Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.11.2019, Seite 16 / Sport
Tennis

Eine sagenhafte Statistik

Das Endspiel der ATP-Finals war eine Schlacht der neuen Generation
Von Peer Schmitt
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Mit 21 Jahren jüngster Sieger in der Geschichte der ATP-Finals: Stefanos Tsitsipas

Am Ende einer Saison, die von Rafael Nadal und Novak Djokovic beherrscht wurde – die Nummern eins und zwei der Weltrangliste –, deutete sich doch noch so etwas wie ein Generationswechsel im Herrentennis an. Weder Nadal noch Djokovic kamen beim Jahresabschlussturnier, den ATP-Finals, die am Sonntag in London endeten, ins Halbfinale. Der Spanier begann das Turnier mit einer glatten Zweisatzniederlage gegen Alexander Zverev und lag in seinem zweiten Match gegen Daniil Medwedew, der Revanchepartie für das US-Open-Finale im August, im dritten Satz bereits 1:5 zurück, gewann am Ende aber im Tie-Break. Auch in seiner dritten Partie war er nicht unbedingt der bessere Spieler, setzte sich aber gegen den bereits qualifizierten Stefanos Tsitsipas mit 6:7, 6:4, 7:5 durch. Trotz seiner beiden Siege verpasste Nadal das Halbfinale wegen seines gegenüber Zverev schlechteren Satzverhältnisses (analog dem Torverhältnis beim Fußball). Die ATP-Finals bleiben das einzige ganz große Turnier, das er in seiner Karriere noch nicht gewinnen konnte. Eine empfindliche Lücke. Nadal ist einfach kein besonders guter Hallenspieler.

Djokovic wiederum verlor sein entscheidendes Spiel in der Gruppenphase gegen Roger Federer glatt mit 4:6, 3:6. Auch der Schweizer war mit einer glatten Zweisatzniederlage gestartet – 5:7, 5:7 gegen Dominic Thiem, der danach noch Djokovic in einer 6:7-6:3-7:6-Auszehrungsschlacht besiegte und sich als erster für das Halbfinale qualifizierte.

Von den »Big 3« gesellte sich ausgerechnet der 38jährige Schweizer Federer der neueren Generation zu. Sein Halbfinalgegner Tsitsipas ist 17 Jahre jünger – nicht eine, sondern zwei bis drei Tennisgenerationen. Federer und Tsitsipas spielten in diesem Jahr viermal gegeneinander. Der Schweizer gewann in Dubai und Basel, die wichtigeren beiden Matches aber konnte der Grieche für sich entscheiden: Anfang des Jahres das Achtelfinale bei den Australian Open und nun das Halbfinale der ATP-Finals mit 6:3, 6:4. Federer scheiterte an einer alten Schwäche, nutzte lediglich eine von zwölf Breakchancen. Tsitsipas wirkte ausgebuffter und effektiver. Die Spielanlage der beiden ist ähnlich offensiv, beide haben eine einhändige Rückhand. Federer spielt leicht variabler und riskanter, Tsitsipas weniger fehleranfällig, insgesamt konstanter. Im Finale gegen Thiem unterlief dem Griechen ab Beginn des zweiten Satzes eine gute Stunde lang nicht ein einziger unerzwungener Rückhandfehler. Bei seiner offensiven Ausrichtung und dem – erfreulicherweise wenigstens mittelschnellen – Hallenbelag eine sagenhafte Statistik.

Auch das Finale war ein Duell der einhändigen Rückhandschläge, obwohl Thiem es zunächst mit seiner mächtigen Vorhand cross-court dominieren konnte. Der 26jährige Österreicher gewann den ersten Satz knapp im Tie-Break. Doch Tsitsipas spielte von Beginn des zweiten bis Mitte des dritten Satzes makellos. Da führte er bereits mit Break, leistete sich jedoch ein schwaches Aufschlagspiel, und der Tie-Break musste entscheiden. Thiem entschied ihn. Mit drei Fehlern in direkter Folge: einer mit der Rückhand, zwei mit der Vorhand. Die Schlacht der neuen Generation endete 6:7, 6:2, 7:6 für Tsitsipas.

Es war sein Debüt bei den ATP-Finals. Mit 21 Jahren ist er der jüngste Sieger in der Geschichte des Turniers. Seinen Vorgängern Grigor Dimitrov und Alexander Zverev hatte der Gewinn des prestigeträchtigsten aller ATP-Turniere für das Folgejahr allerdings jeweils wenig Glück gebracht. Sie erlebten erhebliche Formabstürze in der anschließenden Saison.

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