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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kireg und Kino

Helden mit Schnurrbart

Erfahrung zweiter Hand: Roland Emmerichs Kriegsfilm »Midway – Für die Freiheit«
Von Peer Schmitt
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Ra-ta-ta-ta! Bruno (Nick Jonas) ballert gern

Das Meer hart wie Granit unter den Tragflächen der Jagdbomber. Die Propeller brummen wie die Saxophonregimenter von Bigbands. Roland Emmerichs neuer Film kümmert sich um den Zweiten Weltkrieg, genauer gesagt den Pazifikkrieg. Er handelt von der Seeschlacht der US-amerikanischen und japanischen Kriegsmarine um die Midwayinseln am 4. und 5. Juni 1942 und heißt entsprechend »Midway – Für die Freiheit«.

Mittlerweile dürfte der Zweite Weltkrieg wohl eine der filmischen Zweithanderfahrungen schlechthin sein. Für Emmerich, Jahrgang 1955, ist vermutlich die kindliche Kriegsspielerfahrung im Sindelfinger Sandkasten mit Airfix-Flugzeugmodellen persönlicher Ausgangspunkt. Vielleicht deshalb die Schlacht bei Midway als »Traumprojekt« seit den 90ern. Emmerich war von Anbeginn (»Das Arche-Noah-Prinzip«, 1984) ein Filmemacher der Spielzeugmodelle, der Gadgets und der zweiten Hand. Man blickt zurück auf die Bilder, die einen in den Schleudersitz setzten. Bekanntlich war der Zweite Weltkrieg eine »Wegmarke spätkapitalistischer Beschleunigung« (Ernest Mandel: »The Meaning of the Second World War«, 1986), der Katalysator einer »dritten technologischen Revolution«. Computerisierung, Atomkraft und die weitgehende Automatisierung industrieller Produktion nahmen ihren Anlauf.

Nun war »Pearl Harbor« durch »Tora! Tora! Tora!« (Richard Fleischer, Kinji Fukasako und Toshia Masudo, 1970), allerspätestens mit Michael Bays gleichnamigem Blockbuster von 2001 weitgehend abgegrast. Deshalb nun »Midway«, die Schlacht, welche die kurze und bis dahin überaus erfolgreiche japanische Offensive der ersten Kriegsmonate beendete. Die Schlacht war eine Fehlkalkulation. Die japanische Kriegsmarine hatte zwar die Initiative, war zwischenzeitlich in der Übermacht, verlor allerdings, bevor es zur eigentlichen Schlacht kommen sollte, den Krieg der Nachrichtendienste, den der Informationen.

Zur Erinnerung: Seit Februar 1942 waren die britischen Kolonien Malaysia und Singapur, die niederländischen Kolonien Java und Borneo und ein Großteil der Philippinen von den Japanern erobert. Der Angriff auf Pearl Harbor wiederum war militärisch nicht übermäßig wertvoll, da die Japaner es merkwürdigerweise versäumt hatten, die Flugzeugträger der US Navy zu zerstören. Ein Detail, auf das hinzuweisen auch die minutiöse Monographie der Schlacht »Shattered Sword – The Untold Story of the Battle of Midway« (2005) von Jonathan B. Parshall und Anthony P. Tully entsprechend Wert legt.

Die Flugzeugträger, US-amerikanische wie japanische, sind in Emmerichs Film in der Tat die Hauptdarsteller, Kampfpiloten die menschlichen Helden, Mitarbeiter des Nachrichtendiensts – überarbeitete exzentrische Mathematiker in Unterhosen – die wichtigsten Nebendarsteller.

Selbstverständlich ist auch die Schlacht um Midway bereits Filmthema gewesen. Am opulentesten in »Midway« (1976) von Jack Smight, mit Henry Fonda als Flottenadmiral Chester W. Nimitz, dem obersten Befehlshaber der US Navy im Pazifikkrieg nach Pearl Harbor. Bei Emmerich übernimmt ein pausbäckiger Woody Harrelson die Rolle, vielleicht um sich von dem recht lahmen Zombiekrieg in »Zombieland 2 – Double Tap« (Ruben Fleischer, 2019) zu erholen, wo er als postapokalyptischer Cowboy Tallahassee strohdumme Zombies jagt und seinen Wohnort vom Weißen Haus nach Graceland verlegt – freilich nicht ohne den Colt, den Elvis Presley dem in vielerlei Hinsicht ebenfalls der asiatischen Hemisphäre stark verbundenen »Tricky Dick« Richard Nixon als Zeichen persönlicher Freundschaft überlassen hatte, als eines der kostbarsten Geschenke der Menschheit zu preisen. Das alles sind Schlachten, die geschlagen wurden, um der Zweithanderfahrung den Weg zu bereiten.

Weniger bekannt ist wahrscheinlich, dass die US Navy in Kooperation mit 20th Century Fox bereits 1942 eine Dokumentation namens »The Battle of Midway« in die Kinos brachte. Kriegsproduktion und Filmproduktion gingen bekanntlich schon immer Hand in Hand. Eng mit der Midway-Thematik verbunden ist auch der U-Boot-Film «Destination Tokyo» (Delmer Daves, 1943) mit Cary Grant als tapferem Kapitän, dessen Mission die Vorbereitung des ersten Luftangriffs auf Tokio am 18. April 1942 ist. U-Boot-Kalamitäten und der besagte Luftangriff auf Tokio unter Führung von Colonel James Doolittle (Aaaron Eckhart) samt späterer Notlandung im japanisch besetzten Teil Chinas bilden auch in Emmerichs Film eine Nebenhandlung.

Wie auch immer – selbst das eher unkritische Filmmagazin Empire monierte besorgt, Emmerichs »Midway« habe die Anmutung eines Museumstücks. Die Feuertaufe der tapferen Matrosen, Piloten und Spione, die bei Emmerich noch männliche Männer mit Schnurrbart und eisernen Lungen sein dürfen, derweil sich die raren Frauenrollen auf die der um Karriere und Leben des Gatten zitternden Hausfrau oder einer mit Swingband groovenden sexy Nachtklubsängerin beschränken.

Der museale Charakter erschöpft die Sache allerdings nicht. Die Nahaufnahmen der Piloten im Cockpit mit Blick auf das digital animierte blaugraue Meer und die feindlichen Schiffe evozieren eher Computerspielerfahrungen als museale Bilder. Emmerichs »Midway« versinkt in der Pracht technischer Gadgets. Hat man ihn gesehen, weiß man einmal mehr, dass Fredric Jameson in den 80ern recht hatte, als er behauptete, die »Star Wars«-Saga spiele im Zweiten Weltkrieg. Mit der Raumstation als Flugzeugträger und dem heroischen Einzelkampf des Piloten als dramaturgischem Prinzip. Wie sagt ein japanischer Admiral in Emmerichs Film: »Mut haben sie ja. Zum Glück sind ihre Flugzeuge so schlecht.«

»Midway – Für die Freiheit«, Regie: Roland Emmerich, USA 2019, 139 Min., bereits angelaufen

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