Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.11.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zwei tödliche Gefahren

Botschaft an die 11. Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung am 13. Juni 2004 in São Paulo, Brasilien
Von Fidel Castro
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»Zum ersten Mal in der Geschichte hat der Mensch die technische Kapazität für seine völlige Selbstvernichtung geschaffen«: Test einer US-Atombombe im April 1954

Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD), eine vor 40 Jahren gegründete Organisation, war ein edler Versuch der unterentwickelten Welt, innerhalb der Vereinten Nationen ein Instrument zu schaffen, das über den rationellen und gerechten internationalen Handelsaustausch ihrem Streben nach Fortschritt und Entwicklung dienen sollte. Damals gab es viele Hoffnungen, im arglosen Glauben daran, dass die ehemaligen Metropolen ein Bewusstsein über ihre Pflicht und die Notwendigkeit, diese Zielstellung zu teilen, gewonnen hätten. (…) Heutzutage wird die schreckliche Geißel des ungleichen Wirtschaftsaustauschs kaum in Reden und bei Konferenzen erwähnt. (…)

Im vergangenen Jahr 2003 erhielt die »Dritte Welt« als offizielle Hilfe 54 Milliarden Dollar. Im selben Jahr zahlten die Armen den Reichen 436 Milliarden an Schuldendienst. Das reichste Land von ihnen, die Vereinigten Staaten, ist dasjenige, welches die vorgegebene Zielstellung am wenigsten erfüllte, indem es nur 0,1 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für diese Hilfe bestimmte. (…)

Die Welt hat (…) 6,35 Milliarden Einwohner, die Kleidung und Schuhe benötigen, ernährt, untergebracht und gebildet sein sollen. In kaum 50 Jahren wird die Zahl fast unvermeidbar zehn Milliarden betragen. Dann werden die bekannten und möglichen Brennstoffreserven, für deren Schaffung der Planet 300 Millionen Jahre benötigte, verbraucht sein. Sie werden in die Atmosphäre, die Gewässer und den Boden übertragen worden sein, gemeinsam mit anderen chemischen Schadstoffen.

Das heute herrschende imperialistische System, zu dem sich die kapitalistische Gesellschaft entwickelt hat, hat eine derart erbarmungslose, irrationale und ungerechte globale und neoliberale Wirtschaftsordnung errichtet, dass es selbst unhaltbar wird. Die Völker werden sich gegen dieses System erheben. Diejenigen, die behaupten, dass dies das Ergebnis von Parteien, Ideologien oder subversiven Elementen und Unruhestiftern aus Kuba und Venezuela ist, sind dumm. Unter anderem brachte diese Entwicklung (…) die sogenannten Konsumgesellschaften hervor. Ihre verschwenderischen und verantwortungslosen Tendenzen haben den Verstand einer großen Zahl von Menschen auf der Welt vergiftet. Sie werden inmitten allgemeiner politischer und wirtschaftlicher Ignoranz durch Werbung mittels der fabelhaften Massenmedien, welche die Wissenschaft geschaffen hat, manipuliert. (…)

Bald wird es 60 Jahre her sein, dass über Hiroshima die erste Atombombe explodierte. Heutzutage gibt es auf der Welt mehrere zehntausend dieser Waffen, die Dutzende Male stärker und genauer sind. Sie werden weiterhin hergestellt und perfektioniert. Sogar im Weltraum sind Atomwaffenbasen vorgesehen. Es entstehen neue tödliche und ausgefeilte Waffensysteme.

Zum ersten Mal in der Geschichte hat der Mensch die technische Kapazität für seine völlige Selbstvernichtung geschaffen. Aber im Gegensatz dazu war er nicht in der Lage, ein Minimum an gleichen Garantien für die Sicherheit und Integrität aller Länder zu erwirken. Man erarbeitet Theorien zur vorbeugenden und überraschenden Anwendung von ausgefeilten Waffen »in jeglichem dunklen Winkel der Welt«, »in 60 oder mehr Ländern« (Castro bezieht sich auf Äußerungen des damaligen US-Vizepräsidenten Richard Cheney, jW), und wendet diese sogar an. Sie lassen die in den schaurigen Tagen des Nazismus ausgerufene Barbarei verblassen. Wir waren bereits Zeugen von Eroberungskriegen und sadistischen Foltermethoden, welche an die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges veröffentlichten Bilder erinnern. (…)

Das sind keine Phantasien (…). Es ist vielmehr eine sehr reale Tatsache, dass in kaum einem halben Jahrhundert zwei große tödliche Gefahren für das Überleben der Menschengattung selbst entstanden sind: diejenige, die von der technischen Weiterentwicklung der Waffen ausgeht, und die, die aus der systematischen und beschleunigten Zerstörung der natürlichen Lebensbedingungen auf dem Planeten herrührt.

Angesichts der Alternative, vor welche die Menschheit durch dieses System mit aller Gewalt gestellt wurde, bleibt ihr nichts anderes übrig: Entweder ändert sich die jetzige Weltlage, oder die Menschengattung ist wirklich vom Aussterben bedroht. (…)

Säen wir Ideen, und alle Waffen, welche diese barbarische Zivilisation geschaffen hat, werden überflüssig sein; säen wir Ideen, und die sonst unvermeidbare Zerstörung unserer natürlichen Umwelt wird verhindert werden können. Man müsste sich fragen, ob es nicht schon zu spät ist. Ich bin Optimist, ich sage, dass es nicht zu spät ist, und teile die Hoffnung, dass eine bessere Welt möglich ist.

Der Textauszug wurden dem deutschsprachigen Fidel-Castro-Archiv entnommen: fidelcastroarchiv.blogspot.com

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