Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 12 / Thema
Unterwegs im Osten (Teil 4)

»Ich wollte auch Zeitzeuge sein«

Wie Bernhard P. ins Kinderheim »Elli Voigt« in Zinnowitz kam und später zur Stasi. Eine etwas andere Erinnerung anlässlich des 9. November
Von Burga Kalinowski
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Igitt. Vielen schmecken die DDR-Kinderheime bis heute nicht. Es gehört zur Delegitimierung des Sozialismus, pauschal alle Kinderheime der DDR als Orte grausamer Pein zu beschreiben (Gutshof Glien in Belzig, 13.5.1970)

Das Jahr 2019. Deutschland und seine Daten: 1949 Gründung der DDR, 1989 »Wende« und Ende. Eine dritte Jahreszahl muss immer mitgedacht werden: 1939, der Überfall auf Polen, Zweiter Weltkrieg, Holocaust. Will man die historische Beziehungskette vollständig, gehört auch 1919 dazu: das Jahr der verratenen Novemberrevolution. Das ganze 20. Jahrhundert trägt Narben aus Zeiten der Verbrechen und Verluste, Elend, Tod und Schmerz. Und Hoffnungen. Jede Zahl führt ins Heute. Auf der Suche nach der gewesenen Zeit: 70 Jahre, 30 Jahre. Was bleibt, was verändert das Leben, was vergisst man nie? Teil 4 unserer Serie über den Osten. (jW)

Vor etwa fünf Monaten rief mich Bernhard P. an. Ein Kollege hatte ihm die Telefonnummer gegeben. Er fragte, ob mich die Erinnerungen von ehemaligen Heimkindern aus der DDR interessieren. Bald würden sich Ehemalige und Erzieher seines Heimes wieder treffen. Das machten sie schon seit 1982, und es wäre immer schön. Einige von ihnen hätten jetzt ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Wir finden das wichtig, sagte er, weil seit Jahren und jetzt zu den Jahrestagen wieder mal alles schlechtgeredet wird, was früher DDR war. Natürlich auch die Kinderheime. So kamen wir ins Gespräch über das Kinderheim »Elli Voigt« in Zinnowitz, über seine Lieblingserzieher Harry S., Klaus und Rosi Sch., über den Kulturpalast der Wismut, wo seine Jugendweihe gefeiert wurde, wo er ins Kino ging und als 16jähriger zum Tanz. Da spielten noch zwei Kapellen. Das muss man sich mal vorstellen – so lange ist das her. Bernhard P., 1947 geboren, erzählt, wie er erwachsen wurde und wie er die »Wende« erlebt hat. Er sagt auch, dass er bei der Stasi war. Ich frage: Warum? Er: »Aus Dank.« – Wofür? »Weil ich eine gute Kindheit hatte im Heim. Erzieher, die sich um mich gekümmert haben. Dass ich als Kind viel machen konnte. Es ging mir gut, und ich wollte der DDR etwas zurückgeben.« So einfach können Entscheidungen und ihre Gründe sein.

Aber erst einmal möchte Bernhard P. über seine Zeit im Heim reden. Über Eisschollenspringen auf der winterlichen Ostsee, über die Abenteuer auf der Lotseninsel Ruden vor Peenemünde, über Freundschaften, haltbar und hilfreich auf politischen Holper-und-stolper-Wegen bis heute. Und falls ich mit einer Erzieherin reden möchte oder mit Kindern von damals, er hätte einige Telefonnummern. Da müsste ich aber nach Zinnowitz fahren.

Es stimmt nicht

Das mache ich. Besuch bei Ingrid F., ich richte die Grüße von Bernhard P. aus, bewundere den Riesenstrauß mit kunstvoll und farbenfroh bemalten Ostereiern. Solche Ostereier habe sie auch mit den Heimkindern gemacht – also, wer wollte und Geduld dazu hatte. Dann reden wir lange. Sehr offen und freundlich und vor allem sehr genau erinnert sich die 79jährige an ihre Zeit als Erzieherin. Was heutzutage über die Kinderheime erzählt wird, versteht sie nicht. Aus eigenem Erleben weiß sie: Es stimmt nicht. »Schlagen und Quälen – also unsere Kinder nicht«, sagt sie. »Das werden sie von unseren Kindern nicht hören.« Ich frage nach. »Bei uns nicht. Dafür lege ich die Hand ins Feuer.« Auch in ihrem gesamten beruflichen Umkreis »hat es nicht stattgefunden«.

Bevor sie 1964 als Erzieherin im Heim anfing, hat sie in der Jugendhilfe beim Rat des Kreises in Wolgast gearbeitet. Sie war im Außendienst, hat Familien praktisch unterstützt und geguckt, wie es den Kindern geht. »Es gab schwierige Fälle, da konnten die Kinder nicht bleiben. Drastisch gesagt: Die Eltern haben gesoffen, geschlagen, sich nicht gekümmert.« Leider gab es das. Manche haben sich geändert, manche nicht. »Da waren die Kinder bei uns besser dran.« Ganz gewaltig besser sogar, sagt sie nach kurzem Nachdenken. Gemeint sind nicht nur die sauberen Betten und regelmäßigen Mahlzeiten, ganz zu schweigen von der Kollegin, die richtig nähen konnte und bei den Mädchen besonders beliebt war. »Wir haben Fasching gefeiert und Theater gespielt, und im Schulchor waren unsere Kinder auch.« »Unsere Kinder« – das werde ich oft in diesem Gespräch hören – also »wir haben unsere Kinder natürlich umsorgt, zum Geburtstag Kuchen gebacken, bei Schularbeiten geholfen, sind in die Ferien gefahren.« Wohin? Nach Oberhof, nach Wesenberg hinter Berlin, zur Grillenburg im Harz. »Das war eine schöne Zeit, muss ich sagen.« Das Gefühl der Gemeinsamkeit hält bis heute. Ingrid F. weiß, wie es »ihren Kindern« geht: Christian ist Lehrer, lebt in Berlin, Sonja, war Reinigungskraft im Krankenhaus Wolgast, Ursel ist Lehrerin in Crimmitschau, Gudrun war Kranfahrerin, Sigrid Erzieherin, Bernhard ging zur Lehre ins Stahl-und Walzwerk Brandenburg, später zur »Firma«.

»Das waren alles liebe Kinder, laut und neugierig, lustig und frech oder ängstlich. Kinder eben.« Waren Sie streng? »Streng? Nee, kann ich nicht sagen. Krach und Ärger gab es wie überall, es sind auch welche ausgerückt. Dann muss man reden, gut zureden. Geduld ist am besten.«

»Gegen Lügen muss man sich doch wehren können«, wird sie mir zum Schluss sagen. Ich soll es dem Bernhard ausrichten. Er wiederum könnte ihr von verschiedenen Versuchen erzählen, seine Erlebnisse und die von Edith, Norbert, Frieda und anderen Kindern öffentlich zu machen. Das ist nicht einfach – im Grunde aussichtslos, wenn persönliche Erinnerung und Fakten der verordneten Doktrin vom Unrechtsstaat nicht voll und ganz entsprechen. Ohne Prügel, Hunger, Missbrauch, Arbeitszwang – was gibt es noch Schlimmes? – darf es in DDR-Kinderheimen nicht zugegangen sein. Der Runde Tisch Heimerziehung (Ost) stellte es 2014 fest und datierte das »kommunistische Kindergrauen« durchgehend von 1949 bis 1990. Aus der Formulierung »viele« entstanden bisher keine belastbaren Zahlen, beispielsweise zu Missbrauch oder zu Kinderarbeit oder zur Verweigerung von Schulbildung. Es sind Vorwürfe, die nach Staatsanwalt, Klage, Prozess und Gerichtsurteil geradezu schreien – wenn sie zutreffen würden. Wie auch immer: Ehemalige Heimkinder der DDR konnten bis zum 30. September 2014 Entschädigungs­ansprüche anmelden.

Alles Unrecht

Bereits da vermittelten erste Ergebnisse aus den Fragebögen eine andere Wahrheit als die Begleitpropaganda zum Thema. Das betraf Schulbildung, Berufsausbildung, Studium, Freizeitmöglichkeiten. Auch bei Beschuldigungen wie Schlagen und Schikanen oder Missbrauch konnte weder von flächendeckend noch von Systemtendenz die Rede sein. Aber es gab solche Fälle. Es ist kein Trost, dass es »nur« Einzelfälle waren, bezogen auf insgesamt ca. 350 000 Heimkinder in 40 Jahren. Mir haben zwei Heimkinder davon erzählt. Einer war als Jugendlicher selbst betroffen, hat darüber erst nach der »Wende« gesprochen. Ein anderer wusste es von zwei 16jährigen Mädchen aus seinem damaligen Heim in Berlin. Der schuldige Erzieher wurde entlassen und erhielt Berufsverbot. Hoffentlich bekommt der heute keine Entschädigung als »SED-Opfer«.

Zum 31. Dezember 2018 stellte der Ostfonds seine Arbeit ein. Politisch und praktisch musste umdisponiert werden. Am besten mit dem Gang durch eine Hintertür: den strafrechtlichen, verwaltungsrechtlichen und beruflichen »Rehabilitierungsgesetzen« für Opfer politischer Verfolgung. Ende 2019 laufen da die Antragsfristen aus. Katarina Barley (SPD), ehemalige Bundesjustizministerin, sorgte dafür, dass Entschädigung leichter durchzusetzen ist. Auch für Heimkinder Ost soll die Antragsstellung ermöglicht werden: »Mit dem Gesetzentwurf wollen wir sämtliche Antragsfristen streichen, die in den Rehabilitierungsgesetzen (…) vorgesehen sind.« Aber nicht nur mit den lästigen Fristen ist Schluss, nein, »künftig sollen die Gerichte, auch wenn es Probleme bei der Sachverhaltsaufklärung gibt, unter bestimmten Voraussetzungen feststellen können, dass die Kinder selbst politisch verfolgt wurden und sie strafrechtlich rehabilitieren.« Heißt: Es geht auch ohne Nachweise, Behauptung genügt. Das ist wirklich ein sehr gelungenes Stück: Nicht mehr so viel konkreter Kram und trotzdem Kohle. Und das im Lande der pingeligen Hartz-IV-Gesetze!

Am 15. Mai 2019 veröffentlichte die Chemnitzer Freie Presse darüber einen Bericht. Ein Leser schrieb folgenden Kommentar: »Wenn man von der ›Erziehungsdiktatur der DDR‹ spricht, ist es nur ein kurzer Weg, die Heimerziehungspraxis der DDR als Ganzes zu diffamieren. Nicht umsonst werden Jugendwerkhöfe und Kinderheime in einem Atemzug genannt. Es gab viele Fälle von Kinderverwahrlosung oder zurückgelassenen Kindern, deren Eltern sich allein in den goldenen Westen aufgemacht haben. Selbst diese Personen können sich nun als ›Dissidenten‹ fühlen. Dass man an Differenzierung nicht interessiert ist, zeigt dieser Passus: ›Der Anspruch gelte auch für SED-Opfer, die in der Vergangenheit mit dem Versuch, rehabilitiert zu werden, gescheitert sind‹. Für die Deutungshoheit über die Geschichte und die Kriminalisierung ehrbarer Heimerzieher zeigt man sich ausgesprochen großzügig.«

Das kann man sagen. Dabei ist die historische Rechtslage von Anfang an eindeutig: In der Sowjetischen Besatzungszone wurden Körperstrafen an Schulen schon 1945 abgeschafft. Diese Regelung überführte die DDR ab August 1949 in das Verbot der Prügelstrafe. Endgültig formuliert wird es im »Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau« vom 27. September 1950. Selbstverständlich galt dieser Grundsatz auch für Kinder und Jugendliche in Heimen. Die ersten Heime boten bescheidene Zuflucht, Essen und ein Dach über dem Kopf, und ermutigenden Zuspruch bei Konflikten. Es war ein schwer Anfang: Nicht nur Kinder und Jugendliche waren durch Krieg und Nachkriegszeit aus der Bahn geworfen. Das Land verbrannt. Alte Regeln ohne Wert. Neue Werte noch nicht die Regel. In der Kindererziehung wurde noch die Knute der schwarzen Pädagogik geschwungen, Ost wie West. Da kann ein Richterspruch von gesellschaftlicher Bedeutung sein. Konsequent urteilte das Oberste Gericht der DDR am 19. Februar 1952: »Die körperliche Züchtigung als Mittel der Erziehung muss scharf bekämpft werden«. Ein Stoppschild. Gleichzeitig entstehen Einrichtungen für Betreuung, Erziehung und Freizeit von Kindern. Eine Statistik darüber, wie viele Ausbildungsstätten damals entstanden und wie viele Leute dort studierten, wäre interessant – auch im Vergleich zum damaligen Westdeutschland. In den meisten alten Bundesländern durften Lehrkräfte bis 1973 ihre Schüler züchtigen, und kein Gesetz hinderte sie daran. In Bayern wurde die Prügelstrafe erst 1980 als Mittel der Wahl gestrichen. Wie wird es da wohl in den dortigen Kinderheimen zugegangen sein? Zufällig lernte Bernhard P. vor etwa drei Jahren einen Hamburger kennen, der in einem Westheim aufgewachsen war und noch nach Jahrzehnten voller Wut ist. »Wir hatten ein interessantes, aber sehr kurzes Gespräch über unsere Erfahrungen.« Bernhard P. erinnerte sich gern an sein Heim. Seine Zufallsbekanntschaft fand keinen einzigen guten Grund dafür. Sie kamen aus verschiedenen Welten.

Kein Interesse

Auf Initiative des Vereins ehemaliger Heimkinder in (West)Deutschland konstituierte sich 2009 der Runde Tisch Heimerziehung. Er beschäftigte sich mit der Situation der westdeutschen Heimkinder von 1949 bis 1975. Im Abschlussbericht 2011 heißt es, dass die Rechte von Kindern massiv verletzt wurden. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern erlitten in diesen meist von kirchlichen Organisationen getragenen Heimen etwa 500.000 Kinder und Jugendliche schweres Unrecht. Unvorstellbare körperliche und psychische Grausamkeiten, heißt es in einer späteren Studie: Heimkinder gedemütigt, gequält, geschlagen. Sexuell missbraucht, isoliert, als Zwangsarbeiter ausgebeutet. Würde, Wohl und eigener Wille dieser Kinder wurden permanent verletzt und gebrochen. Die Hölle auch im Namen des Herrn. Ein Fonds soll den Betroffenen helfen.

Irgendwann ist diese Geschichte durch, der Medienhype vorbei. Ein neues Thema wird hoch gekocht. Kinder sind gut. Kinder, Blumen, Tiere – kriegste nie ’ne Viere. Allerdings muss die Richtung stimmen. Sie stimmt immer, wenn man an der »Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur« strickt. Da finden sich auch Zeitzeugen ein.

»Dann erschienen nach und nach Berichte über Heimkinder aus der DDR. Das interessierte mich natürlich.« Erst wundert sich Bernhard P. Dann nicht mehr. Schließlich reicht es ihm: »Ich wollte jetzt auch ein Zeitzeuge sein.« Im Bayrischen Rundfunk sieht er einen Beitrag über Kinderheime in der DDR. Was er sieht, hat nichts mit seiner Kindheit zu tun. Er schreibt dem Sender und bietet an, dass er oder andere Kinder vom »Elli Voigt«-Heim über ihre Erfahrungen sprechen. Kein Interesse. Dem NDR schickt er eine Einladung zum nächsten Heimtreffen. Kein Interesse. Sein Anliegen wird an den Regionalsender Greifswald weitergegeben. Kein Interesse. Wie kommt denn das, fragt man sich. »Bei unserem Treffen in Zinnowitz – wir waren immerhin 20 Leute – waren wir uns einig, dass das eine Schweinerei ist. Verschweigen ist so wie lügen. Oder?«

So könnte man es auch sagen. Sagt man aber nicht, sondern redet von Meinungsfreiheit. Heute wie damals vor 30 Jahren. 9. November 1989. An jenem denkwürdigen Tag, den man historisch nennt. Sogar eine Uhrzeit gibt es dazu. Weil ein Mann nicht richtig lesen kann, galoppiert der Gaul der Geschichte seitdem wie blind durch die Welt. Eine erschöpfte Schindmähre inzwischen. »Gaul Geschichte, du hinkst«, dichtete Wladimir Majakowski 1918.

Ziemlich gut erinnere ich mich an den Anfang der Transformationszeit, wie die Jahre seit 1989 genannt werden. Eine politologische Bezeichnung für die grundlegende Umformung von Gesellschaften, in diesem Fall der DDR-Gesellschaft mit allem Drum und Dran. Klingt auf jeden Fall besser als Anschluss oder Okkupation oder Deindustrialisierung.

»Für Westgeld tu ich alles«

In dieser Zeit fanden Gesprächskreise statt, in denen Umformer West den Umzuformenden Ost freundlich ihre neue Lage erklärten: Was geht, was geht nicht. Gebrauchten BMW kaufen – ok. Eine Busfahrt nach Paris – endlich selbstverständlich. Einen Job als Abteilungschef – das nun nicht, sorry. Und die bisherigen lächerlich niedrigen Mieten gehen überhaupt nicht, aber dafür bekamen sie Arbeitslosenämter hingeklotzt, zum Teil nagelneu und todschick aus Glas und hellem Beton. Dort konnten sie bequem Schlange stehen und Nummern ziehen und wurden selber eine. X-beliebig. Manche dachten vielleicht: Ist doch prima, Westgeld fürs Nichtstun. Ein Ruf von 1990 geistert bis heute durch zeitgeschichtliche Erzählerei: »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr.« Solche Plakate tauchten urplötzlich schon auf den Leipziger Demos im November 1989 auf, sagen Augenzeugen, und dass die Lieferfahrzeuge Westkennzeichen gehabt hätten. Während viele DDR-Bürger noch dachten, sagten und dran glaubten, dass sie das Volk sind – schließlich und endlich und irgendwie –, folgten andere der Schleimspur des schlauen Spruches. Der hatte die kalkulierte Wirkung von Dynamit, wird immer noch gern als Legitimation für jede der damaligen Entscheidungen benutzt, ist außerdem bequeme Ausrede für lemminghaftes Verhalten im Osten – Umformung muss auch Spass machen. Ich kenne Leute, die mutierten zu begeisterten Marktschreiern und verkauften aus ihrem Wartburg-Anhänger heraus Bananen, Kekse und Kaffeepäckel. Die Einnahmen lieferten sie beim Westhändler gegen eine Provision in D-Mark ab. Und die Schlangen beim Begrüßungsgeld! »Für Westgeld tu ich alles«, hätte der Spruch auch heißen können.

Nach der Grenzöffnung am 9. November 1989 drehte ich für das Fernsehen der DDR einen Film über die aktuelle Situation. Die Zeit taumelte. Die Menschen auch. Manche verloren den Glauben an die Vernunft und ihre Hoffnung auf den Sozialismus. Wie im Rausch erwarteten andere das Paradies des Konsums und machten sich auf den Weg dahin – in Berlin oft nur eine S-Bahnstation entfernt. Oder tuckerten mit Trabbi, Kind und Kegel sonstwohin.

»Wir bleiben hier« – erst fünf Tage zuvor, am 4. November, skandierten es Zigtausende bei der größten und hoffnungsvollsten Demonstration der DDR auf dem Berliner Alexanderplatz. Sie sammelten Unterschriften »Für unser Land« – anders sollte es werden, besser als es sich dann entwickelt hat. Sie wollten eine reformierte DDR, keine ehemalige. Bisherige Gewissheiten wurden löchrig oder verkehrten sich in ihr Gegenteil. Das ging schnell. Alles ging schnell. Was bis dahin als Lesestoff tabu war wie die Bücher des den Krieg verherrlichenden Schriftstellers Heinz G. Konsalik etwa, aber auch »Die Ansichten eines Clowns« von Heinrich Böll, wurde nun gedruckt. Bücher aus DDR-Verlagen dagegen wanderten in die Tonne. Ein westdeutscher Pfarrer, Martin Weskott aus Katlenburg, rettet die Bücher. Mehr als 800.000 Romane, Sach-, Fach- und Kinderbücher bewahrte er für die Nachwelt. Danke. Neben dieser Büchervernichtung begannen erste Entlassungen und zügige Vorbereitungen durch die DDR-Generalstaatsanwaltschaft für Prozesse gegen Partei-und Regierungsfunktionäre. Journalisten und Kameramänner rannten durch die Polit-Wohnsiedlung Wandlitz bei Berlin, schrieben und filmten, wie Erich Honecker gewohnt hatte oder wo Erich Mielke aufs Klo gegangen war. Bundeskanzler Helmut Kohl sprach noch von Konföderation Ost-West, Frankreichs Präsident François Mitterrand sah in einem vereinten Deutschland eine Bedrohung für Europa, auf einem Sonderparteitag im Dezember taufte sich die SED in PDS um und wollte aus dem »missglückten Experiment« Sozialismus Konsequenzen ziehen. Was daraus geworden ist, kann man heute betrachten: Nach 30 Jahren ist das linke Führungspersonal samt etabliertem Apparat wieder unterwegs zu den Pfründen der Macht. Daran war nicht zu denken als Stück für Stück die Mauer abgerissen wurde, verkauft, verschenkt, zermahlen. Fast alle DDR-Bürger freuten sich darüber, reisten hin und her und wieder zurück und kauften Weihnachtskram nun auch im Westen. Ich besorgte einen Chemiekasten (Ost) für meinen Sohn, einen Puppenwagen (West) für meine Tochter und hatte einen Interviewtermin mit Walter Momper, dem Regierenden Bürgermeister Westberlins. Wir redeten über Wechselkurse 1:10 bis 1:20, über Schwarzarbeit von Ostberlinern im Westen, über Verhandlungen für einen Reisevalutafonds, sogar über Subventionen der DDR zum Beispiel bei Brot, Blumen, Büchern, Bus-und Bahnfahrten für 20 Pfennig, von Theaterkarten oder Kinderferienlager ganz zu schweigen. Darüber schüttelte Momper nur den Kopf. Vielleicht dachte er: Kein Wunder, wenn die baden gehen. Ein nachdenklicher Pfarrer in einem Neuköllner Gemeindezentrum sagte dem Drehteam: »Hier glitzert vieles, lasst euch nicht blenden.« Dann fuhren wir quer durch die Glitzerwelt zur Bornholmer Brücke, zurück in den nur wenig glitzernden Osten. »Moral und Moneten« hieß die Reportage, sie lief am 4. Dezember im Ersten Programm des Ostfernsehens.

Zu dieser Zeit glaubte Berhard P. nicht mehr daran, dass es mit der DDR ein gutes Ende nehmen würde. Hauptsache, es wird nicht geschossen, dachte er schon seit Wochen. Nur das nicht. Gewalt und Krieg waren die Schatten auf seiner Kindheit. Seine Mutter hatte es erlebt und verlor ihre innere Balance. »Anfang Mai 1947 kam ich auf eine ziemlich kaputte Welt. Ich war das dritte Kind, wir waren fünf Geschwister. Vater war gerade aus amerikanischer Gefangenschaft zurück, Mutter vom Krieg und seinen Auswirkungen psychisch am Boden. Tatsächlich war es so, dass wir Kinder nicht ordentlich versorgt waren. Unsere Mutter war geistig verwirrt, und Vater musste sie öfter in Heringsdorf suchen. Sie war völlig überfordert.« Später diagnostizieren die Ärzte der psychiatrischen Klinik in Stralsund Schizophrenie.

Anfang Dezember 1954 finden Bernhard P. und sein älterer Bruder im Kreiskinderheim »Elli Voigt« in Zinnowitz auf der Insel Usedom eine neue Bleibe. Die Gemeindeschwester hat ihre Unterbringung dringend empfohlen. Zwei jüngere Geschwister, ein Jahr und zwei Jahre alt, kommen in das Säuglingsheim Heringsdorf, die ältere Schwester lebt bei den Großeltern. Ihre Mutter wird 1956 zur Behandlung in die Stralsunder Klinik aufgenommen. Erst nach fünf Jahren, 1961, Bernhard P. ist gerade 14 geworden, kann er sie in der Klinik besuchen – Kinder unter 14 Jahren durften nicht auf die Station. »Meine Mutter erkannte mich erst nicht. Dann doch.« Sie wird nicht mehr in den Alltag ihrer Kinder zurückkehren. 1980 ist sie gestorben.

Bernhard P. hat ein Foto von ihr. Es liegt im Umschlag zusammen mit anderen Fotos seiner Kindheit. Da »unsere Mädchen von der Tanzgruppe«. Es sieht nach einem Fest aus, 1. Mai vielleicht? »Klar, wir haben immer mitgemacht.« Sie wurden »die Heimer« genannt und gehörten dazu. »Meine Schulfreunde Detlef und Wolfgang waren oft im Heim, und die Dorfkinder kamen sowieso, weil wir einen riesigen Sportplatz hatten.«

Ein anderes Foto und sieben Jahre später: Bernhard segelt über den Brandenburger Quenzsee. Mit 14 Jahren wechselt er in das Schulinternat in Heringsdorf, macht die Mittlere Reife, lernt im Stahl-und Walzwerk Brandenburg Schmelzer. Es ist nicht sein Traum. Sein großer Traum ist die Seefahrt. Er entsteht bei Bootsfahrten zwischen dem Festland und der Ostseeinsel Ruden – und als er in einem Buch Gemälde entdeckt: Stolze Segelschiffe mit geblähten Segeln, schäumende Gischt und ringsherum die unendliche See. Der 12jährige Junge vergisst es nie. Nun ist es der Quenzsee bei Brandenburg geworden. Die Leidenschaft ist geblieben. Erst vor kurzem war er mit Freunden und Familie auf Segeltörn vor Warnemünde.

Bei Mielkes Verhaftung

Dazwischen liegt ein ganzes Leben. Nach der Armeezeit wird er gefragt, sagt »Ja« und ist ab 1969 Mitarbeiter beim Geheimdienst der DDR. Stasi wird später zum Kürzel des Schreckens werden. Damit kann er leben. Bernhard P. ist zunächst bei der Spionageabwehr, später in der Abteilung VIII, Observation, noch später in einer Truppe, eine Art Terrorabwehr.

Dann die Wende. Nie hätte er das gedacht. Vor dem Klassenfeind wollte er das Land beschützen – nun kommt Gefahr auch von innen. Als schleichender Prozess, als Verweigerung, als Resignation oder Ausreise. Schon den ganzen Sommer diese Unruhe von unten und dieses Schweigen von oben. »Da dachte ich, eine Zeit geht zu Ende.«

Tatsächlich läuft vieles auf den 4. November zu. Hoffnung sucht eine Bühne. Der Alexanderplatz in Ostberlin wird es sein. Eine Weltbühne sogar. Eine letzte großartige Vorstellung. Applaus. Das Stück ist aus. Die neue Spielzeit beginnt am 9. November. Es läuft ein uraltes Stück in moderner Bearbeitung: Machtwechsel.

»Ich habe ferngesehen. Ich dachte: Verrückt, und hoffentlich geht alles gut. Wir standen ja unter Waffen.« Es ging alles gut, aber für ihn wurde es noch verrückter. Am 7. Dezember kommt der Militärstaatsanwalt der DDR und befiehlt Bernhard P., mit nach Wandlitz zu fahren, um Willi Stoph, Hermann Axen und Erich Mielke zu verhaften. »Axen war in Moskau. Ich war für Mielke eingeteilt. Klingeln. Frau Mielke lässt uns rein. Er saß am Schreibtisch, war verwirrt, jammerte und wollte nicht mitkommen. Einerseits tat er mir leid – aber auch wieder nicht.«

P. macht sich auf die Suche nach Arbeit, hat die ersten Bewerbungen geschrieben und sogar eine Stelle in einer Baubrigade in Aussicht. »Glück gehabt«, findet er schon damals. »Ich war aber nicht glücklich darüber«.

Zuviel Asche blieb und kaum noch Funken darin. Feiern wird er auch dieses Jahr nicht. Muss er auch nicht. Diese Freiheit hat er nun.

Der erste Teil der Serie »Unterwegs im Osten« von Burga Kalinowski über die von Rechten überlaufene thüringische Gemeinde Guthmannshausen erschien am 7. September 2019, der zweite Teil über den Widerstand der Kalikumpel in Bischofferode am 19. September 2019, der dritte Teil über die Gründung der DDR am 7. Oktober 2019.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. ( 9. November 2019 um 08:21 Uhr)
    Ich hatte das Vergnügen, zwei Jahre in einem streng katholisch geführten Schulhort hier im Westen in den 1950ern verbringen zu dürfen. Die wirklich fanatisch zu nennende »Tante« zeigte täglich missionarischen Eifer, uns zu einem gottgefälligen Leben zu führen. Das ging von x Gebeten, über den Tag verteilt, bis zur Einmischung in die privaten Familienverhältnisse. So verlangte sie von mir (erfolglos), meinen Stiefvater nicht mehr Onkel zu nennen, sondern Papa. Der Horror aber wiederholte sich täglich beim Mittagessen. Ich hasste den Geruch der aufgewärmten Henkelmänner, und sie bestand darauf, bis auf den letzten Bissen aufzuessen. Und so saß ich wohl jeden Mittag würgend vor dem kalten Pott, während alle anderen bereits spielten. Diese tollen Erlebnisse sind durchaus mit Grund, warum ich dieses »wunderbar ideologiefreie westliche System« so ins Herz geschlossen habe.

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