Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 8 / Ausland
Erbe des Kolonialismus

»Wir wollen nur reden, aber die Gegenseite weigert sich«

Aborigines in Australien fordern mit »Zelt-Botschaft« seit 1972 Dialog und Friedensvertrag. Ein Gespräch mit Kevin Buzzacott
Interview: Thomas Berger, Canberra
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Ein Aktivist der Aborigenes wacht über ein »heiliges Feuer« vor dem alten Parlamentsgebäude (Canberra, 12.2.2008)

Sie protestieren mit der »Zelt-Botschaft« im Parlamentsbezirk der australischen Hauptstadt Canberra. Wie lange läuft das schon?

Das geht demnächst 48 Jahre. Im Januar 1972 haben wir mit dieser Protestaktion angefangen. Damals war der Konservative William McMahon Premierminister. Doch statt dass er zu einem Dialog kam, wurde Polizei zu uns geschickt.

Mit wie vielen Aktivisten fing es an?

Lediglich eine Handvoll hat damals den Anfang gemacht. Immer wieder hat man uns gesagt, man will uns nicht sehen, nicht mit uns reden, wir sollen doch einfach verschwinden. Nun sind so viele Jahre verstrichen – der Umgang mit uns ist derselbe, aber wir haben Unterstützung und sind immer noch da. Wir fordern einen Dialog und geben nicht auf: Sie haben sich das Land angeeignet, mit ihren Waffen und Kanonen damals alles gestohlen. Unsere traditionellen Gemeinschaften haben nichts erhalten außer Leiden und Entbehrung. Die Weißen haben sogar heilige Plätze der Aborigines zerstört. Und unsere Leute sitzen heute auf der Straße, überproportional viele in den Gefängnissen, sind zum Teil dem Alkohol verfallen. Die Verantwortlichen für diese ganze Entwicklung sollte man wegen Genozids anklagen.

Gegen wen richtet sich der Protest?

Er richtet sich gegen die Regierungen und die Konzerninteressen – nicht die einfachen weißen Menschen, die ja oft genug ebenfalls unter diesem System zu leiden haben, um ihre Rechte gebracht werden. Wenn die Politiker einen wirklichen Frieden mit uns wollen, dann sollen sie herkommen und reden. Von Mensch zu Mensch, wie wir das beide in diesem Moment gerade tun.

Wie groß ist die Bewegung der »Zelt-Botschaft« denn momentan?

Die Kerngruppe ist nach wie vor überschaubar. Aber andere kommen und gehen, schließen sich zumindest zeitweise der Aktion an. Und am 26. Januar 2020, dem nächsten »Australia Day« (Nationalfeiertag, der an die Landung der »Ersten Flotte« 1788 in der heutigen Sydney Cove und den Beginn der Landnahme durch die Weißen erinnert, jW), wollen wir mit ganz vielen Vertretern aus allen Teilen des Landes hier eine riesige Kundgebung und einiges mehr veranstalten.

Zu welcher der indigenen Völkerschaften gehören Sie selbst?

Ich komme aus der Gegend von Alice Springs, dem Umfeld des Lake Eyre. Ich bin ein Ältester der Arabunna.

Haben Sie in all den Jahren denn Signale der Hoffnung vernommen?

Nicht wirklich. Die Politiker wissen, dass wir hier sind, aber sie kommen nicht. Und die Zerstörung des Landes, beispielsweise durch den Bergbau, geht immer weiter. Mit ihrer wirtschaftlichen Ausplünderung zerstören sie schließlich die Erde als Ganzes, auf der wir alle leben.

Es gab als historisch eingestufte Entschuldigungsreden im Parlament, es gab seit Anfang der 1990er Jahre gerichtliche Grundsatzentscheidungen in Aborigines-Landrechtsfragen. Sehen Sie da keine Fortschritte?

Seit 1972 bereits haben wir ja die Gerichte bemüht. Doch das reicht alles nicht. Wir wollen doch nur mit der Politik reden, einen Friedensvertrag machen, festschreiben, was jeder braucht und nicht braucht. Aber die Gegenseite weigert sich.

Gerade hat eine Schulklasse aus Adelaide Ihnen ein paar Sachspenden übergeben, die Schüler haben auch von ihrem Respekt gegenüber den traditionellen Bewohnern des Landes gesprochen. Sind solche Erlebnisse oder die vielen Hinweise, die es nun überall auf uralte indigene Präsenz und Spuren gibt, nicht positive Zeichen?

In der Tat hat es so etwas vor fünf oder zehn Jahren kaum gegeben. Bei den einfachen Menschen verändert sich dahingehend etwas im Bewusstsein, das Hoffnung machen kann. Nur nicht bei der Regierung, die uns hier weiterhin ignoriert. Aber wir geben nicht auf.

Kevin Buzzacott ist einer der Wortführer der Bewegung »Tent Embassy« (Zelt-Botschaft) für Souveränität und Rechte der Aborigines in Australien

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