Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.11.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Südeuropa: Ein anderer Blick

Alvalade

Lissabonner Stadtbezirk, konzipiert als urbanes Modellprojekt. Eine Suche nach dem Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart
Von Federico Clavarino

Das künstlerische Interesse des im italienischen Turin geborenen Fotografen Federico Clavarino gilt dem Wirken der unsichtbaren Kräfte politischer Imagination. Wie prägen diese die sichtbare Welt, und in welchem Verhältnis stehen sie zu der Alltagsrealität derjenigen, die diese erschaffenen Räume tatsächlich bewohnen und die nicht vollständig kontrolliert werden können. Objekte, Bilder und Gesten verkörpern dabei Ideologie – Vergangenheit und Gegenwart überschneiden und stören sich gegenseitig.

Vor zwei Jahren zog es Clavarino nach Lissabon. Dort fotografierte er im Laufe des Jahres 2018 die Lissabonner Stadtgemeinde Alvalade mit dem Ansinnen, Seiten des Propagandabuches »Portugal 1940« zeitgenössisch zu reproduzieren. Alvalade war Mitte des 20. Jahrhunderts als Modell für urbane Modernität konzipiert worden. Das vorwiegend mit Fotografien gestaltete Buch verwies in seiner visuellen Ausrichtung auf die konservative und autoritäre Diktatur in Portugal, den »Neuen Staat« von António de Oliveira Salazar. (jW)

Vor den 1940er Jahren wurde das Gebiet, das heute Alvalade genannt wird, vor allem landwirtschaftlich genutzt. Es sollte das erste Viertel der Stadt sein, das den modernistischen Kriterien der Urbanisierung entspricht. Es ging darum, den Traum von einem modernen Lissabon und die Idee der Ordnung, die das faschistische Regime von Salazar fördern wollte, gemeinsam zu verwirklichen. Die neuesten Theorien des Urbanismus wurden zusammengeführt und in eine traditionalistische Ästhetik übersetzt, die in der Lage sein sollte, alles miteinander zu verarbeiten. Das Quartier sollte alle sozialen Schichten vereinen und in verschiedenen Wohnformen sowie acht verschiedenen Schulen unterbringen.

Heute ist Alvalade ein sehr friedlicher und grüner Ort mit Bäumen, Blumen und kleinen Gärten zwischen den Gebäuden. Und das, obwohl sich etliche Dinge geändert haben. Nebenan wurde ein Flughafen gebaut, und die meist mit Touristen beladenen Maschinen landen oder starten alle vier bis fünf Minuten und fliegen tief über die Häuser. Die alten Wohnungen, die für Menschen mit geringem Einkommen gebaut wurden, haben an Wert gewonnen. Sie sind aber noch immer zu klein, um für die Oberschicht interessant zu sein. Die wohnt in den größeren Häusern auf der anderen Seite der ­Avenida de Roma, die das Viertel quert.

In der jungen Welt erscheinen im November Fotoreportagen aus den von bürgerlichen Medien despektierlich als »PIGS« zusammengefassten südeuropäischen Staaten Portugal, Italien, Griechenland und Spanien, die dem vorherrschenden Bild ein facettenreiches und realistisches entgegensetzen wollen. Denn verbunden mit dieser Bezeichnung ist die Wahrnehmung dieser Länder als kollektiv für die »Schuldenkrise« Verantwortliche. Dass sie vor allem Opfer einer von Berlin orchestrierten Kürzungspolitik mit gravierenden sozialen Folgen sind, wird ausgeblendet. In den vergangenen beiden Wochen präsentierten Pavlos Fysakis Bilder aus dem griechischen Nea Helvetia sowie Martin Errichiello und Filippo Menichetti Fotografien aus der italienischen Region Kalabrien. Dieses Mal geht der Blick nach Portugal.

Federico Clavarino: Alvalade, XYZ Books, Lissabon 2019, 64 Seiten, 32 Euro

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