Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Betreten verboten

Fußballfans dürfen manchmal nicht zu ihrem Lieblingsklub. Behörde: Reine Gefahrenabwehr
Von Oliver Rast
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Heute hier, aber morgen? Fans von Greuther Fürth kämpfen um ihre Bewegungsfreiheit (Spiel gegen Sandhausen, 9.11.2019)

Aktive Fans der SpVgg Fürth haben jüngst Post vom städtischen Amt für Umwelt, Ordnung und Verbraucherschutz erhalten. Das ist die Behörde, die Fußballfans anordnen kann, bestimmte Stadtgebiete für einen gewissen Zeitraum nicht zu betreten. Solche Betretungsverbote drohen Kleeblatt-Fans am 24. November zum Frankenderby gegen den 1. FC Nürnberg im Fürther Sportpark Ronhof.

»Bislang sind sieben Anhängern der Spielvereinigung derartige Schreiben zugegangen«, berichtet Fananwalt Michael Brenner gegenüber junge Welt. Bis zum 13. November hätten sie Zeit, sich schriftlich zum Sachverhalt zu äußern – Anhörung heißt das. Begründet wird die angedrohte Maßnahme mit dem Landesstraf- und Verordnungsgesetz (LStVG). Zur »Gefahrenabwehr« dürften laut Brenner die Betroffenen von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends ein größeres Areal rund um den Sportpark nicht passieren. Sonst gibt’s ein saftiges Ordnungsgeld.

Der Weiß-grüne Hilfefonds, die Fanhilfe der Kleeblatt-Fans, spricht in einer jüngst veröffentlichten Stellungnahme von »völlig haltlosen Anschuldigungen« der Stadt, die einseitig auf »von der Polizeidirektion Fürth bereitgestellten Daten« beruhten. Der Hilfefonds zeigt sich über diese »Androhungsschreiben« des Ordnungsamtes auch deshalb verwundert, weil in der Vergangenheit alle Beteiligten gut ohne Betretungsverbote ausgekommen seien. Folgerichtig fordern die Fanrechtler, diese »unverzüglich zurückzuziehen«. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit ist allerdings keine Fürther Spezialität. Die Königsblaue Hilfe der Schalke-Fans teilt gegenüber jW mit: »Unsere Erfahrungen zeigen, dass Stadt- und Bereichsbetretungsverbote oftmals ziemlich willkürlich ausgesprochen werden.« Für betroffene Fans sei nicht ersichtlich, warum ihnen einzelne Spielbesuche untersagt würden, andere wiederum nicht.

Was sagen Stadtpolitiker zum potentiellen Ausgehverbot für Supporter aus der Kurve? Der Fürther Stadtrat hat von den Amtsschreiben keine Kenntnis, sagt Josef Körbl, örtlicher SPD-Fraktionsvorsitzender, auf jW-Nachfrage. Das sei bei einer »laufenden Angelegenheit der Verwaltung« wie beim »Aussprechen von Betretungsverboten« auch nicht üblich. Keinesfalls dürfe eine solche Maßnahme »leichtfertig ausgesprochen werden«, betont Körbl. Er wisse aber, dass die Angeschriebenen vormals nicht wegen »Kavaliersdelikten« aufgefallen seien. Für Dietmar Helm, CSU-Fraktionschef in der Frankenstadt, ist die Sachlage eindeutig – er sagt auf jW-Anfrage: »Das ist eine präventive Maßnahme zum Schutz aller Bürgerinnen und Bürger.« Kritischer hingegen äußert sich der grüne Stadtrat Kamran Salimi gegenüber jW: »Der Wechsel des Polizeidirektors in Fürth vor knapp einem Jahr hat zu einem ›Philosophiewechsel‹ der Polizei unter anderem bei Derbys beigetragen.« Polizeipräsenz und Kontrollen vor dem und im Stadion hätten erkennbar zugenommen – »zur Verärgerung der Fanszene«, sagt Dauerkarteninhaber Salimi. Die lokale Polizei habe bei Heimspielen scheinbar keinen oder nur noch einen sehr geringen Einfluss auf die Sondereinsatzkräfte der Bereitschaftspolizei.

Fananwältin Angela Furmaniak sagt im jW-Gespräch: »Bereichsbetretungsverbote greifen erheblich in die Grundrechte der Betroffenen ein.« Die Verbote würden oft fehlerhaft begründet. »Dennoch«, so Furmaniak, »ist es kaum möglich, dagegen Rechtsschutz zu erlangen.« Die Verwaltungsgerichte, die im Wege eines Eilrechtsschutzverfahrens darüber entscheiden müssen, würden in der Regel vermeintlichen Sicherheitsinteressen den Vorrang geben. Bedenklich sei vor allem, dass solche Maßnahmen gegen Fußballfans weit ins Vorfeld eines Spieltags verlagert würden, ohne dass eine konkrete Gefahr vorliege.

Der Autor moderiert am morgigen Dienstag, 12.11., eine Diskussion mit DFB-Vize Rainer Koch und Fanvertretern. Beginn 18 Uhr in der jW-Ladengalerie, Berlin, Torstr. 6, Eintritt: 5/3 Euro

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