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Aus: Ausgabe vom 19.11.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
»Organizing«

Kämpfen statt kuscheln

Online-Vorlesungen: US-Gewerkschafterin lehrt offensives Organisierungskonzept
Von Milan Nowak
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Besser organisieren, statt organisiert werden: Demonstration von LIUNA, der Gewerkschaft der Bauarbeiter in den USA und Kanada (New York, 25.10.2010)

Wie lernen wir, politische Kämpfe zu gewinnen? Zur Beantwortung dieser Frage finden schon seit dem 29. Oktober und noch bis zum 26. November weltweit Onlinevorlesungen mit der US-Gewerkschafterin Jane McAlevey statt. Sie erklärt, wie die Machtressourcen von Belegschaften ermittelt, Mehrheiten für Arbeitskämpfe gewonnen und Leute nachhaltig organisiert werden. Rund 2.000 Gewerkschafter und Aktivisten in über vierzig Ländern sind für die Vorlesungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der »Democratic Socialists of America« angemeldet. In Deutschland überträgt sie der Deutsche Gewerkschaftsbund.

Organizing, made in USA – kann das gutgehen? McAlevey zufolge haben US-Gewerkschaften lange falsch gearbeitet: Sie hatten in den 1930er und 1940er Jahren zahlreiche Arbeitskämpfe gewonnen und Arbeiter über den Betrieb hinaus, auch in ihren Wohnorten, organisiert. Ihr Druck nötigte die US-Bourgeoisie zu den »New Deal«-Reformen unter Präsident Franklin D. Roosevelt. Doch mit dem Wirtschaftsboom nach 1945 wurde »Sozialpartnerschaft« leichter als Klassenkampf – und im Zuge des Antikommunismus der McCarthy-Ära wurden linke Gewerkschafter verdrängt. Die »Unions« veränderten sich: Statt Selbstbefähigung und Aktivierung der Basis (»organizing«) setzten sich Stellvertretertum (»advocacy«) und fremdgesteuerte Ein-Themen-Kampagnen (»mobilizing«) durch. Das rächte sich in den 1970ern, als handzahme und starre Gewerkschaften den neoliberalen Umstrukturierungen nichts entgegensetzen konnten.

McAlevey rechnet mit den Fehlern ab, aber bleibt nicht in der Vergangenheit. Sie legt ihr Konzept anhand aktueller Kämpfe dar. Unter anderem nahm sie an Pflegestreiks in New England teil, wo die Beschäftigten vom »Klassenkuscheln« zum Klassenkampf übergingen. Klassenkämpfe würden nicht von Hauptamtlichen gewonnen – und Macht bauten die Unterdrückten nicht durch Zuschauen, Mitlaufen oder Jammern beim Betriebsrat auf. Diese Haltung vermittelt McAlevey auch in ihren »Global Lectures«: Statt bloß vorzulesen und Fragen zu klären, gibt sie Arbeitsaufträge und Hausaufgaben auf, die die Lernenden gemeinsam bearbeiten sollen. Nach der ersten Vorlesung sollten sie etwa in einem Beispielbetrieb herausfinden, wer dort am ehesten Widerstand organisieren kann (»organic leader«).

In der zweiten Vorlesung stellte McAlevey Betriebskarten vor, mit deren Hilfe die Aktiven sich ein Bild vom Betrieb verschaffen und Ziele sowie Arbeitsschritte visualisieren sollten. Auch Gesprächsführung war ein Thema: Man solle mit Kollegen nicht wie ein Kümmerer oder Verkäufer reden, sondern gemeinsam Probleme und Lösungen erörtern.

In den letzten Vorlesungen am heutigen Dienstag und am 26. November wird es um Strukturtests, Mehrheitenermittlung und um die Einbeziehung der gesamten Lebensgemeinschaft der Betroffenen (»Whole-Worker-Organizing«) gehen. Jedoch musste man sich schon zur ersten Vorlesung anmelden, denn die Reihe soll ein kontinuierlicher Lernprozess sein. Es reicht nicht, sich allein die Videos anzuschauen! Wer dennoch Interesse hat, kann mit Kollegen das neue Buch von Jane McAlevey »Keine halben Sachen« lesen und die Ideen erproben – oder beim örtlichen DGB nachfragen.

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