Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Libanon

Ein wackliger Kompromiss

Das Verhältnis von konfessionellem Proporzsystem und außenpolitischer Ausrichtung im Libanon
Von Wiebke Diehl
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Libanesische Soldaten und Passanten am 28. August 2019 in Adaissa nahe der Grenze zu Israel

Als im libanesischen Nationalpakt von 1943 der politische Konfessionalismus für die Zeit nach der französischen Mandatszeit verankert wurde, ging es auch um die außenpolitische Ausrichtung des unabhängig gewordenen Landes: Die Christen verpflichteten sich, fortan den »arabischen Charakter« des Libanon anzuerkennen und ihre engen Beziehungen insbesondere zu Frankreich nicht für westliche Interventionen zu ihren Gunsten zu nutzen. Die Muslime erklärten sich im Gegenzug dazu bereit, von weiteren Versuchen eines Anschlusses an Syrien abzusehen und die Unabhängigkeit des Libanon zu akzeptieren.

In der Geschichte des Landes hat sich immer wieder gezeigt, dass dieser Kompromiss äußerst wackelig ist – besonders grausam im fünfzehnjährigen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 mit mindestens 90.000 Getöteten, 115.000 Verletzten und etwa 20.000 Vermissten. Auch 2005, nach der Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri, brach der Konflikt um die Bündnispolitik Libanons erneut auf. Es formierte sich während der großen Demonstrationen auf der einen Seite eine sunnitisch-christlich-drusische »Allianz 14. März« unter Führung des heutigen Ministerpräsidenten und Sohn des Getöteten, Saad Hariri, die den Abzug der von ihnen des Mordes bezichtigten syrischen Truppen forderte. Bis heute ist dieser Block eng mit den Golfstaaten und westlichen Regierungen verbündet. Auf der anderen Seite stand ihr ein ebenfalls bis heute existierender Block mit dem Namen »Allianz des 8. März« gegenüber – bestehend aus Hisbollah, Amal und der Freien Patriotischen Bewegung des heutigen Staatspräsidenten Michel Aoun, die weit prosyrischer eingestellt war und auch die von der Gegenseite in Frage gestellten Waffen der Hisbollah verteidigte.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs war der Hisbollah als einziger Kraft neben der Armee zugestanden worden, ihre Waffen zu behalten, denn dem Widerstand gegen israelische Angriffe und gegen die Besatzung im Süden des Landes räumte das Abkommen von Taif 1989 hohe Priorität ein. Tatsächlich gilt der Widerstand der Hisbollah nicht nur als Ursache für den Abzug der israelischen Truppen 2000 und die Rückschlagung der israelischen Armee im Sommerkrieg 2006. Vielmehr verhinderte sie ab 2013 ein Eindringen von IS- und Fatah-Al-Scham-Front-Terroristen aus Syrien in den Libanon, was ihr bis heute von einer Mehrheit der Libanesen über alle konfessionellen Grenzen hinweg hoch angerechnet wird.

Im Zuge der aktuellen Proteste aber drohen sich die alten Konfliktlinien erneut zu verschärfen. Die Warnungen von Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah, die Proteste seien gekapert worden, sind dafür genauso Indiz wie die sich zunehmend gegen die Partei richtenden Slogans eines Teils der Demonstrierenden.

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