Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 12 / Thema
Bundeswehr

Der ganz normale Militarismus

Heute feiert die Bundeswehr den 64. Jahrestag ihrer Gründung – mit öffentlichen Gelöbnissen als Ausdruck der Verbundenheit mit »Volk und Staat«
Von Peer Heinelt
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»Tucholsky hat recht«. Der schrieb 1931: »Soldaten sind Mörder«. An sechs verschiedenen Orten finden heute Gelöbnisse der Bundeswehr statt – in Berlin vor dem Reichstag sowie in Stralsund, Rothenburg/Wümme, Mainz, Freyburg und Plön. (Im Bild Proteste gegen ein Gelöbnis in Berlin, 20.7.1999)

Am 24. Juli äußerte die frisch vereidigte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestages einen Wunsch: »Ich habe alle Ministerpräsidenten angeschrieben und ihnen vorgeschlagen, zum Geburtstag unserer Bundeswehr am 12. November in ihren Bundesländern öffentliche Gelöbnisse durchzuführen. Das wäre ein starkes Signal und ein großartiges Zeichen der Anerkennung für unsere Soldatinnen und Soldaten. Und für die Bundeswehr als Parlamentsarmee würde ich mir auch ein Gelöbnis vor dem Reichstag wünschen.« Wenn es um das Führen von Kriegen zur Durchsetzung der vielbeschworenen »deutschen Interessen« geht, kennt die Ministerin wie weiland Wilhelm II. keine Parteien mehr: »Unsere Beiträge, die Gestaltung unserer Kontingente, die Obergrenzen unserer Mandate und die Festlegung unserer Einsatzregeln, das alles sind und dürfen keine parteipolitischen Fragen sein. Sondern Fragen, die in Verantwortung für unsere Soldatinnen und Soldaten, in Verantwortung für unser Land und gemeinsam mit unseren Verbündeten und Partnern entschieden werden müssen.«

Die Ministerpräsidenten und die Parteien sehen das mit Ausnahme der Partei Die Linke ganz ähnlich. Bis auf Bodo Ramelow (Thüringen) ließen die Länderchefs umgehend wissen, dass Kramp-Karrenbauers Wunsch, am 12. November Bundeswehr-Rekruten öffentlich auf die Treue zu Volk und Vaterland einzuschwören, auch ihnen Befehl sei. Zur Begründung hieß es, die Truppe sei »Teil der Gesellschaft« und dürfe sich »nicht hinter Kasernenmauern verstecken«, sondern müsse Präsenz zeigen. Volker Bouffier (CDU, Hessen) und Marie-Luise Dreyer (SPD, Rheinland-Pfalz) erklärten zudem, in den von ihnen regierten Bundesländern hätten öffentliche Gelöbnisse bereits »Tradition«.

Tradition der Wehrmacht

Unterstützung für die Initiative der Ministerin kam auch von der Soldatengewerkschaft »Deutscher Bundeswehrverband« und vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Letzterer verwies darauf, dass die deutschen Streitkräfte ein »wichtiger Arbeitgeber« und durch die von ihnen vergebenen Aufträge ein »Partner für die Wirtschaft« seien. Doch damit nicht genug: »80 bis 90 Prozent der Soldaten wohnen in der Regel in der Nähe ihres Standorts, sie zahlen also Steuern vor Ort und konsumieren in den Kommunen. Zudem wird in der Bundeswehr das Ehrenamt unterstützt. Viele Soldaten engagieren sich in den Feuerwehren, in Sportvereinen oder der Kommunalpolitik.« Bei soviel Einigkeit wollte die evangelische Kirche nicht abseits stehen; ihr Militärbischof Sigurd Rink erklärte gar die »Enttabuisierung der Bundeswehr« zur »zentralen Aufgabe der Politik«.

In der Tat dürfte hierin das wesentliche Motiv für die Durchführung öffentlicher Gelöbnisse am 12. November zu sehen sein: Die Deutschen sollen – zwei Weltkriegen und dem mit tatkräftiger Unterstützung des Militärs durchgeführten Holocaust zum Trotz – wieder »Stolz« auf »ihre Armee« empfinden. Das wiederum lässt sich nicht so einfach bewerkstelligen, steht die Bundeswehr doch explizit in der Tradition der Naziwehrmacht: Die in den ersten zwei Jahren nach der Gründung der Truppe 1955 ernannten 44 Generäle und Admirale stammten allesamt aus der Wehrmacht. Unter 14.900 Berufsoffizieren fanden sich 1959 12.360 vormalige Wehrmachtsangehörige sowie 300 SS-Führer.

Die ranghöchsten Offiziere der Bundeswehr, die am 12. November 1955 vom damaligen Verteidigungsminister Theodor Blank (CDU) ihre Ernennungsurkunden erhielten, waren die Generalleutnante Hans Speidel und Adolf Heusinger. Speidel hatte ab 1940 als Generalstabschef beim Militärbefehlshaber im von deutschen Truppen besetzten Teil Frankreichs fungiert und war maßgeblich an der Verfolgung und Deportation von Juden und Kommunisten beteiligt. In einem von ihm am 28. Februar 1942 verfassten »Lagebericht« heißt es dazu: »In Rouen wurden umfangreiche Razzien auf Kommunisten und Juden durchgeführt, die zu zahlreichen Verhaftungen führten. In Zusammenhang mit den Maßnahmen (…) wurde für das gesamte besetzte Gebiet die Überführung von 1.000 Kommunisten und Juden in deutsche Haft angeordnet. Diese sind zur Deportation nach dem Osten bereitgestellt.«

Adolf Heusinger, der Adolf Hitler bereits 1923 als »von Gott gesendeten Mann« bezeichnet hatte, war 1940 zum Chef der Operationsabteilung des Generalstabes im Oberkommando des Heeres avanciert und in dieser Funktion an der Vorbereitung der folgenden Aggressionshandlungen des Naziregimes beteiligt. Von ihm stammen die barbarischen »Richtlinien für die Bandenbekämpfung«, an denen sich die »Jagdkommandos« der Wehrmacht bei ihrem Vernichtungskrieg gegen der Partisanentätigkeit verdächtigte Zivilisten in den von Deutschland besetzten Gebieten orientierten. Der antifaschistische Widerstandskämpfer Lorenz Knorr gelangte vor diesem Hintergrund zu folgender Einschätzung: »Was Heusinger zu verantworten hat, ist mehr als Massenmord, es ist ein Fall von Genozid.«

Heusinger wie Speidel hatten Adolf Hitler die Treue gelobt. Die am 2. August 1934 von Reichswehrminister Werner von Blomberg verkündete Eidesformel lautete: »Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.« Der Schwur auf die Verfassung der Weimarer Republik war zu diesem Zeitpunkt längst Geschichte, denn der letzte amtierende Reichspräsident und vormalige Chef der Obersten Heeresleitung der kaiserlichen Armee, Paul von Hindenburg, hatte bereits am 2. Dezember 1933 die Vereidigung der Reichswehrsoldaten auf »Volk und Vaterland« angeordnet. Hindenburg galt als »Held« des Ersten Weltkriegs und hatte bis zu seinem Tod am 2. August 1934 nie einen Hehl aus seiner Verachtung für die Republik gemacht. Der neue »Führereid« trug nun diesem Vermächtnis Rechnung.

Der Reichswehroffizier Hermann Foertsch, der Anfang der 1950er Jahre gemeinsam mit Heusinger und Speidel die Regierung unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) beim Aufbau der Bundeswehr beraten sollte, sah das genauso. In seiner 1935 erschienenen Schrift »Die Wehrmacht im nationalsozialistischen Staat« ließ er wissen: »Der Eid des Soldaten vom 2. August 1934 (…) ist die unlösliche Verbindung des deutschen Soldatentums mit der nationalsozialistischen Idee, die am 2. August 1914 (dem Tag des Beginns der deutschen Angriffshandlungen im Ersten Weltkrieg, P. H.) ihren Ursprung fand. Der Eid der deutschen Wehrmacht auf den Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, ist der stärkste Schwur für ein einiges, freies und starkes Deutschland, der je geleistet wurde.«

Zentralrichtlinie A2-2630/0-0-3

Gleich ihren nach Tausenden zählenden Wehrmachtskameraden hatten weder Heusinger noch Speidel anno 1955 ein Problem damit, just den Eid zu leisten, der bis heute den Rekruten der Bundeswehr abverlangt wird. Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit schwören, freiwillig Wehrdienstleistende geloben, »der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen«. Ihr Eid gilt wohlgemerkt nicht der Verfassung wie in der Weimarer Republik, sondern analog zur Formel Hindenburgs Volk und Staat, was den ideologischen Charakter des Schwurs klar zum Ausdruck bringt. Imaginiert wird einmal mehr eine überzeitliche »Schicksalsgemeinschaft«, in der der Klassenantagonismus und aus ihm resultierende grundsätzliche politische Differenzen obsolet sind.

Wer den Fahneneid der Bundeswehr ablegt, verpflichtet sich denn auch, die bürgerliche Ordnung »tapfer zu verteidigen« – und im Fall einer Revolte auf die Rebellen zu schießen. So erklärte der seinerzeitige Generalinspekteur der Bundeswehr und vormalige Nazioffizier, Ulrich de Maizière, schon kurz nach der Verabschiedung der sogenannten Notstandsverfassung im Sommer 1968, die hier getroffenen Regelungen stünden »in voller Übereinstimmung« mit dem von seinen Soldaten geleisteten Treueschwur. Dabei hatte de Maizière nach eigenem Bekunden insbesondere den seither gültigen Artikel 87a des Grundgesetzes im Blick, der in Absatz 4 folgendes bestimmt: »Zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokratische Grundordnung des Bundes oder eines Landes kann die Bundesregierung (…) Streitkräfte zur Unterstützung der Polizei und des Bundesgrenzschutzes beim Schutze von zivilen Objekten und bei der Bekämpfung organisierter und militärisch bewaffneter Aufständischer einsetzen.«

Wie der Eid zu leisten respektive das »feierliche Gelöbnis« abzulegen ist, hat das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr in seiner Zentralrichtlinie A2-2630/0-0-3 über militärische »Formen und Feiern« en détail kodifiziert. »Unverzichtbare Bestandteile« des Treueschwurs sind demnach das »Sprechen der Gelöbnisformel« als »Ausdruck des öffentlichen Bekenntnisses«, die »Bestätigung« des Eides durch den Kommandeur des jeweiligen Truppenverbandes als »Bekräftigung der Treueverpflichtung«, die Ansprache des Kommandeurs als »Ausdruck der kameradschaftlichen Zusammengehörigkeit«, die Nationalhymne als »Lied der Deutschen, das dem Zusammengehörigkeitsgefühl aller Deutschen Ausdruck verleiht«, und die Truppenfahne »als äußeres Zeichen gemeinsamer Pflichterfüllung im Dienst für Volk und Staat«.

Unabdingbar ist laut der »Zentralrichtlinie« auch die Propaganda in eigener Sache, weshalb die Anordnung ergeht, dass bei Gelöbnissen »innerhalb militärischer Anlagen Öffentlichkeit hergestellt« wird: »Zu Vereidigungen und feierlichen Gelöbnissen sind Angehörige der Soldatinnen und Soldaten sowie Repräsentantinnen und Repräsentanten aus Staat und Gesellschaft, einschließlich der Mitglieder des Bundestages und der Mitglieder des Landtages des Wahlkreises, in dem sich der Standort befindet, sowie Vertreterinnen und Vertreter aller im Bundestag vertretenen Parteien einzuladen.« Bei Gelöbnissen »außerhalb militärischer Anlagen« sei die Bevölkerung »durch Informationsarbeit auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen und zur Teilnahme anzuregen«, heißt es.

Selbstverständlich werden die Rekruten der Bundeswehr auf ihr Gelöbnis intensiv vorbereitet, wobei der für alle verpflichtende »Lebenskundliche Unterricht« eine zentrale Stellung einnimmt. Dieser wird in der Regel wahlweise von evangelischen oder katholischen Militärgeistlichen erteilt und hat erklärtermaßen die Vermittlung einer das Gewissen der Soldaten entlastenden »Friedensethik« zum Ziel. Was darunter zu verstehen ist, kann unter anderem in der anno 2007 vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgelegten Denkschrift »Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen« nachgelesen werden. Hier heißt es, das »ethische Leitbild des gerechten Friedens« sei »zu seiner Verwirklichung auf das Recht angewiesen«, während das »Recht« wiederum »auf Durchsetzbarkeit angelegt« sei. Wer nun aber das wie auch immer geartete »Recht« durchsetze, könne in »Grenzsituationen« geraten, in denen der Einsatz tödlicher Waffengewalt »wenn nicht geboten, so doch zumindest erlaubt« sei, erklärt der Rat der EKD. Der deutsche Soldat ist damit fein raus, denn sein Staat beansprucht schon seit mehr als 25 Jahren, für das Recht auf »ungehinderte Nutzung von Informations-, Kommunikations-, Versorgungs-, Transport- und Handelslinien« ebenso weltweit Krieg zu führen wie für die »Sicherheit der Rohstoff- und Energieversorgung«.

Das Gelöbnis selbst ist für die Rekruten alles andere als ein Vergnügen: Sie müssen in Reih und Glied antreten, andächtig den wohlfeilen Worten von Militärs und Politikern lauschen, laute Marschmusik über sich ergehen lassen und immer wieder stupide Befehle wie »Stillgestanden!«, »Rührt euch!« oder »Augen rechts!« befolgen. Während der gesamten rund einstündigen Zeremonie ist es ihnen strikt verboten, miteinander zu sprechen oder sich in irgendeiner Weise körperlich eigeninitiativ zu verhalten. Indem sich die jungen Soldaten klaglos diesem Reglement fügen, bekunden sie ihre Bereitschaft zur vollständigen Unterwerfung unter die militärische Befehlsstruktur, wobei das Nachsprechen der vom Kommandierenden vorgetragenen Eidesformel den Höhepunkt des Subordinationsrituals markiert.

Gemeinschaftskörper

Wie die Politologen Markus Euskirchen und Henrik Lebuhn analysiert haben, finden sich denn auch »alle wesentlichen Elemente der militärischen Gehorsamsproduktion im Gelöbnisritual wieder«: Die Rekruten treten vorschriftsmäßig in tadellos gepflegter Uniform an. Sie exerzieren die in der sogenannten Grundausbildung permanent eingeübten Bewegungsabläufe wie das Marschieren im Gleichschritt, das synchrone Einnehmen verschiedener Haltungen oder das korrekte Grüßen des militärischen Vorgesetzten. Durch das lange regungslose Stehen stellen die Rekruten nicht nur ihre körperliche Leistungsfähigkeit unter Beweis, sondern demonstrieren auch, dass sie auf Befehl in der Lage sind, jedwede Strapazen zu ertragen. Gleichzeitig präsentieren sie sich als soldatische Einheit, zu der sie während der Grundausbildung geformt wurden. Den beim Gelöbnis anwesenden Gästen kommt dabei laut Euskirchen und Lebuhn die »Rolle einer Prüfungsinstanz« zu: »Militärischer Drill, Einheit, Uniformität, Ordnung und Sauberkeit werden dem Publikum vorgeführt.«

Im Gelöbnis löst sich die zivile Identität des Rekruten auf; er wird Teil der Staatsgewalt – und ist als solcher autorisiert, Dinge zu tun, die andere Menschen ins Gefängnis bringen würden. Sein ziviles Gewissen wird durch ein militärisches Gewissen ersetzt. Indem er schwört, die BRD »tapfer zu verteidigen«, akzeptiert er das Primat staatlicher Handlungslogik, was für ihn jederzeit bedeuten kann, auf Befehl zu sterben oder zu töten. Euskirchen und Lebuhn sprechen in diesem Zusammenhang von einem planmäßigen »Gewissensumbau«: »Wenn der Soldat in die Situation kommt, zwischen ›richtigen‹ und ›falschen‹ militärischen Befehlen zu differenzieren, hat er die grundlegende militärische Norm bereits akzeptiert und in sein Gewissen integriert: das militärische Tötungs- und Sterbegebot.«

Dem Abbau der »individuellen Sterbe- und Gewalthemmung« dient den Autoren zufolge auch die Inszenierung der Rekruten als militärischer »Gemeinschaftskörper«: Sie treten auf dem Gelöbnisplatz geschlossen an und nehmen Schulter an Schulter ihren vorbestimmten Platz ein. Durch ihre Uniformierung gleichen sie einander wie ein Ei dem anderen; ihre Bewegungen sind perfekt synchronisiert, die Eidesformel sprechen sie wie mit einer Stimme. Wer sich als Teil einer derartigen Gemeinschaft begreift, ist auch bereit, für diese zu sterben und zu töten – fühlt er sich doch in ihr aufgehoben und von ihr beschützt und hält sich dadurch letztlich für unverwundbar.

Da dem militärischen »Gemeinschaftskörper« gleichzeitig klassisch »männliche« Eigenschaften wie Tapferkeit, Kampfbereitschaft und Heldenmut zugeschrieben werden, gilt er den Autoren als allseits sichtbarer Ausdruck des patriarchalen Charakters des Militärs. Die zunehmende Indienststellung von Frauen durch die Bundeswehr ändere daran nicht das geringste, erklären sie: »Militär funktioniert auf der Grundlage der aggressiv-kämpferischen Unterwerfung und Kodierung seiner Mitglieder – das biologische Geschlecht des Soldaten spielt dabei nicht einmal eine sekundäre Rolle.«

Der Inszenierung eines militärischen »Gemeinschaftskörpers« entspricht – wie zu Kaisers und Führers Zeiten – die Inszenierung von Volk und Staat als quasi natürliche Einheit. »Herrschaft bedarf der Zustimmung der Beherrschten. Diese Zustimmung wird im modernen Staat (…) wesentlich durch die Imaginierung einer nationalen Gemeinschaft hergestellt«, schreiben Euskirchen und Lebuhn. Bei Gelöbnissen repräsentieren die Angehörigen der Rekruten, geladene Gäste und interessierte Bürger diese Gemeinschaft, die sich selbstverständlich erhebt und mitsingt, wenn die Nationalhymne erklingt. Kritik oder gar lautstarker Widerspruch sind explizit unerwünscht, würden sie doch die Zeremonie stören und damit die dahinter stehende ideologische Konstruktion ad absurdum führen. »Öffentlichkeit« wird einzig zum Zweck der Affirmation »hergestellt«.

Grundlegend für die besagte ideologische Konstruktion ist die Etablierung eines nationalen Geschichtsnarrativs, das sich mit schöner Regelmäßigkeit in den bei Gelöbnissen gehaltenen Politikerreden niederschlägt. Demnach steht die Bundeswehr wie auch die BRD insgesamt in der Tradition des »militärischen Widerstands« gegen das Naziregime, der am 20. Juli 1944 in einem Attentat auf Hitler gipfelte. Da die Deutschen zudem aus »eigener leidvoller Erfahrung« wüssten, was Krieg bedeute, und erkannt hätten, dass Auschwitz – verstanden als Synonym für das deutsche Menschheitsverbrechen der Vernichtung der europäischen Juden – sich nicht wiederholen dürfe, seien sie nunmehr geradezu prädestiniert dafür, in aller Welt für die Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten zu sorgen – im Zweifelsfall militärisch.
Unterstellt wird dabei stillschweigend, dass die vom Bundesverteidigungsministerium in »Weißbüchern« und »Verteidigungspolitischen Richtlinien« kodifizierten Aufgaben der deutschen Streitkräfte wie die Aufrechterhaltung des freien Warenverkehrs oder die Absicherung des ungehinderten Zugriffs auf industrielle Rohstoffe in aller Welt, im besten Einvernehmen mit Demokratie und Menschenrechten stehen und damit nicht nur im »deutschen Interesse«, sondern im Interesse der Menschheit sind. Aus einem dezidiert imperialistischen Programm wird so ein Bekenntnis zur Erbringung von Wohltaten.

Ohne ein gerüttelt Maß an Geschichtsklitterung kommt die geschilderte nationale Gesamterzählung indes nicht aus: Die vielbeschworenen »Männer des 20. Juli« waren keineswegs lautere Demokraten, sondern vielfach Nazis und Kriegsverbrecher, zumindest aber erklärte Anhänger einer autoritären »Krisenlösung«. Die Bundeswehr wiederum wurde ihrerseits von Nazioffizieren und Kriegsverbrechern aufgebaut – und pflegt diese Tradition bis heute, wie etwa die Benennung ihrer Bruchsaler Kaserne nach General Hans Speidel zeigt. Laut gültigem Traditionserlass des Verteidigungsministeriums ist die »Aufnahme einzelner Angehöriger der Wehrmacht« in das »Traditionsgut« der Truppe und die Würdigung der von ihnen repräsentierten »militärischen Exzellenz« explizit möglich. Zudem sollen nach wie vor »zeitlos gültige soldatische Tugenden« wie »Tapferkeit«, »Treue«, »Kameradschaft« und »gewissenhafte Pflichterfüllung« bei der Bundeswehr »Anerkennung finden und in Lehre und Ausbildung genutzt werden«.

Provokation

Es ist vor diesem Hintergrund nicht weiter verwunderlich, dass öffentliche Gelöbnisse in der Geschichte der BRD immer wieder zu Protesten geführt haben, sind sie doch durch den hier offensiv zur Schau gestellten Nationalismus und Militarismus schlicht eine Provokation für alle denkenden Menschen. Ihr größtes Fiasko erlebte die politisch-militärische Führung dabei am 6. Mai 1980, als die seinerzeit amtierende sozial-liberale Bundesregierung unter Helmut Schmidt (SPD) den 25. Jahrestag des NATO-Beitritts der BRD mit einer öffentlichen Rekrutenvereidigung im Bremer Weser-Stadion feiern wollte: Gegendemonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, Militärfahrzeuge brannten, und der als Festredner vorgesehene damalige Bundespräsident Karl Carstens (CDU), der vor 1945 sowohl der SA als auch der NSDAP angehört hatte, konnte nur per Hubschrauber ins Stadion gelangen, da Antimilitaristen die Zufahrtsstraßen blockierten.

Für den heutigen 12. November, an dem der 64. Gründungstag der Bundeswehr mit einem öffentlichen Gelöbnis vor dem Reichstag in Berlin zelebriert werden soll, sind gleichfalls Proteste angekündigt. Dass sie ein Ausmaß wie 1980 annehmen werden, ist allerdings unwahrscheinlich. Die von der hiesigen politischen und gesellschaftlichen Elite erklärtermaßen angestrebte »Normalisierung des Militärischen« ist offenbar schon zu weit fortgeschritten. Dabei gäbe es genügend Gründe für energischen Widerstand – sei es der Aufmarsch deutscher Truppen an der russischen Grenze, sei es die Beteiligung der Bundeswehr an der todbringenden Flüchtlingsabwehr in Afrika und im Mittelmeer oder ganz allgemein der Versuch Deutschlands, sich zur imperialistischen Führungsmacht innerhalb der EU aufzuschwingen.

Markus Euskirchen/Henrik Lebuhn: »Tapfer zu verteidigen!« Das öffentliche Rekrutengelöbnis der neuen Bundeswehr. Eine Militärkritik, Saarbrücken 2008

Antimilitaristische Demonstration »64 Jahre – Kein Grund zu Feiern. Bundeswehr abschaffen«, 12.11.2019, 9 Uhr, Potsdamer Platz Berlin. Mehr Informationen unter: http://nowar.blogsport.de

Peer Heinelt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20. März 2019 über den Mord an einer Freiburger Antifaschistin und dessen unzureichende Aufklärung durch die Justiz im Jahr 1993.

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. (13. November 2019 um 10:36 Uhr)
    Ich habe ein Flugrevue-Sonderheft von 1961 zum Thema »Deutsche Luftwaffe« (das ganze Heft ist interessant bzw. aus antimilitaristischer Sicht einfach nur gruselig), in dem die Firma Lockheed (das sind die mit dem »Starfighter«) der Luftwaffe zum 50jährigen Bestehen gratuliert. Man freut sich der nahtlosen Kontinuität seit 1911, von Baron Richthofen über Legion Condor (Guernika etc.), Coventry etc. bis zum Kalten Krieg stramm an der Seite des damaligen Wertewestens in der NATO.

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