Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 8 / Inland
Feindlichkeit gegen Homosexuelle

»Das geht bis zur ›Teufelsaustreibung‹«

Sogenannte Konversionstherapien für Homo- und Transsexuelle sind nach wie vor großes Problem. Ein Gespräch mit Jörg Litwinschuh-Barthel
Interview: Markus Bernhardt
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Interview-Partner Jörg Litwinschuh-Barthel (3. v. l.) im Juni bei einer Pressekonferenz zum Thema »Konversionstherapien« u. a. mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU, 2. v. l.)

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU will sogenannte Konversionstherapien verbieten. Was versteht man darunter?

Wir als Bundesstiftung Magnus Hirschfeld haben zu diesem Themenkomplex einen neuen Begriff eingeführt – nämlich den der Konversionsbehandlungen. Dies taten wir gemeinsam mit einer Fachkommission im Rahmen unserer wissenschaftlichen Bestandsaufnahme. In Wirklichkeit handelt es sich hier nicht um Therapien, sondern um falsche Behauptungen und inakzeptable Versuche, die sexuelle Orientierung sowie die Geschlechtsidentität eines Menschen wie eine Krankheit »heilen« zu können. Homosexuelle, Trans- und intergeschlechtliche Menschen sind aber nicht krank. Der Staat ist in der Pflicht, sie zu schützen. Wenn man unsere Definition heranzieht, dann geht es nicht nur um Versuche sogenannter Therapeuten, sondern um all diejenigen Gruppen, die solche Behandlungen anwenden. Dann geraten Eltern, Seelsorger und Vermittler zusätzlich in den Fokus.

Welche Auswirkungen haben diese Maßnahmen auf Betroffene?

Die Konversionsbehandlungen richten großen psychischen und physischen Schaden an. Sie führen bei den Betroffenen zum Beispiel zu sozialer Isolation, Depression, Angststörungen, psychosomatischen, körperlichen Beschwerden bis hin zum Suizid.

Und welche Organisationen zeichnen für diese sogenannten Therapien verantwortlich?

Hier hat sich in den letzten Jahren einiges in Deutschland verändert: Bis vor wenigen Jahren warben Anbieter im Internet, in Kirchengemeinden sowie mit Flyern ganz offen für ihre Konversionsbehandlungen. Dies geschieht inzwischen zumindest in Deutschland nur noch verdeckt oder über Umwege. Die Anbieter haben sich neue Labels gesucht, bieten jetzt offiziell Lebens- und Sexualberatung an oder vermitteln Angebote im Ausland. Wir waren erstaunt, wie viele Eltern, zum Beispiel in evangelikalen Gemeinden, ihre Kinder drängen, Betangebote oder Jugendfreizeiten wahrzunehmen, bei denen es in Wirklichkeit darum geht, ihnen ihr Lesbisch- oder Schwulsein auszureden. Das geht bis zur »Teufelsaustreibung«. Die Anbieter dieser Behandlungen wehren sich mit allen juristischen Mitteln gegen eine Veröffentlichung ihres Treibens. Diese Einschüchterungsversuche zeigen Wirkung, ein Mantel des Schweigens wird über das Thema gebreitet. Das ganze Ausmaß wurde erst durch unsere Bestandsaufnahme bekannt.

Bisher war gemeinhin davon ausgegangen worden, dass solche vermeintlichen Therapien vor allem bei christlichen Fundamentalisten in den USA Anwendung fänden. Wie verbreitet sind Konversionsbehandlungen in der BRD?

Sie sind leider auch hierzulande relativ weit verbreitet. Wir gehen anhand unserer Recherchen von weit über 1.000 Fällen pro Jahr in Deutschland aus. Die Fälle reichen von Versuchen zugelassener Ärzte und Psychotherapeuten an Homo- und Transsexuellen, über Selbstversuche von christlichen Eltern an ihren Kindern – etwa mit Hilfe von Literatur, die sie in den USA bestellen – bis hin zu Zwangsverheiratungen in muslimischen oder »Umpolungsversuche« in orthodoxen jüdischen Familien via Ferienfreizeiten in Russland.

In den USA werden schwule und bisexuelle Jugendliche oftmals gezwungen, an diesen Behandlungen teilzunehmen. Dabei kommt es nicht selten auch zu körperlichen Übergriffen und Misshandlungen. Ist Vergleichbares aus der Bundesrepublik bekannt?

Nein. Wir waren erstaunt, wie viele Jugendliche »freiwillig« solche Angebote wahrnehmen. Die Homosexuellenfeindlichkeit in ihrer Gemeinde oder Familie war dann meist so groß, dass sie nur diesen »Ausweg« sahen, akzeptiert zu werden.

An einem Verbot der sogenannten Konversionstherapien führt demnach kein Weg vorbei?

Ja, völlig richtig.

Und wie kann ausgeschlossen werden, dass ein solches Verbot umgangen wird?

Das kann man nie ausschließen. Ein Verbot ist aber die Chance, Anbieter zur Rechenschaft zu ziehen und Jugendliche durch Prävention zu schützen.

Jörg Litwinschuh-Barthel ist seit 2011 geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und war zuvor Sprecher der Deutschen AIDS-Hilfe und Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes

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