Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 15.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Die ganze Welt

Bei der Duisburger Filmwoche ging es vor allem um die Vermessung von Heimat
Von Michael Girke
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»Einübung in Weltneugier« (Film-Still aus Thomas Heises »Heimat ist ein Raum aus Zeit«)

Als Deutschlands wichtigstes Dokumentarfilmfestival bezeichnete ein Kollege der FAZ jüngst das Leipziger, auch seiner ungewöhnlichen Spielstätten wegen. Andere Dokumentarfilmfreunde nennen die vergleichsweise kleine Duisburger Filmwoche ihr liebstes Festival. Weil dort nämlich nach jedem Film eine zumeist mehr als einstündige Diskussion mit den jeweiligen Macherinnen und Machern stattfindet, zu der es keine gleichzeitig laufende Konkurrenzveranstaltung gibt. Dass kollektive Reflexion derart ins Zentrum gerückt wird, macht die Duisburger Filmwoche in der Tat zu einer in der hiesigen Filmlandschaft einmaligen Angelegenheit. Dass das unter der neuen Leitung Gudrun Sommers und Christian Kochs auch zukünftig so bleiben wird, ist nach der diesjährigen Filmwoche (4. bis 10. November) durchaus anzunehmen.

Erster Höhepunkt: Sabine Herpichs »Ein Bild von Aleksander Gudalo«. Herpich, die auf großspurige (Film-)Rhetorik verzichtet, lässt sich auf etwas ein, woran sich bereits viele Regisseure versucht haben: auf die Frage, was genau künstlerische Kreativität ausmacht. Ihr Film zeigt Schritt für Schritt, wie der in Berlin ansässige Aleksander Gudalo ein Gemälde realisiert und lädt ein zu Überlegungen über Möglichkeiten, Wirkungsweisen und Abgründe der Filmkunst. Herpich finanzierte den Film ohne Fördermittel, bewegte sich für seine Produktion also außerhalb des Filmsystems. Gut, dass ein Festival wie Duisburg vermeintlich randständigen Filmen wie diesem Raum und Zeit gibt.

Matthias Lintners »Träume von Räumen« über einen von Gentrifizierung bedrohten Berliner Altbau, der einige »Außenseiter« beherbergt, ist ähnlich »klein«. Das in dem alten Haus über Jahre gewachsene und nun der Kapitalisierung von Wohnraum zum Opfer fallende Miteinander von Menschen aus verschiedenen Weltgegenden und Generationen für die Nachwelt festzuhalten, sei sein Antrieb gewesen, so der Filmemacher. Allerdings vertraut Lintner seinen Protagonisten und ihren Erzählungen nicht genug, lässt die Bäume im Hinterhof oder die Abenddämmerung allzu oft romantisch schimmern, damit der Betrachter das Außenseiterdomzil auch ja schön findet.

Sehr viel subtiler und vielschichtiger ist »Heimat ist ein Raum aus Zeit« von Thomas Heise. Der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein bezeichnete es einmal als sein ästhetisches Ideal, einen »kugelförmigen Film« zu machen, einen Film, der die ganze Welt bzw. möglichst viel von ihr enthält. Heise kommt diesem Ideal sehr nahe. »Heimat ist ein Raum aus Zeit« handelt vom deutschen Kaiserreich, von der Weimarer Republik, Nazizeit, DDR und der »Wende«. Er erzählt von Liebe, Krieg und Politik, vom Antisemitismus in Deutschland, von intellektuellen Freundschaften, Bertolt Brecht, Heiner Müller und vielem mehr. Hier ist Historie – dafür sorgen auch die Brief- und Tagebuchpassagen von Heises Großeltern und Eltern, von seinem Bruder und ihm selbst aus dem Off – kein anonymes Großgeschehen, sie wird erfahren aus der alltäglichen Perspektive von Menschen, die Geschichte erleben und erleiden. Überdies ist der Film eine Art Gegengeschichtsschreibung. Der in Westdeutschland dominierenden Sicht, die DDR sei sozusagen von Anfang an böse und deswegen hinfällig gewesen, stellt Heise eine andere, von vorhandenen Realitäten und Mentalitäten ausgehende, sehr viel differenziertere Blickweise gegenüber.

Ob »Träume von Räumen« oder »Heimat ist ein Raum aus Zeit«, Laura Coppens Werk »Taste of Hope« über ein von den Arbeiterinnen und Arbeitern übernommenes Teeunternehmen in Frankreich oder Joachim Isenis »Fleischwochen« über einen Kleinbauernhof in Österreich – viele Filme des Festivals erkunden die Grundlagen heutiger Lebenswelten, machen sich an die Vermessung von Heimat. Was auch für Bernd Schochs »Olanda« gilt, der zeigt, wie Menschen ein fernes rumänisches Waldgebiet auf der Suche nach Pilzen durchstreifen. Schoch nimmt Landschaften, die Wander- und Suchbewegungen der Pilzsucher als etwas Wunderschönes wahr, unterwandert aber im selben Moment jeden aufkommenden Exotismus mittels Realismus. »Olanda« macht an einem konkreten Beispiel sichtbar: Selbst entlegenste Gegenden des Planeten sind längst Bestandteile des Kapitalismus. Bei Schoch lebt eine angesichts enormer Entertainment- und Gewinnmaximierungsprämissen oft übersehene Qualität des Kinos auf berückende Weise weiter: Es vermag Menschen auf Reisen in wenig bekannte Zonen mitzunehmen, es ist eine Einübung in Weltneugier.

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