Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 12 / Thema
Rhetorik der Überlegenheit

Der Blick von oben

Ein Gegner, von dem man lernen kann: Hans Magnus Enzensberger wird 90
Von Kai Köhler
Hans_Magnus_Enzensbe_63272639.jpg
Damals noch engagierter Intellektueller: Hans Magnus Enzensberger (geboren am 11. November 1929 in Kaufbeuren) spricht vor Teilnehmern der Veranstaltung »Notstand der Demokratie« am 30. Oktober 1966 in Frankfurt am Main

Man kann die Leute in drei Gruppen einteilen. Die ersten beginnen jung mit festen Meinungen, bemerken dann Probleme und werden deshalb vorsichtig bis zur Unbestimmtheit. Die zweiten gewinnen ebenfalls früh ein Bild von der Welt, und das wird dann dank der Gnade einer eingeschränkten Wahrnehmung bis zum Altersstarrsinn befestigt. Die Angehörigen der dritten Gruppe endlich gewinnen ebenfalls feste Maßstäbe. Doch hindert sie das nicht daran, Widersprüche und Veränderungen wahrzunehmen. Was nicht mehr taugt, geben sie auf, ohne die Maßstäbe zu verlieren; neue Erkenntnisse können sie in ihr Weltbild einbauen.

Hans Magnus Enzensberger allerdings gehört zur vierten Gruppe, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er hat sehr feste Meinungen – und zwar passend zu jedem Jahrzehnt. Er verkündet sie mit immer neuer Entschlossenheit – und wird dennoch nicht verlacht. Peter Hacks bezeichnete ihn 1990 als »greise 5-Mark-Hure des Imperialismus«. Er behielt damit recht, insofern Enzensberger im Spiegel vom 4. Februar 1991 Saddam Hussein mit Hitler gleichsetzte und damit den bevorstehenden zweiten Golfkrieg legitimierte. Zugleich hatte er damit doppelt unrecht. Nicht nur, dass Sexarbeiterinnen ein menschenfreundlicheres Geschäft betreiben, als es die Operation »Desert Storm« 1991 dann war. Auch ließ sich der Imperialismus nicht lumpen: Enzensberger kann sich unter die bestbezahlten deutschen Intellektuellen rechnen.

Wechselhaftigkeit, könnte man sagen, lohnt sich eben. Doch wird nicht jeder Opportunist ein Enzensberger. Es gilt, den Erfolg dieses Mannes zu enträtseln. Dafür lohnt ein Blick auf seine Laufbahn und auf die Mittel, über die er verfügt.

Nachfaschistische Radikalisierung

Wer 1929 geboren wurde, erfuhr in prägenden Jugendjahren den Zusammenbruch einer Ordnung. Die Begleiterscheinungen waren im einzelnen schrecklich, doch die Überlebenden behielten das Bewusstsein, dass Verhältnisse veränderlich sind. Dies ist intellektuell förderlich: Wohl deshalb gehören auffällig viele Schriftsteller in Ost (Peter Hacks, Heiner Müller, Hermann Kant, Christa Wolf) wie West (Martin Walser, Günter Grass, Alexander Kluge) den Jahrgängen 1926– 29 an.

Der fünfzehnjährige Enzensberger soll 1945 noch an die Front geschickt werden, schafft es aber, zu desertieren, und entgeht Tod oder Kriegsgefangenschaft. Dass er danach als jugendlicher Schwarzhändler zum Unterhalt der Familie beiträgt, wird er immer wieder erwähnen. Der Gymnasiast kann Englisch und wird Dolmetscher bei den Besatzungstruppen, bald auch Barmann im Offizierskasino. Die Briten verschaffen ihm bereits 1949 Gelegenheit zu einer Auslandsreise. Enzensberger wird neugierig auf fremde Länder und unbekannte Debatten bleiben – ein großer Vorteil im lange Zeit aufs Deutsche fixierten Kulturbetrieb der BRD.

Doch 1949 stabilisiert sich auch eine neue Ordnung. Der Erlanger Student Enzensberger muss sich zunächst fügen, als seine Germanistik-Professoren die Idee absurd finden, über Hitlers Rhetorik zu promovieren. Statt dessen entsteht eine Arbeit über das lyrische Werk Clemens Brentanos. Doch auch dieses Thema ist alles andere als aufgezwungen. Enzensberger interessiert sich für die romantische Dichtung, die Vorläuferin der Moderne ist; er selbst debütiert als Lyriker.

Seine erste Sammlung erscheint 1957 im Suhrkamp-Verlag, wird oft und meist positiv besprochen, bedeutet jedenfalls den frühen Durchbruch. Das titelgebende Gedicht, »Die Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer«, hebt an mit dem Vers: »Soll der Geier Vergissmeinicht fressen?« und schließt so: »Winselnd noch / lügt ihr. Zerrissen / wollt ihr werden. Ihr / ändert die Welt nicht.«

Das ist sarkastisch gegen die Lämmer gerichtet, die mangels Gegenwehr zu Recht gefressen werden. Der Hohn ist klug (Gegenwehr wäre nötig) und zugleich arrogant (insofern die Lämmer als nur dumm zur Beute werden und die Logik ihres Machtverzichts unbegriffen bleibt). Darin spiegelt sich das Problem kritischer westdeutscher Intellektueller in den späten 1950er Jahren wider. Sie durchschauen viel, aber es fehlt ihnen ein Ansatzpunkt fürs politische Eingreifen. »Schaum« heißt ein Gedicht in Enzensbergers Folgeband »Landessprache« (1960). Schaum erscheint als tückischer Feind, zerfällt beim Versuch eines Zugriffs, doch blubbert überall, und selbst das Ich ist nicht frei von »diesem triefenden schmunzelnden süßen Schaum / vor dem Mund des Jahrhunderts, der steigt / und steigt und bläht sich vor den Tresoren«.

Die alten Nazis sind geblieben, der neue Wohlstand ist gekommen und korrumpiert die Massen. In zahlreichen Essays analysiert Enzensberger die Mechanismen, die dazu führen, dass sich die Lämmer freudig den Wölfen ausliefern. So schreibt er über Tourismus und Versandhauskataloge als Beispiel des Konsumversprechens, aber auch über konkrete Medien, die die frühe Bundesrepublik beherrschen: die FAZ, den Spiegel oder über Wochenschauen im Kino, die vor der Verbreitung des Fernsehens eine große Wirkung ausüben. All dies gelingt ihm virtuos: Die von ihm Kritisierten vervielfältigen seine Wirksamkeit. Zugleich bewegt er selbst sich im Medienbetrieb, was ihm wertvolle Einblicke ermöglicht.

Er tritt eben nicht als kulturkonservativer Kritiker auf, dem Zeitschriften oder gar das Fernsehen ein Graus sind, sondern legt als Insider die Funktionsweise der Manipulation offen. Damit geht allerdings eine gewisse Abgeklärtheit einher: Er durchschaut, wie es ist, und weiß, wie die Bevölkerungsmehrheit gekauft wird. Revolutionshoffnungen, gar eine Verbindung politischer Kämpfe in Europa mit denen in der sogenannten Dritten Welt, sind nicht seine Sache. 1966 formuliert Enzensberger eine schneidende Abfertigung von Peter Weiss, der eben jenen Zusammenhang behauptet hat: »Es ist nicht jedermanns Sache, mit Bekenntnissen um sich zu schmeißen. Da Peter Weiss und andere mich auffordern, Farbe zu bekennen, so erwidere ich: Die diversen Seelen in ihrer und in meiner Brust sind weltpolitisch nicht von Interesse. Die moralische Aufrüstung von links kann mir gestohlen bleiben. Ich bin kein Idealist.«

Allerdings erscheint die Debatte Weiss – Enzensberger im Kursbuch, der Kulturzeitschrift des Suhrkamp-Verlags, die Enzensberger 1965 mitbegründet hat und herausgibt. In den ersten Nummern finden sich Themenschwerpunkte zum Befreiungskampf gegen den Kolonialismus (Nr. 2) oder zum Vietnamkrieg (Nr. 6). Auch wenn Enzensberger sich noch nicht deutlich positioniert, erkennt er doch die nahe Zuspitzung. 1968 ist es dann soweit. Er bricht einen Forschungsaufenthalt an der US-amerikanischen Wesleyan University ab und deklariert: »Der Zustand der Vereinigten Staaten erinnert mich heute, in mehr als einer Hinsicht, an die deutsche Situation in den dreißiger Jahren.« Für einige Monate folgt er einer Einladung nach Kuba. Auch wenn er später diesen Aufenthalt als Zeit der Desillusionierung beschreibt, so ist doch das unmittelbare Resultat ein dokumentarisches Theaterstück. In »Das Verhör von Habana« (1970) nutzt er Protokolle von 1961: Nach der gescheiterten Landung von US-unterstützten Exilanten in der Schweinebucht veranstaltete die kubanische Regierung eine öffentliche Vernehmung der Gefangenen. Dies nutzt Enzensberger, um die Bourgeoisie in ihrer Niederlage zu zeigen und hilflose Ausflüchte zu demaskieren. Und bezogen auf Deutschland, schreibt Enzensberger in den »Berliner Gemeinplätzen«, die im Januar 1969 im Kursbuch erscheinen, gegen jede Reformpolitik: »Die Tatsachen zeigen, dass das politische System der Bundesrepublik nicht mehr reparabel ist. Man muss ihm zustimmen, oder man muss es durch ein neues System ersetzen. Eine dritte Möglichkeit ist nicht abzusehen.«

Rückzug in die Gelassenheit

Dies ist der radikalste politische Vorstoß, den Enzensberger wagt. Er bemerkt früh, dass die Revolte ihren Höhepunkt überschritten hat. Darauf reagiert er mit einer subtilen Verschiebung seiner Position. Ende 1972 erscheint im Kursbuch der Essay »Revolutions-Tourismus«, in dem er beschreibt, wie Gäste in der Sowjetunion in Delegationen fürsorglich betreut werden, aber gerade dadurch nur schwer eigene Erfahrungen machen können. Der Text beruht auf eigenen Erfahrungen – 1963 und 1966 hat Enzensberger solche Reisen unternommen, also in einer Zeit, in der den westdeutschen Konservativen jeder Ostkontakt als Vaterlandsverrat galt. Nun gelingt ihm das Kunststück, seine Vergangenheit zu entsorgen, ohne als Renegat dazustehen. In »Revolutions-Tourismus« bekommen fast alle Reisenden in die Sowjetunion kleine Ohrfeigen, die fanatischen Antikommunisten wie die Linken, die (so Enzensberger) das Positive glauben wollen, das ihnen gezeigt wird. Die Kritik gilt eher denen, die wirklich oder angeblich in die Fallen ihrer Vorurteile tappen, als den sowjetischen Organisatoren. Was diese unternehmen, zuerst improvisiert und später präzise ausgearbeitet, um die Gäste zielgerichtet zu betreuen, das schildert Enzensberger eher leidenschaftslos. Wie in der früheren Medienkritik geht es ihm darum zu zeigen, wie ein System funktioniert. Für sich selbst beansprucht er die Perspektive eines kühlen Beobachters von außen, der es besser weiß als die bewusstlos Handelnden, die seinem Blick ausgesetzt sind.

Enzensberger behält sein Gespür für aktuelle Themen: Bereits 1973 erscheint im Kursbuch »Zur Kritik der politischen Ökologie«. Stärker aber bleibt sein Gespür für aktuelle Haltungen. »Der Untergang der Titanic«, ein Gedichtzy­klus von 1978, ist eine radikale Absage an den historischen Fortschritt. Zwar benennt er die sehr unterschiedlichen Überlebenschancen von Passagieren der hierarchisch gestuften Decks auf dem 1912 gesunkenen Dampfer. Doch entsteht der Eindruck, dass dies eben so ist und nicht anders wird. Hinweise auf den Kuba-Aufenthalt des Dichters sollen außerdem zeigen, dass Engagement vergeblich ist. Einige Gedichte über Künstler und Fälscher verwischen den Unterschied zwischen Kunst und Fälschung: Alles wird gleichgültig.

Damals ging im Westen die Rede von der Posthistoire: nach der Geschichte. Es gibt noch Ereignisse, aber sie bedeuten keine qualitative Änderung. Das kann man betrauern – »Der Untergang der Titanic« ist kein fröhliches Buch. Man kann es aber auch begrüßen. Der Essayist Enzensberger schaut darauf, wie Systeme funktionieren. In dem umfangreichen Artikel »Milliarden aller Länder, vereinigt euch!« von 1988 findet er in Weltbank und IWF bemühte Mitarbeiter, die der Welt wirklich helfen wollen, leider jedoch durch die etablierten bürokratischen Abläufe daran gehindert werden.

Falsch daran ist nicht, auf die Eigendynamik von Organisationen zu schauen, sondern die Struktur absolut zu setzen, die Interessen der Weltbank und IWF beherrschenden Staaten und der von ihnen repräsentierten Kapitale aber zu vergessen. Keines besteht alleine, sondern beides wirkt zusammen (oder gegeneinander). Der Essayist Enzensberger aber ist glücklich, dass Absichten kaum mehr zählen. Die bundesdeutschen Politiker kommen bei ihm in den 80er Jahren als zahme Trottel vor. »Mittelmaß und Wahn« heißt ein Sammelband von 1988, und der titelgebende Essay spricht sich fürs Mittelmaß aus. Enzensberger ist beruhigt, dass die Politik nichts mehr ändern kann. Eine durchaus mittelmäßige Gesellschaft regelt sich selbst, mit milder Fortschrittlichkeit, ohne Interesse an der von Helmut Kohl ausgerufenen geistig-moralischen Wende und ohne jede Lust am politischen Abenteuer.

Der Kleinbürger, um 1960 von Enzensberger wegen seiner ideologischen Beschränktheit verachtet, wird nun wegen seines ideologischen Desinteresses bewundert. Die BRD erscheint ihm Ende der 80er Jahre als Ideal einer geschichtslosen Friedlichkeit. Doch dabei bleibt es nicht.

Neue Kriege

Hitler gibt es noch, und auch die Deutschen gibt es noch. Nur findet Enzensberger ihn und sie woanders. Dass er 1991 den Krieg gegen den Irak rechtfertigte, wurde bereits erwähnt, der wichtigste Punkt seiner Argumentation noch nicht: Saddam Hussein sei der aktuelle Hitler, weil er, wie der, als »Feind des Menschengeschlechts« keine am Möglichen begrenzte und rational verhandelbare Ziele verfolge, sondern von einer »Entschlossenheit zur Aggression« getrieben sei, die auf eine umfassende Vernichtung ziele, die das eigene Volk und schließlich sich selbst einschließe: »Er selbst wünscht sich nur das Privileg, als letzter zu sterben.« Der inbrünstige Wunsch von Millionen von Arabern, für Saddam Hussein zu sterben, entspreche der früheren deutschen Haltung: »Was die Deutschen begeisterte, war nicht allein die Lizenz zum Töten, sondern mehr noch die Aussicht darauf, selbst getötet zu werden.«

Von diesem Artikel aus lassen sich zwei Linien ziehen. Die eine ist die von Enzensbergers Kriegsbefürwortung. Angesichts des NATO-Angriffs auf Jugoslawien beschränkte er sich auf den Ratschlag, statt Bodentruppen einzusetzen, besser die Kosovaren zu bewaffnen: »Die verstehen sich besser auf den Partisanenkrieg« (Spiegel, 12.4.1999). 2003 äußerte er dann in der FAZ »triumphale Freude« über den Sturz von Saddam Hussein. Fest stehe, dass »noch nie ein Krieg von solcher Dimension so wenige Opfer gefordert hat wie dieser«.

Die historischen und politischen Schwächen lassen sich leicht zeigen. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs fand in Deutschland nach den Erfahrungen des Ersten keinerlei Begeisterung. Saddam Hussein hatte sich als Diktator einer Regionalmacht verkalkuliert; der Untergang war nicht sein Ziel. Als Enzensberger 2003 sein Triumphgeheul ausstieß, war gerade die erste Phase eines Kriegs vorbei, dessen Ende heute – gut 16 Jahre später – noch nicht absehbar ist. Vielleicht interessanter ist die zweite Linie. Bereits im Artikel von 1990 beklagt Enzensberger die Nähe der deutschen Industrie wie die der friedensbewegten Jugend zum irakischen Regime.

Enzensberger ist kein Rassist, stellt nicht die angeblich todesdürstigen Araber als das ganz Fremde hin. Vielmehr sind sie die Entsprechung zu den Deutschen, die plötzlich unheimlich werden. In »Aussichten auf den Bürgerkrieg« (1993) geht es um den Zerfall der Ordnung durch nihilistische Banden. Ob in Jugoslawien oder Somalia Krieg geführt wird oder ein deutscher Stadtteil zerfällt, das unterscheidet Enzensberger kaum, und alle Gruppierungen gelten ihm gleich: »Das wirre Alphabet, mit dem sie sich schmücken, FLNA oder ANLF, MPLA oder MNLF, kann niemanden darüber hinwegtäuschen, dass kein Ziel, kein Projekt, keine Idee sie zusammenhält, sondern eine Strategie, die diesen Namen kaum verdient, denn sie heißt: Raub, Mord und Plünderung.«

Der späte Enzensberger schaut nur noch ungern auf Einzelheiten. Wenn er in »Schreckensmänner«, einem laut Untertitel »Versuch über den radikalen Verlierer« 2006 den Terrorismus zu begreifen versucht und wiederum beim Willen zu töten und zu sterben landet, bestätigt sich das. Was manche Organisationen wirklich anstreben, dass die Anführer anderer Milizen von einer Kriegsökonomie profitieren und damit eine begrenzte Zerstörung in ihrem Interesse ist, all das kümmert ihn nicht mehr.

Er sieht auf der einen Seite (Bürgerkriegsparteien, Terroristen, verblendete Gefolgsleute) den Wunsch nach einem umfassenden Untergang. Auf der anderen Seite hingegen stehen westliche Staaten, die angeblich vernünftig sind, sowie mutige Individuen, die sich der Zerstörung widersetzen. Wenn Enzensberger hier wiederum Wahn gegen Mittelmaß stellt, so droht doch nun der Wahn zu siegen. Das ist nahe an der Verzweiflung; der schneidend arrogante Ton der Essays nach 1990 verdeckt das kaum mehr. Die beruhigte Bundesrepublik der 1980er Jahre ist verloren, und statt nach den Ursachen fragt Enzensberger nur noch nach Möglichkeiten der Schadensbekämpfung. Er vertritt nun ein konservatives Menschenbild: Die Leute, wenn man sie lässt, rennen in ihren Untergang. Manche kann man daran hindern, andere muss man aufgeben. Weil sie allenfalls psychologische Gründe haben (etwa Allmachtsphantasien wegen gekränkter Selbstliebe), haben Krieg und Terrorismus keine gesellschaftlichen Ursachen, die man beseitigen könnte.

Fertigkeiten

Nach jeder seiner Wendungen behauptet Enzensberger die neueste Meinung so selbstbewusst wie alle anderen zuvor. Dennoch erntet er Anerkennung statt Heiterkeit. Woran liegt das?

Erstens findet er Themen früher als seine Konkurrenten. In den besseren Fällen durchdringt er den Stoff schnell und mit einem Gespür für Widersprüche. Der Ökologie-Aufsatz von 1973, »Die große Wanderung« von 1994 zu Flucht und Asyl könnten mit geringen Änderungen als Debattenbeiträge von 2019 durchgehen – man kann sich über Enzensbergers Prognosen freuen oder ärgern, dass kaum etwas gelernt wurde. Anzuerkennen bleiben Enzensbergers Erfolge als Trüffelschwein.

Zweitens hat Enzensberger außer Debatten in Deutschland auch die in Europa und Amerika im Blick. So beobachtet er internationale Entwicklungen und ist den Interventionen seiner Konkurrenten auf dem Meinungsmarkt oft um eine entscheidende Zeitspanne voraus. Das ist ein taktischer Vorteil – aber es wäre ungerecht, diese Beobachtung auf Taktik zu begrenzen. Seine Notate zeigen ihn als aufmerksamen Reisenden. Er ist nicht nur ein aufmerksamer Leser, der gewaltige Textmengen bewältigt. Zugleich hat er als Literaturvermittler für die Bundesrepublik Wichtiges geleistet. Das »Museum der modernen Poesie« machte 1960 bedeutende Lyrik aus vielen Sprachen erstmals in Deutschland bekannt. Im Kursbuch fanden sich wichtige Texte, und von 1985 erweiterte »Die Andere Bibliothek«, die Enzensberger zwanzig Jahre lang als Herausgeber verantwortete, den Blick auf Literatur. Der politischen Alphabetisierung dienten, dies nebenbei, einige Sammlungen, die Enzensberger in seiner erfreulichsten Zeit verantwortete: so 1970 »Freisprüche. Revolutionäre vor Gericht« und 1973 »Gespräche mit Marx und Engels«.

Ein dritter Grund jedoch ist tatsächlich Geschicklichkeit. Dazu gehörte im Westen, jede Nähe zur Sowjetunion zu vermeiden. Enzensberger geiferte nicht, reiste in die UdSSR, zeigte für Einzelheiten dort Verständnis, grenzte sich aber stets grundsätzlich ab. Das gilt auch für die weit vorgeschobene Stellung, die er in den »Berliner Gemeinplätzen« bezieht: »Dass die alten Formen der Kaderpartei nicht mehr brauchbar sind, liegt auf der Hand. Die kommunistischen Parteien in den westlichen Metropolen sind stalinistisch degeneriert (…). Eine revolutionäre Perspektive bieten sie nicht.«

Rhetorik der Überlegenheit

Es »liegt auf der Hand«: Die Formulierung ist typisch. Enzensberger, der – wo er will – durchaus differenzieren kann, entscheidet sich häufig für derlei Abkürzungen. Man fragt an solchen Stellen besser nicht zu genau nach. Allerdings haben sie ihre Funktion: die Autorität des Sprechers zu etablieren. Enzensberger bietet für diejenigen, die bereit sind, seinen Gedanken zu folgen, eine attraktive Position an. Mit ihm können sie souverän die Welt beurteilen. Dass ganzen Wissenschaften bescheinigt wird, sie seien nicht auf seine Erklärungen gekommen, an denen die Leser nun Teilhabe gewinnen, ist bei Enzensberger nicht selten.

Auch andere Gruppen werden gewohnheitsmäßig abgewatscht. »Dabei wird es in der Regel so sein, dass sekundäre Analphabeten die Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft besetzen« (»Lob des Analphabetentums«, Zeit vom 29.11.1985). Oder: »Dass Politiker und Leitartikler unter den Deutungen, die zuhanden sind, die schwächsten bevorzugen, wird niemanden überraschen.« (»Aussichten auf den Bürgerkrieg«) Die Folgen eines solchen Versagens werden manchmal angedeutet, die gruseligen Einzelheiten bleiben der Phantasie überlassen. Über Linke, die offene Grenzen für Flüchtlinge fordern, heißt es in »Die große Wanderung«: »Bei dieser Art, Politik zu treiben, ist allerdings die Peinlichkeit noch das geringste Risiko.«

Die Gründe, die Enzensberger fürs größere Risiko sieht, werden im folgenden Abschnitt immerhin angedeutet: »Bei ungeübten Populationen können abrupte Steigerungen der Quoten quasi allergische Reaktionen hervorrufen.« Ein Vierteljahrhundert später hat man die AfD am Hals, die durch die »abrupte Steigerung der Quote« 2015/16 so groß wurde, wie sie jetzt ist – auf der Erscheinungsebene ist der Satz nicht falsch, auch wenn er die Ursachen vernachlässigt. Interessanter ist hier aber wiederum die Position, die Enzensberger anbietet. Kaum je wird er deutlicher als hier: Die Gruppen sind »Populationen«, auf denen der analytische Blick ruht. Man ist nicht beteiligt, sondern steht darüber.

Dies charakterisierte Enzensbergers Essays sogar in der Phase seines deutlichsten Engagements. Als Beteiligter stellte er sich immer als überlegenen Anleiter dar und dürfte Leser gefunden haben, die sich selbst als kleine überlegene Anleiter sahen. In der Zeit seines intellektuellen Niedergangs wurde daraus eine besondere Weise der Ausgewogenheit: nicht sowohl rechts als auch links, sondern weder noch. »Was die klassische Rhetorik der Rechten betrifft, so können wir uns kurz fassen. Sie hätschelt immer die gleichen Ängste. (…) Die Linke steht mit ihrem kritischen Repertoire nicht viel besser da.« (»Mittelmaß und Wahn«)

Enzensberger bietet hier ein imaginäres Darüber an, eine leicht höhnische Abfertigung der Parteien, die irgendwo ganz weit unten ihre Balgereien austragen. Der Nachteil dieses Angebots liegt auf der Hand. Es ermuntert intellektuelle Zyniker, die jedem konkreten Kampf mit der Pose begegnen, es immer schon gewusst zu haben, und damit Partei fürs Bestehende ergreifen. Darin dürfte Enzensbergers alle Wechsel überdauernder Erfolg begründet sein.

Doch gibt es auch ein paar Vorteile dieser Haltung. Enzensberger wird nie gefühlig. Er schreibt klares, gutes Deutsch. Die Positionen seiner einzelnen Texte sind deutlich und eignen sich deshalb zum Streit. Er denkt in Strukturen statt in moralischen Qualitäten. Das macht seine Bereitschaft zur Anpassung aus und ermöglicht zugleich Erkenntnisse über die Logik von Verläufen. Enzensberger ist ein Gegner, von dem man lernen kann.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. Oktober zu Ronald M. Schernikaus Hauptwerk »Legende«.

Ähnliche:

  • »Das Gespenst Vietnam ist für immer im Wüstensand begraben!« US-...
    20.02.2016

    Neue Größe

    Vor 25 Jahren tobte der Erste Irak-Krieg. Die USA festigten ihre Position als Hegemonialmacht, die Sowjetunion war nur noch ein Schatten ihrer selbst
  • Gezielt wurden ab Ende der 1980er Jahre in der Sowjetunion Waren...
    14.11.2013

    Geplante Zerstückelung

    Vorabdruck. Mit der Souveränitätserklärung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik wurde die UdSSR als gemeinsamer Staat zerschlagen

Regio: