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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 5 / Inland
Another Blick on the Wall (8)

PR-Gag fürs Leben

jW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter blicken zurück auf den November 1989
Von Wanja Lux
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jW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter aus Ost und West erinnern sich an die Zeit rund um den 9. November 1989. Im achten Teil der Serie gibt Wanja Lux, heute tätig im Aktionsbüro von junge Welt, die Erlebnisse der Eltern wieder.

Die Öffnung der Grenzübergänge nach Westberlin, die sagenumwobene »friedliche Revolution«, der »Mauerfall« und die »Wende«, sie ziehen sich für Nachgeborene als nicht enden wollender PR-Gag durch das gesamte Leben. Für meine Eltern war der 9. November 1989 zuerst einmal ein Donnerstag. Meine Mutter arbeitete am Abend in der Brotfabrik im Prenzlauer Berg: Die Kollegen sollen aufgeregt geflüstert haben. In der Pause hieß es, die Grenze sei offen. Ab wann von »Mauerfall« die Rede war, kann sie heute nicht mehr sagen. Alle arbeiteten bis Feierabend, sie ging nach Hause. Wenn die Grenze nun offen sei, werde sie so schnell nicht wieder geschlossen – erinnern sich beide gedacht zu haben. Mein Vater hatte noch kurz vorher Bekannte im Fernsehen gesehen, die augenscheinlich in den Westen gegangen waren, und wunderte sich über andere, die ungeachtet der weltpolitischen Entwicklungen noch einen Ausreiseantrag zu stellen für nötig hielten.

Erst am Sonnabend gingen meine Eltern einen Freund meiner Mutter in Kreuzberg besuchen. Sie wunderte sich, dass der einzig markante Unterschied zwischen dem Bezirk in Westberlin und Prenzlauer Berg feministische Graffiti wie »Vergewaltiger verrecke« waren. Euphorie gab es wenig für die, die in Staatsbürgerkunde aufgepasst hatten, sagt sie nicht erst heute, und nicht nur sie. Ähnliches höre ich immer wieder von manchem Ost- wie auch Westdeutschem. Rückblickend seien meine Eltern davon ausgegangen, dass die Ereignisse einen Fortschritt mit sich bringen würden, nicht die abrupte Auflösung und den Ausverkauf des Staates, in dem sie aufmerksam und bewusst gelebt hatten. Dass der Wind kälter über die neuen Bundesländer wehen wird als einst der des Thatcherismus über die britischen Inseln.

Diejenigen, bei denen der PR-Gag noch wirkt, bekommen weiterhin bunt besprühte, garantiert authentische Mörtelstücke verkauft. Es wird eine »Festivalwoche« zum Sieg der Bundesrepublik über den Sozialismus aus dem Boden gestampft – ein inszeniertes Gedenken im Sinne der Beliebigkeit. Nächstes Jahr geht es weiter, nicht erst am 3. Oktober. Der 8. Mai 2020 wird einmalig ein Feiertag sein – aber bloß nicht als Tag der Befreiung vom Faschismus, sondern zur 75. Wiederkehr des Tags der »Kapitulation der Wehrmacht«.

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