Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 7 / Ausland
Todesstrafe

Justizmord droht

USA: Rodney Reed soll nächste Woche hingerichtet werden – trotz wachsender Zweifel an seiner Schuld
Von Michael Schiffmann
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Rodney Reed während einer Gerichtsverhandlung im Oktober 2017

Falls es nicht im letzten Augenblick noch zu einer dramatischen Wende kommt, wird der 1998 wegen des Mordes an einer jungen weißen Frau zum Tode verurteilte Afroamerikaner Rodney Reed am 20. November hingerichtet werden. Er wäre nach Carlos DeLuna (1989), Shaka Sankofa alias Gary Graham (2000), Cameron Todd Willingham (2004) und Larry Swearingen (2019) ein weiterer Gefangener, dem in Texas das Leben genommen wird, obwohl er wahrscheinlich unschuldig ist.

Das Mordopfer, Stacey Stites, lebte in der texanischen Kleinstadt Bastrop und war mit dem Polizisten Jimmy Fennell verlobt. Am 23. April 1996 erschien sie nicht zur Arbeit, wenig später wurde sie stranguliert in einem Straßengraben aufgefunden. Erster Verdächtiger war Fennell, aber die Ermittlungen gegen ihn waren so lax, dass nicht einmal die gemeinsame Wohnung des Paars durchsucht wurde. Der Truck, mit dem Stites nach Aussage Fennells zur Arbeit gefahren war, wurde diesem bald nach dem Mord zurückgegeben.

Knapp ein Jahr später galt der Fall dann plötzlich als gelöst, als die DNA Rodney Reeds, der von der Polizei mehrerer Sexualstraftaten verdächtigt wurde, mit dem im Körper von Stites gefundenen Sperma abgeglichen werden konnte. Reed, so jetzt die Polizei in Bastrop, hatte Stites überfallen, sie vergewaltigt und erwürgt. Anschließend sei er mit dem Truck weggefahren und habe ihn anderswo abgestellt.

Reeds Beteuerung im Prozess, er habe in einer einvernehmlichen Beziehung mit Stites gestanden, nutzten ihm wenig. Sein Pflichtanwalt rief die meisten Zeugen, die der Angeklagte dafür benannte, nicht auf. Einer von diesen sollte Reed für den Tatzeitpunkt sogar ein Alibi geben können. Die Anklage ihrerseits rückte Reeds angebliche Sexualdelikte ins Rampenlicht, obwohl ihm keines davon nachgewiesen worden war. Schwarzer Mann, weiße Frau, Süden der USA: Das Todesurteil der rein weißen Jury kam nicht überraschend.

Doch seit Reeds Verurteilung mehren sich die Anzeichen für seine Unschuld. Es gibt zahlreiche Zeugen für die einvernehmliche Beziehung zwischen Stites und Reed, obwohl diese in einer Stadt wie Bastrop auch 1996 noch »unter der Decke« gehalten werden musste. Forensiker haben den behaupteten Tatablauf radikal in Frage gestellt, und einige von ihnen schließen Reed als Täter kategorisch aus. Zugleich deuten immer mehr Indizien auf den ursprünglichen Verdächtigen: Jimmy Fennell. Seine Beziehung zu Stites war offenbar längst zerrüttet. Laut einem ehemaligen Kollegen, der bis Oktober 2019 nicht auszusagen gewagt hatte, wusste er, dass Stites »einen Nigger bumst« und sann auf Rache. Zwischen 2008 und 2018 hatte Fennell wegen sexueller Nötigung im Amt im Gefängnis gesessen. Dort soll er sich einem Mithäftling von der rassistischen »Arischen Bruderschaft« mit den Worten anvertraut haben: »Ich musste meine Negerschlampe von Verlobter töten.«

Bisher haben solche Hinweise auf Reeds Unschuld, von denen einige erst in den letzten Wochen bekannt wurden, die Gerichte in Texas nicht zu einer Aufhebung des im Juli erlassenen Hinrichtungsbefehls veranlassen können. Inzwischen fordern Stars wie Kim Kardashian, Rihanna und Oprah Winfrey, Abgeordnete des texanischen Parlaments, aktive Polizeibeamte und die Europäische Union eine Aussetzung der Exekution und die Wiederaufnahme des Verfahrens. Am 15. November befasst sich der US Supreme Court mit dem Fall.

Kundgebungen: »Stoppt die Hinrichtung von Rodney Reed! Abschaffung der Todesstrafe – überall!«

So., 17.11., 18 Uhr, US-Generalkonsulat, Gießener Str. 30, Frankfurt a.M.

Di., 19.11., 17 Uhr, US-Botschaft, Pariser Platz/Brandenburger Tor, 10117 Berlin

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