Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.11.2019, Seite 8 / Ansichten

Nur Neid und Hass

Der Westen gegen die VR China
Von Sebastian Carlens
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Ein Mediengewächs westlicher Provenienz: Der Hongkonger Separatist Joshua Wong am 11. September in Berlin vor der deutschen Presse

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass die honorigsten bürgerlichen Blätter der Republik unisono mehr Gewalt fordern. Nur, wenn es gegen unbotmäßige Regierungen geht, in Lateinamerika oder in Asien – wenn gewählte Präsidenten wie Evo Morales oder Nicolas Maduro gestürzt werden sollen, oder wenn am Perlflussdelta ein Mob außer Rand und Band gerät. Dann entzünden sich die kühnsten Hoffnungen, mit einer Handvoll Hongkong-Bürger ganz China mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern destabilisieren zu können. Absurd, aber dennoch: Anders ist es nicht zu erklären, wenn der juvenile Fanatiker Joshua Wong in der Süddeutschen Zeitung feststellen darf, dass »friedlicher Protest allein nicht ausreicht«. Der 23jährige habe »Erfahrung an der Front«, so der Titel aus der Montagausgabe.

Die besitzt er natürlich nicht, und die Tatsache, dass Wong durch die Zeitungen der Bundesrepublik gereicht wird, hat den Hintergrund, dass er bei den radikalen Separatisten in der chinesischen Sonderverwaltungszone längst ausgebootet worden ist, diese Scharte gilt es durch gesteigerte Verbalaggressivität auszuwetzen. Für die Süddeutsche aber »steht er für die Demonstranten in Hongkong«, weil sie es so will, wie für Springers Welt der in der BRD lebende chinesische Hausdissident Liao Yiwu eine Art Onkel Tom ist, den man nach Belieben (oder Unvermögen) duzen kann: »Yiwu: ›Ich hoffe, dass Hongkong das Waterloo der Kommunisten wird‹.«

Das mag Herr Liao sich und seiner Patronage in Berlin wünschen, realistischer wird es nicht. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Es gibt in der restlichen Volksrepublik keinen Funken Sympathie für die Randale. Es gibt nicht einmal in Hongkong Mehrheiten für die Gewalttäter. Und – es wäre überflüssig zu erwähnen, doch gegen die geballte Ladung an Fake News kommt man kaum mehr an –: auch nicht in der Bundesregierung. Für die ist die Sache eine innerchinesische Angelegenheit, objektiv sogar hochgefährlich. Laufen doch viele westliche Kapitalströme über Hongkong in die Volksrepublik, die nicht deshalb versiegen werden, weil die Stadt in einen Trümmerhaufen verwandelt wird. Solange es Profite zu machen gibt, wird sich das Geld seinen Weg bahnen, zukünftig eben über Shanghai, Guangzhou oder Beijing. Aber dann eben nicht mehr zu den besonderen Konditionen, die Hongkongs Status »ein Land, zwei Systeme« dem Westen aktuell gewährt.

Der faulende deutsche Spätkapitalismus reagiert mit Neid und Hass bis hin zu selbstverletzendem Verhalten auf Chinas Aufstieg. Die Hetze zielt dabei auf das hiesige Publikum, nach der Rechnung, dass sich, wem man Luftangriffe der Bundeswehr als Einsatz für »Freiheit« und »Menschenrechte« verkaufen kann, auch Brandbombenwerfer als Kämpfer für »die Demokratie« unterjubeln lassen. Doch selbst das dürfte nicht mehr aufgehen. Der Vertrauensverlust in die bürgerlichen Medien – er geht unvermindert und selbstverschuldet weiter.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Dietmar Hänel, Flöha: Macht und Einfluss Die Eskalation der so genannten Proteste in Hongkong kommt nicht von ungefähr, wenn man die Entwicklung ähnlicher Proteste in den vergangenen Jahren in anderen Ländern betrachtet. Deklariert als »Farb...
  • Istvan Hidy, Stuttgart: Sackgasse Westeuropa Tatsache ist, dass der deutsche Spätkapitalismus auf Chinas Aufstieg absolut falsch reagiert, aber darüber hinaus mit der EU eine absolute falsche Außenpolitik betreibt. Politik heißt die Kunst, an di...

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