Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Theorie des modernen Kapitalismus

Für die »Foucault-Linke«

Noch ein Plädoyer für eine »gerechte« Reformpolitik: Thomas Piketty über Kapital und Ideologie
Von Hansgeorg Hermann
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Starke Beachtung erhielt Thomas Piketty für sein Buch »Kapital im 21. Jahrhundert« (Paris, 12.5.2014)

Das Buch ist ein Wälzer von mehr als 1.200 Seiten. Wer es aufschlägt, muss mutig sein; von der ersten bis zur letzten Seite gelesen werden wird es sicher nur selten. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat es im September seinem stark beachteten Buch über das »Kapital im 21. Jahrhundert« folgen lassen. Das erklärte Ziel der Arbeit mit dem Titel »Capital et idéologie«: eine umfassende Analyse der globalen »Ungleichheit« mit dem Schwerpunkt auf der Zeit nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Länder in Europa. Pikettys Schlussfolgerung lautet, Ungleichheit sei nicht »ökonomisch oder technisch« begründet, sondern »ideologisch und politisch«. Der marxistischen Einsicht, dass die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen ist, stellt Piketty seine eigene These zur Seite (oder entgegen?): »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte des Kampfes der Ideologien und der Suche nach Gerechtigkeit.« Das klingt eher nicht nach einer materialistischen Analyse, sondern nach dem nächsten Plädoyer für eine »gerechte« Reformpolitik.

Der »freie Markt« und die Konkurrenz, der Profit und der Lohn, das Kapital und die Schulden, die »qualifizierte« und die »unqualifizierte« Arbeit, die »Einheimischen« und die »Fremden«, die Steuerparadiese und die Wettbewerbsfähigkeit existieren für Piketty nicht für sich als gesellschaftliche Tatsachen. Sie sind »Konstruktionen«, die vollkommen abhängig sind vom »System« – sei es das politische, gesetzliche, steuerliche, politische –, das gewählt und installiert wurde. Der Autor fasst seine Auffassungen in dieser Frage wie folgt zusammen: »Ideen und Ideologien zählen in der Geschichte. Die gesellschaftliche Stellung, so wichtig sie sein mag, reicht nicht aus, um die Theorie einer gerechten Gesellschaft, eine Theorie des Eigentums, eine Theorie der (nationalen, jW) Grenzen, eine Steuertheorie, eine Theorie der Erziehung, des Einkommens oder der Demokratie zu schmieden. Ohne präzise Antworten auf diese komplexen Fragen, ohne eine klare Strategie politischer Erprobung und eine gesellschaftliche Ausbildung fehlt dem Kampf die politische Definition. Das kann bisweilen – nach der Eroberung der Macht – zu politisch-ideologischen Konstruktionen führen, die noch erdrückender sind als jene, die man stürzen wollte.«

Pikettys Versuch, menschliche Gesellschaftsformen von den Kolonialherren und Sklavenhaltern bis hin zum historischen Sozialismus auszuloten und zu bewerten, fällt in eine Zeit, in der ein »Hyperkapitalismus« die vom Autor so bezeichneten »unvollendeten sozialen Demokratien« überwunden und die Menschen global in eine Situation »zwischen Modernität und Archaismus« gezwungen hat. »Der Kommunismus«, schreibt Piketty, »insbesondere in seiner sowjetischen Form, hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die radikalste Kampfansage formuliert, die der Ideologie vom Eigentum jemals geliefert wurde. Es handelte sich in der Tat um die dem Eigentum frontal entgegengesetzte Ideologie.« In der Praxis allerdings habe »diese Kampfansage letztendlich dazu geführt, die Eigentumsideologie zu stärken«. Das »dramatische Scheitern« des sozialistischen Experiments in der Sowjetunion ist für Piketty »einer der Faktoren, die am stärksten zur mächtigen Rückkehr des ökonomischen Liberalismus von 1980 bis heute beigetragen haben«.

Der Kampf um die von Piketty analysierte »gesellschaftliche Form« begann erst in der Moderne, im 19. Jahrhundert, als erstmals Gesellschaftskritik entstand und damit auch ein Bewusstsein von sozialökonomischen Zusammenhängen. »Diese neue Art der Reflexion«, schrieb Robert Kurz 2002, »führte nicht dazu, dass die Gesellschaft zu kritischem Selbstbewusstsein gelangte«. Statt dessen habe es sich nur um die »geistige Gestalt einer blinden Dynamik« gehandelt – »das gesellschaftliche Leben wurde der zum abstrakten Selbstzweck gewordenen Verwertungsbewegung des Geldes unterworfen«.

Das »entfesselte Geld« hat in den vergangenen zehn Jahren erneut eine Art »Reflexion« erzeugt, die inzwischen vielleicht auch der 2012 verstorbene Kurz als »selbstkritisch« bezeichnen würde. Pikettys umfassende Studie ist immerhin ein Beispiel dafür, dass die von Kurz vor 15 Jahren noch geschmähte »Foucault-Linke« die Bedeutung der Kritik der politischen Ökonomie doch noch anerkennt. Der Fleiß und das Streben von Piketty, endlich eine moderne Krisentheorie zu formulieren, sind lobenswert. Doch was bietet Piketty am Ende eigentlich an? Umfangreiche »Reflexionen« darüber, dass der »Hyperkapitalismus« der Welt ein »Regime der Ungleichheit« beschert hat, dazu ein wenig »Reflexion« zur Geschichte der »unvollendeten sozialen Demokratie«, die eine erneute »Strukturierung der sozialen Ungleichheit« hervorgebracht hat. Und was sonst noch? Die Forderung an die Weltgesellschaft, sich mit der richtigen Ideologie zu versorgen, bevor sie auf die Idee kommt, das herrschende »System« (vielleicht) zu stürzen.

Thomas Piketty: Capital et idéologie. Le Seuil, Paris 2019, 1.248 Seiten, 25 Euro

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