Mehr möge kommen aus dem Land eines meiner Vorfahren. Die Zeiten einer EM-Teilnahme in Portugal gehen allerdings auf das Jahr 2004 zurück.

Die Unterklassen sind aber nicht nur zum Feiern da. Ihre eigentliche Existenzberechtigung liegt in Trost und Anerkennung derer, die die Tauben nur sehen, aber nie schmecken werden. Da braucht es die zarten und dennoch starken Schultern der Fußballphilosophin, an denen sich die Verlierer und Underdogs jederzeit ausweinen dürfen.

Ihren griechischen Wirt wird die Kolumnistin für den kommenden paneuropäischen Sommer allerdings auf Eis legen müssen. Ohne die Griechen im Wettbewerb gäbe es keine Ouzos mehr aufs Haus, es sei denn, der Erzfeind verlöre. Da schluckte die Kolumnistin ungern, spendet aber gern Empathie in Form von Abwesenheit. Es gilt vielmehr, sich mit den Finnen gemein zu machen, die ohne viele Worte Freud und Leid gleichermaßen begießen können. Perfekt für eine Mannschaft, die vollkommen aussichtslos ist und dazu im ersten großen Turnier einer herrlich unglorreichen Geschichte steht.

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