Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.11.2019, Seite 12 / Thema
Soziale Ungleichheit

Verharmlost und verdrängt

Die Klassenstruktur des Finanzmarktkapitalismus im Zerrspiegel der »postmodernen« Soziologie
Von Christoph Butterwegge
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In der Bundesrepublik lassen sich krasse Formen der Ungleichheit beobachten – wenn man denn hinsehen will (Flaschensammler in einem U-Bahnhof in Köln)

In diesen Tagen erscheint im Verlag Beltz Juventa von Christoph Butterwegge das Buch »Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor einen kurzen, redaktionell bearbeiteten Auszug. (jW)

Zu keinem Zeitpunkt haben sich die Sozialwissenschaften in (West-)Deutschland ernsthaft mit dem Problem der Ungleichheit auseinandergesetzt und nach Möglichkeiten zu seiner Lösung gesucht, das besagte Phänomen vielmehr zum Teil sogar einfach geleugnet. Die Geschichte der bundesrepublikanischen Nachkriegssoziologie war nicht zuletzt die Geschichte zahlloser Versuche, die als marxistische Signalbegriffe verpönten Termini »Klasse« bzw. »Klassengesellschaft« durch weniger brisante Kategorien zu ersetzen, ihren Wortsinn zu entschärfen oder sie auf andere Weise ideologisch zu entsorgen.

Neue Klassenstruktur

In seinem nicht bloß von Deutschlands Boheme begeistert aufgenommenen Buch »Die Gesellschaft der Singularitäten« aus dem Jahr 2017 behauptet der Kultursoziologe Andreas Reckwitz, die industrielle Moderne habe sich zuletzt »in Richtung einer weitgehend klassenlosen Gesellschaft« entwickelt. Hingegen markiere die »Kulturalisierung und Singularisierung des Sozialen in der Spätmoderne« den Beginn einer »neuen Klassengesellschaft«, die sich laut Reckwitz jedoch anders zusammensetzt als die vergangene. Als »sozial-kulturelle Klasse« bezeichnet Reckwitz eine Gruppe, die aufgrund der Ausstattung mit sozial relevanten Ressourcen (Kapital) bzw. einer bestimmten Form der Arbeit eine gemeinsame soziale Position mit einem kulturellen Muster der gemeinsamen Lebensführung verbindet. Kern der »neuen Mittelklasse«, die Reckwitz auch »akademische Mittelklasse« oder »Akademikerklasse« nennt, sind nach seiner Erkenntnis jene Menschen, die in der sogenannten Kreativwirtschaft (Computerindustrie, Internet, Medien, Kunst, Design, Marketing usw.) arbeiten: »Es ist die akademische Mittelklasse – besonders angestoßen vom kreativen Milieu –, die in der Spätmoderne in grundsätzlicher und tonangebender Manier an der Singularisierung und Kulturalisierung ihres Lebensstils arbeitet, in dem ein bestimmtes Verhältnis zur ›Kultur‹ sowie der Wert und das Erleben des Einzigartigen leitend wirken. Authentizität, Selbstverwirklichung, kulturelle Offenheit und Diversität, Lebensqualität und Kreativität sind die Parameter dieses Lebensstils, der auch über die Grenzen ihrer primären Trägergruppe hinaus Strahlkraft erlangt und zu einer Hegemonie geworden ist.«

Mit der realen Arbeitswelt, die von A wie Amazon bis Z wie Zalando reicht, und der Lebenswirklichkeit von Geringverdienern unserer Tage – etwa Pickern, die als Saisonarbeiter beim weltgrößten Onlineversandhändler beschäftigt sind – hat das von Reckwitz entworfene Gesellschaftsidyll der Singularitäten ebensowenig zu tun wie mit der polarisierten Sozialstruktur in Deutschland. Wieso eine Hochschulbildung, deren »Marktwert« seit geraumer Zeit tendenziell sinkt, eine gesellschaftliche Privilegierung ihrer Träger und deren Etablierung als eigene Klasse begründen soll, erschließt sich nicht. Da mittlerweile auch hierzulande ein Großteil der Heranwachsenden das Abitur macht und studiert, garantiert ein Hochschuldiplom heute nämlich gerade keine gesicherte Berufsposition von Akademikern mehr. Dies gilt erst recht nach der Bologna-Reform, die das Hochschulwesen (uni)formiert, die akademische Bildung entwertet und mit dem Bachelor einen Kurzstudiengang eingeführt hat. Keiner dieser akademischen Abschlüsse schafft für die Mitglieder einer sozioökonomisch inzwischen extrem heterogen zusammengesetzten Gruppe eine gemeinsame Klassenlage. Was hat beispielsweise der steinreiche Eigentümer oder auch der hervorragend bezahlte Manager eines profitablen Dotcom-Unternehmens mit einem miserabel entlohnten Scriptgirl beim Film oder mit einer prekär beschäftigten Bühnenbildnerin am Stadttheater in der Provinz zu tun, die ebenfalls Akademikerinnen sind? Anders gefragt: Sichern nicht gerade die bescheidenen Honorare für Freiberufler im künstlerisch-kreativen Bereich, von denen sich kaum leben lässt, die horrenden Profite der großen Medienkonzerne?

Dass der Klassenbegriff bei »spät-« oder »postmodernen« Sozialstrukturanalytikern trotz ihrer geringen Sensibilität für Prekarisierungstendenzen, Ausbeutungspraktiken und Unterdrückungsmechanismen fröhliche Urständ feierte, lag einerseits an der kaum mehr zu übersehenden Polarisierung von Einkommen und Vermögen, die nach begrifflicher Klarheit verlangte. Andererseits wirken mögliche Alternativkategorien, etwa Schicht, Milieu oder Lebensstil, gegenüber dem Klassenbegriff eher bieder, blass und blutleer, weil mit diesem nicht wie bei jenen von Macht und Herrschaft abstrahiert, sondern die Verwurzelung der Gesellschaftsstruktur in den Produktions- und Eigentumsverhältnissen zum Ausdruck gebracht wird.

Reckwitz greift den Klassenbegriff zwar auf, kulturalisiert ihn aber und benutzt ihn auf eine Weise, die an Beliebigkeit kaum noch zu überbieten ist: Da gibt es die »alte Mittelklasse« ebenso wie die »neue Unterklasse«, die »neue Akademikerklasse« und die »Dienstleistungsklasse«, während Arbeiter und Kapitalisten offenbar gar nicht mehr existieren oder unbemerkt in einem der »neuen« Klassentypen aufgegangen sind.

Bourdieu und die Folgen

Auch treibt Reckwitz die Inflationierung des Kapitalbegriffs weiter voran, die mit seiner fortschreitenden Sinnentleerung und einer Verschleierung bestehender Herrschaftsverhältnisse einhergeht. Begonnen hatte dieser Prozess, als neoliberale Ökonomen ihre Theorie des »Humankapitals« entwickelten. Dieser nicht bloß bei Humanisten pejorativ besetzte Terminus wurde 2004 in Deutschland sogar zum »Unwort des Jahres« gewählt.

Mit seiner Unterscheidung zwischen dem »ökonomischen«, dem »kulturellen« und dem »sozialen Kapital« verfolgte der französische Soziologe Pierre Bourdieu eine gesellschaftskritische Intention, die sein Vorwurf gegenüber der Wirtschaftswissenschaft erkennen ließ, sich nur mit den Marktbeziehungen, aber nicht mit dem Privateigentum, dem Profit, der Lohnarbeit usw. als den Grundlagen ihres eigentlichen Gegenstandsbereichs zu befassen. Bourdieus eigener Klassenbegriff blieb allerdings verschwommen, definierte er eine soziale Klasse doch ausdrücklich weder durch ein Merkmal noch durch eine Summe von Merkmalen wie Alter, Geschlecht oder soziale und ethnische Herkunft, aber auch nicht durch eine ganze Kette von Merkmalen, die von einem Hauptindikator wie der Stellung in der materiellen Produktion kausal abzuleiten wären: »Eine soziale Klasse ist vielmehr definiert durch die Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen, die jeder derselben wie den Wirkungen, welche sie auf die Praxisformen ausübt, ihren spezifischen Wert verleiht.«

Möglicherweise durch Probleme der Übersetzung bedingt, wirkte diese Definition doch ziemlich verquast. Der Soziologe Max Koch sieht den entscheidenden Mangel von Bourdieus Theorie darin, dass sie die Begriffe des Kapitals und der Klasse lediglich rein verteilungstheoretisch, d. h. im Sinne der Verfügungsgewalt über gesellschaftliche Ressourcen fasse, mit denen jedes Individuum in unterschiedlichem Maße ausgestattet sei. Somit mache Bourdieu alle Menschen kurzerhand zu Kapitalisten, ohne im Rahmen seiner Kapitaltheorie ihre ökonomischen Praktiken befriedigend erklären zu können. In seinem 1994 veröffentlichten Buch »Vom Strukturwandel einer Klassengesellschaft« schreibt Koch: »Denn mit der Produktion fällt eine Seite des Stoffwechsels aus der Analyse heraus. Bourdieu verbleibt auf der Ebene der Zirkulation, auf der des Marktes, ohne die Aneignung und die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums als zwei Seiten ein und derselben Medaille zu erkennen. Da bei ihm wie in der Humankapitaltheorie so unterschiedliche Begriffe wie Marktteilnehmer und Kapitalist zusammenfallen, kann er das Klassenverhältnis nicht mehr als ein soziales Verhältnis erfassen, das auf der ökonomischen Ausbeutung fremder Arbeit beruht.«

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Die neueste Soziologie entdeckt zwar den Klassenbegriff wieder, für den immer noch zentralen Widerspruch von Kapital und Arbeit, Reichtum und Armut, oben und unten interessiert sie sich aber nicht (vor einem Uhren­geschäft in Frankfurt am Main)

Ein findiger, nach Reputation strebender und auf mediale Resonanz bedachter Wissenschaftler könnte mühelos weitere »Kapitalsorten« erfinden. Zu denken wäre beispielsweise an das akademische, analytische, intellektuelle, kognitive, emotionale, wissenschaftliche, theoretische, praktische, systematische, sprachliche, journalistische, publizistische, poetische, literarische, belletristische, lyrische, fiktive, virtuelle, kulinarische, pädagogische, philosophische, zivilisatorische, biologische, demographische, geographische, touristische, meditative, religiöse, karitative, philanthropische, moralische, ethische, kriminelle, ethnische, artifizielle, ästhetische, kreative, künstlerische, medizinische, sportliche, artistische, athletische, militärische, physische, psychische, somatische, haptische, körperliche, sexuelle, pornographische und erotische Kapital. Den zuletzt genannten Begriff hat die britische Soziologin Catherine Hakim jedoch bereits mit ihrem Buch »Honey Money. The Power of Erotic Capital« aus dem Jahr 2011 salonfähig gemacht.

Dass der menschlichen Phantasie im Hinblick auf die weitere Zerfaserung und Zersplitterung des Kapitalbegriffs offenbar keine Grenzen gesetzt sind, bewies Reckwitz, als er den genannten, größtenteils willkürlich konstruierten und immer weiter vermehrten Kapitalformen das »Aufmerksamkeits-«, das »Reputations-« und das »Singularitätskapital« hinzufügte. Letzteres soll eine Kombination der beiden ersteren und »das kulturelle Kapital des als einzigartig Geltenden« sein: »Der Kulturkapitalismus ist ein Singularitätskapitalismus, indem die Singularität eines Gutes zu dessen Kapital wird.«

Nur jenes Kapital, dem Marx sein Hauptwerk widmete und das sich mit ihm in Agrar-, Handels-, Manufaktur-, Industrie-, Boden-, Immobilien- und Finanzkapital, aber auch in Geld-, produktives und Warenkapital sowie in fixes, konstantes und variables Kapital unterteilen lässt, spielte so gut wie keine Rolle mehr, entfaltet jedoch im Gegensatz zu den übrigen Kapitalsorten seit Jahrhunderten wirkliche Macht und liegt als Klassen- und Herrschaftsverhältnis einer fast in der ganzen Welt dominierenden Gesellschaftsformation zugrunde – dem Kapitalismus. Dieser begründet auch in Deutschland noch immer die sozioökonomische Ungleichheit, deren Dramatik unter dem Einfluss des Neoliberalismus weiter zunimmt.

Gesellschaftskritik – nirgends

In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften nehmen die systemapologetischen Tendenzen gegenwärtig eher zu. Wenn sich ökonomische, soziale, ökologische und/oder politische Probleme mehren, wächst in jeder Gesellschaft das Verlangen, die Augen davor zu verschließen, die mit ihnen verbundenen Gefahren zu verdrängen und sich das Debakel schönzureden. Ausgerechnet im Vorfeld schwerer ökonomischer oder ökologischer Krisen und in gesellschaftlichen Umbruchsituationen hat eine Beschönigungs- und Beschwichtigungsliteratur regelrecht Hochkonjunktur. Momentan greift sie den Klimawandel genauso wie den Themenkreis »Rechtsextremismus und Gewalt« oder das Problemfeld »Armut und sozioökonomische Ungleichheit« auf. Der Marburger Soziologe Martin Schröder etwa behauptet in einem kürzlich erschienenen Aufsatz, »fast ausnahmslos« werde die Ungleichheit in Deutschland »weitaus höher eingeschätzt, als sie tatsächlich ist«. Die sozioökonomische Ungleichheit an den unterschiedlich hohen Einkommen von Armen und Reichen festzumachen, wie das Schröder tut, basiert jedoch auf einem Trugschluss und gleicht einem statistischen Taschenspielertrick. Denn man kann zwar Armut mit einem geringen Einkommen gleichsetzen, darf Reichtum aber nicht auf ein hohes Einkommen reduzieren. Vielmehr gehört zum Reichtum immer auch und sogar in allererster Linie ein großes (Kapital-)Vermögen.

Auch gehört erhebliche Chuzpe dazu, Karl Marx und Oswald Spengler, dessen »Untergang des Abendlandes« bis heute Rassisten und Rechtsextreme wie die Protagonisten von »Pegida« (»Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«) inspiriert, eine »kulturpessimistische Sichtweise« vorzuwerfen (wie Schröder das in seinem Aufsatz unterstellt), weil ersterer im »Manifest der Kommunistischen Partei« eine Verarmung des Proletariats vorausgesagt habe. Wenn man sieht, unter welchen Arbeitsbedingungen und zu welchen Löhnen transnationale Konzerne die Bewohner von Ländern der sogenannten Dritten und Vierten Welt billige Massenware für die Konsumtempel des globalen Nordens produzieren lassen, ist genau das eingetreten, was Marx und Engels befürchtet hatten: die zu ihrer Zeit in diesem Maße noch kaum vorstellbare Bereicherung einer kleinen Schicht von Kapitaleigentümern bzw. Großaktionären durch brutale Ausbeutung und Verelendung einer riesigen Schar wehrloser Industriearbeiter. Dass jahrzehntelange Kämpfe der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung nötig waren, um ähnliche Verhältnisse, wie sie bis heute in Ländern des globalen Südens existieren, im westlichen Nachkriegskapitalismus zu verhindern, verschweigt Schröder, obwohl die Arbeits- und Lebensbedingungen von Millionen Beschäftigten des modernen Prekariats, von Paketboten, Fahrradkurieren und Mitarbeitern in deutschen Schlachtbetrieben, hieran durchaus erinnern.

Der frühere Caritas-Generalsekretär Georg Cremer beklagt den angeblichen »Niedergangsdiskurs« und konstatiert demgegenüber: »Deutschland ist gerechter, als wir meinen«. Er führte zur Begründung des Titels seines 2018 veröffentlichten Buchs hauptsächlich die »seit 2005 alles in allem erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik« und die gestiegenen Sozialausgaben an. Letztere sind in den fünf Jahren vor und in den ersten beiden Jahren nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 in Relation zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts jedoch sogar gesunken und könnten angesichts ihres Rekordstandes während des Konjunktureinbruchs ebensogut als Indiz für wachsende soziale Probleme gewertet werden. »Viel Geld für Sozialpolitik – das ist in erster Linie ein Armutszeugnis.« Übrigens gaben mehrere EU-Staaten (Frankreich, Dänemark, Österreich, Italien und Schweden) mehr für Soziales aus.

Deutschland ist aus mindestens zwei Gründen sogar ungerechter, als Cremer glauben machen will und die meisten Bürger annehmen dürften: Erstens ist die Dunkelziffer bzw. die Quote der Nichtinanspruchnahme, also der Anteil jener Personen, die aufgrund ihrer Armutslage staatliche Transferleistungen beantragen könnten, es aber nicht tun, sehr hoch. Sie beträgt bei der Grundsicherung für Arbeitsuchende (Hartz IV) ca. 50 Prozent und bei der Grundsicherung im Alter bis zu 68 Prozent. Von zwei möglichen Beziehern des Arbeitslosengeldes II stellt also einer keinen Antrag und von drei armen Seniorinnen verzichten zwei auf die ihnen zustehenden Transferleistungen. »Die gesellschaftliche Diskriminierung von Armut und der bürokratische Umgang damit bewirken, dass viele Benachteiligte auf soziale Rechte verzichten.« Betroffene wissen oft auch schlicht nicht, dass es diese Sozialtransfers gibt oder dass sie einen Anspruch darauf haben. Manche sind auch zu stolz, schämen sich oder scheuen den Papierkrieg mit einer Behörde. Wieder andere fürchten deren Unterhaltsrückgriff auf ihre Verwandten.

Zweitens wird die Reichtumskonzentration in Deutschland wegen genereller Probleme mit Vermögensdaten und besonders ungenügender Informationen zum oberen Randbereich systematisch unterschätzt. Das hat mit Helmut Schelskys Charakterisierung der »alten« Bundesrepublik als »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« ebenso zu tun wie mit Ludwig Erhards Leitbild der »Sozialen Marktwirtschaft« – Euphemismen für den (west-)deutschen Kapitalismus, die heute noch das Alltagsbewusstseins prägen. Auch erfassen die verfügbaren Datenquellen die höchsten Einkommen entweder – wie die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamtes – aufgrund einer »Abschneidegrenze« gar nicht oder sind gerade im obersten Bereich wegen Verschleierungstaktiken der Spitzenverdiener ziemlich ungenau. Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung haben herausgefunden, dass auch Studien zu den Verteilungsrelationen auf der Basis von Bevölkerungserhebungen die Vermögensungleichheit in Deutschland tendenziell unterschätzen. Schließlich kann man auch nicht auf offizielle Zahlen des Staates zur Verteilung der Privatvermögen zurückgreifen, weil dieser selbst über keine Daten mehr verfügt, seitdem er die Erhebung der Vermögensteuer zum 1. Januar 1997 beendet und die Kapitalertragsteuer zum 1. Januar 2009 in eine pauschale Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent umgewandelt hat, die von den (Depot-)Banken erhoben und ohne persönliche Veranlagung der Steuerpflichtigen an die Finanzverwaltung weitergeleitet wird.

Konformistische Wissenschaft

Wissenschaftler, die sich einen skeptischen Blick auf die Gesellschaftsentwicklung bewahrt haben, kritisieren häufig ihr Fach, weil es ratlos und davon abgekommen sei, politische Einstellungen vor dem Hintergrund von Klasseninteressen zu deuten. Je konformistischer die Soziologie und je marktfixierter die Ökonomie in Deutschland wird, um so weniger sind diese beiden für das Problem der Ungleichheit »zuständigen« Wissenschaften fähig, die Gesellschaft und deren Klassenstruktur zu entschlüsseln. Ihre genuine Funktion als nur der Wahrheit verpflichtete Fachdisziplinen ist aber nicht die Ideologieproduktion, sondern die Entmystifizierung der bestehenden Verteilungs-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Nur an der erscheinenden Oberfläche sind die Bürger demokratischer Staaten gleich, sei es bezüglich ihrer Rechte und politischen Einflussmöglichkeiten oder bezüglich ihrer Bildungs- und sozialen Aufstiegschancen. Schaut man genauer hin, entdeckt man krasse Formen der Ungleichheit, die sich nach wie vor in Klassen und Schichten materialisiert, wenngleich die Sozialstruktur heute differenzierter, komplexer und komplizierter zu durchschauen ist.

Christoph Butterwegge: Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland, Beltz Juventa, Weinheim 2019, 414 Seiten, 24,95 Euro