Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.11.2019, Seite 8 / Ansichten

Unschuldslamm des Tages: Thomas Middelhoff

Von Simon Zeise
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Thomas Middelhoff bei der Präsentation seiner Autobiographie (Berlin, 20.8.2019)

Thomas Middelhoff ist ein geläuterter Mann. Einst Star am Managerhimmel, Vorstandschef bei Bertelsmann und Arcandor, übermannte ihn die Lust am Geschäft, und plötzlich sah er sich wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren auf Bewährung verknackt. Doch schnell hatte der Gute ein Einsehen und da auch der Staat ein Herz für die oberen Zehntausend hat, wurde Middelhoff nach eineinhalb Jahren am 16. November 2017 wegen guter Führung entlassen.

Seitdem gibt er sich bescheiden. Seine Autobiographie »Schuldig. Vom Scheitern und Wiederaufstehen« geht ans Herz: Mehr als 40 Jahre lang habe er früher »maßlos, bis in die Nacht« gearbeitet. Dann, im Gefängnis las er spätestens um halb sechs Uhr morgens in der Bibel, um »innere Kraft und Ruhe« zu tanken. Und siehe da: Er ist geheilt! »Vielleicht ist es gerade die Demut, die in unserer von Leistung und Konsum geprägten Gegenwart am ehesten in Vergessenheit gerät.«

Nur die fiesen Insolvenzverwalter und Gläubiger lassen den armen Mann nicht zufrieden. Forderungen in Höhe von mehr als 415 Millionen Euro lasten auf dem einstigen Firmenlenker. Die kleinkarierten Erbsenzähler wollen ihm das letzte Hemd ausziehen: 2012 soll Middelhoff einen Privatkredit über drei Millionen Euro aufgenommen haben. Im Gegenzug habe er sogar die Rechte an seiner Autobiographie abgetreten! Doch das Geld ist heute nicht mehr zu finden. Der älteste Sohn, Jan Middelhoff, hätte Auskunft geben können. Der Insolvenzverwalter geht davon aus, dass Papis Liebling die Geldgeber in den USA getroffen habe, während Big Daddy im Knast saß. Jan gab schmallippig Auskunft, es habe sich nur um eine Privatreise gehandelt. Doch am Montag wendete sich das Blatt. Der Richter am Landgericht Düsseldorf verdonnerte Klein-Jan zu einer eidesstattlichen Erklärung. Mal sehen, ob Middelhoff demütig bleibt, wenn Junior zur Plaudertasche wird.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Schlampiger Sprachgebrauch Was denn nun? »... drei Jahre auf Bewährung« – was immer das denn auch heißen soll? Oder eine Gefängnisstrafe – in welcher Höhe? Und: »... nach eineinhalb Jahren (...) wegen guter Führung entlassen.«...

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