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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Klimaschutz und Klassenkampf

Koexistenz statt Kommunismus

Traum des sozialökologisch bewegten Kleinbürgertums: Luisa Neubauer und Alexander Repenning über das »Ende der Klimakrise«
Von Christian Stache
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Was tun, damit das Eis nicht verschwindet? Touristenboot in der Gletscherlagune Jökulsarlon, Island (Archivbild)

Der englische Kulturwissenschaftler Mark Fisher bezeichnete vor einigen Jahren das Unvermögen, sich eine andere Gesellschaft als die bürgerliche vorstellen zu können, als »kapitalistischen Realismus«. Auch die deutsche Frontfrau von »Fridays for Future«, Luisa Neubauer, und Alexander Repenning, Bildungsmanager der Right Livelihood Foundation, beklagen in ihrem Buch »Vom Ende der Klimakrise« mit Blick auf die Bewältigung des von Menschen gemachten Treibhauseffekts: »Uns fehlt eine Utopie.« Mit Emphase fordern sie ihre Leser auf: »Fangt an zu träumen!«

Das Bestürzende jedoch ist: Die Analyse der Klimakrise, die konkreten politischen Vorschläge und »Visionen eines anderen Morgen« der beiden Autoren wirken wie ein kapitalistischer Realismus zweiter Ordnung. Im Wissen um die Utopielosigkeit reicht ihre Vorstellungskraft nicht hin, über die – in diesem Fall: sozialökologische – Modernisierung der bürgerlichen Gesellschaft hinauszudenken. »Grünliberaler« Realismus, wenn man im Bild bleiben will.

Neubauer und Repenning sind allerdings keine »schwarz-grünen« »Erneuerer« à la Cem Özdemir oder Winfried Kretschmann. Für sie geht weder die Formel Markt plus »grüne« Technologie auf (obgleich sie beides ausdrücklich nicht grundsätzlich ablehnen), noch ist für sie die Klimakrise eine ausschließlich »individuelle Krise«. Konsum- und Lebensweisen sollen zwar verändert werden. Aber dieser Wandel bildet für die Autoren nicht den Dreh- und Angelpunkt der großen sozialökologischen Transformation.

Die Vermeidung der »größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte« ist ihnen zufolge vielmehr abhängig von der erfolgreichen Bearbeitung fünf miteinander verbundener Krisen. Die Auseinandersetzung mit ihnen bildet den Hauptteil des Buchs.

Die Verantwortungskrise bestehe darin, dass »politische Entscheidungsträger« ihrer »selbstgewählten Verantwortung« nicht nachkämen, »für das Wohl und Überleben der Gesellschaft zu sorgen«. Daher müsse man sie mit öffentlichem Druck und mit juristischen Klagen dazu zwingen. Ohnehin gehöre der Klimaschutz ins Grundgesetz.

Die Kommunikationskrise ergibt sich, so Neubauer und Repenning, aus der diskurspolitischen Schwierigkeit, in der Öffentlichkeit die angemessenen Begriffe für die Klimakatastrophe zu wählen, sie in den Medien durchzusetzen und mit einer Erzählung zu verbinden, welche die Gravität und Dringlichkeit der Lage begreifbar macht. Deshalb solle man nicht mehr vom Klimawandel, sondern eher von der Klimakrise sprechen.

Wesentlich an der Krise des fossilen Kapitalismus sei die Engführung auf Marktmodelle zur Reduktion von Treibhausgasemissionen. Die Wohlstandskrise zeichne sich dadurch aus, dass der globale Norden durch seine imperiale Lebensweise soziale und ökologische Ressourcen ausbeute und auf Kosten des globalen Südens lebe. Die »Klimadiskriminierung« ist schließlich der Kern der Gerechtigkeitskrise. Der Anteil an der Entstehung der Klimakrise sei individuell unterschiedlich. Auch träfen die Folgen jeden verschieden stark und verschärften bestehende Ungleichheiten zwischen den Generationen, Nord und Süd, Arm und Reich, den Geschlechtern usw.

Diesen drei Krisenkomplexen könne unter anderem mit »freiwilliger Selbstdeprivilegierung« im Norden und Reichtumsumverteilung durch »Vermögensteuern oder klimabezogene Vermögensabgaben« begegnet werden. Denn schließlich gelte es, »einen massiven Umbau unserer Energie-, Mobilitäts- und Produktionsinfrastruktur« staatlich zu organisieren – einen »Green New Deal«.

Die Reformideen Neubauers und Repennings sind gar nicht per se falsch. Sie werden es aber dadurch, dass die Autoren die bürgerlichen Eigentums- und Produktionsverhältnisse als zentrale Determinanten und das Kapital als Akteur der Klimazerstörung nahezu gänzlich ausklammern. Anstatt als ökosoziale Klassenfrage erscheint der Klimawandel als ein Problem der »Menschheit«. Unter der verstehen die Autoren alles mögliche – Generationen, Norden und Süden, 7,7 Milliarden Individuen usw. –, nicht aber gesellschaftliche Klassen.

Es ist dann auch keine Überraschung mehr, dass Neubauer und Repenning ihre »freie Gesellschaft« als »dritten Weg« jenseits von »neoliberaler Utopie« und »klassenloser Gesellschaft« imaginieren, in der »Megaindustrien und Dax-Konzerne« mit Kommunen und staatlicher Ökoregulierung friedlich koexistieren. Das ist der Traum des sozialökologisch bewegten Kleinbürgertums westlicher Metropolen, das sich über den Klassengegensatz erhaben dünkt.

Luisa Neubauer, Alexander Repenning: Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft. Tropen, Stuttgart 2019, 304 Seiten, 18 Euro

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