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Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 15 / Feminismus
Aufführungen voller Lebensnähe

Lieder wie Geschwister

Zum 120. Geburtstag der Kabarettistin, Sängerin, Schauspielerin und Diseuse Blandine Ebinger
Von Christiana Puschak
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Blandine Ebinger (1920)

Eine »Meisterin der Tragigroteske« und »rachitische Madonna« nannte Erich Kästner sie, Max Herrmann-Neiße sprach von einer »traditionslos Eigenwilligen«, von einem »körperhaften Ausdrucksgenie«. Klabund und Walter Mehring, Kurt Tucholsky und Kästner dichteten für sie, und ihr späterer Ehemann, der Komponist Friedrich Hollaender, beschrieb die Kabarettistin, Sängerin und Diseuse Blandine Ebinger als ein »schlankes Mädchen mit einem Gesicht bleich, bleicher, am bleichesten«.

Die Tochter eines Pianisten und einer Schauspielerin wurde am 4. November 1899 in Berlin geboren und begann ihre beispiellose Bühnenkarriere bereits mit acht Jahren. Mit Vierzehn trat sie als »Erste Naive« am Königlichen Schauspielhaus in Berlin auf, spielte Kinderrollen in »Die Wildente« und in »Hanneles Himmelfahrt« und feierte erste Erfolge im Café Größenwahn.

Im Berlin der legendären zwanziger Jahre stand Blandine Ebinger als Sängerin in diversen Kabaretts auf der Bühne. In ihrer Paraderolle als »halbwüchsige Spreejöhre« sang sie mit »ihrem dünnen Stimmchen« im »Berliner Dialekt des Proletariats« optimistisch, naseweis und frech von Armut, Verbrechen, Prostitution und Gewalt. Wenn sie das »Jroschenlied«, »Dornröschen aus dem Wedding« oder »O Mond, kieke man nich so doof« zum besten gab, wurde es immer erst ganz still, bevor lauter Jubel ausbrach. Es waren Aufführungen voller Lebensnähe, voll menschlicher Echtheit: Hier steckt Kunst, bodenständige, berlinerische Kunst.

Wenn sie das »Nachtgebet«, »Ick baumle mit de Beene« oder »Wenn ick mal tot bin« sang, wechselte die Atmosphäre im Saal zwischen Tragik und Komik. Dieses »Mädchen aus dem Volke« gab dem sozialen Elend der Zwanziger Jahre eine Stimme: illusionslos und sentimental, schnoddrig und melodramatisch. Geradezu ekstatisch präsentierte sie die zwei Seelen in einer Brust.

Das Publikum war begeistert, und die Presse schrieb: »Blandine ist die soziale Frage«, »Blandine Ebinger ist ein Erlebnis«.

Tonangebende Theaterkritiker jener Zeit wollten sie nicht allein auf den Typ des armen Mädchens aus Berlin festgelegt wissen, doch das Publikum liebte sie so. Ebingers Fragilität in Verbindung mit ihrer Sopranstimme, die sie bis ins hohe Alter behielt, berührte und machte sie bekannt. Allerdings war sie dadurch auf Rollen einer »Femme fragile« und einer »Kindfrau« festgelegt.

Vorübergehend arbeitete Blandine Ebinger mit Bertolt Brecht, der von ihr äußerst angetan war. Als sie in seinem »Baal« auftrat, waren die Kritiker voll des Lobes. Auf eine weitere Zusammenarbeit mit Brecht verzichtete sie, wollte sie sich doch von ihm nicht »in die Knie zwingen« lassen, wie sie ihren Memoiren anvertraute.

Ihr Mann Friedrich Hollaender hatte längst Blandines »für das Kabarett wie geschaffene Improvisationstalent« erkannt. Für sie schrieb er den Liederzyklus »Lieder eines armen Mädchens«, mit dem sie in Max Reinhardts »Schall und Rauch«, in Rosa Valettis »Größenwahn« und auf der wilden Bühne Trude Hesterbergs triumphierte. Diese Lieder seien so etwas wie ihre Geschwister, schrieb sie in ihren Erinnerungen.

Bevor nach 1933 die Repressalien ihr gegenüber und die Diskriminierung ihrer Tochter in der Schule immer heftiger wurden, reüssierte sie auf den Bühnen anderer Städte. Sie führte Matineen und literarische Chanson-Abende durch, nahm Schallplatten auf und übernahm in zahlreichen Filmen Rollen, die sie zu einem Leinwandstar avancieren ließen: »Früher war sie eine ›kesse Jöhre‹, heute ist sie eine schöne Frau«, hieß es.

Nach der Machtübernahme der Nazis emigrierten Mutter und Tochter in die USA, wo Blandine Ebinger unter ihrem Pseudonym Sybil Vane – anders als ihr Exmann Friedrich Hollaender – nicht an ihre künstlerischen Erfolge in Deutschland anknüpfen konnte. Sie erhielt vereinzelt Filmrollen und versuchte mit Unterricht in dramatischem Spiel Geld zu verdienen, lebte jedoch hauptsächlich von ihrer Tätigkeit als Säuglingspflegerin.

1947 kehrte Blandine Ebinger nach Europa und 1948 nach Berlin zurück, als Karl-Heinz Martin vom Hebbel-Theater sie für eine Rolle anforderte. Im Laufe der nächsten Jahre sollten viele Theaterrollen hinzukommen. So war sie unter anderem am Schlosspark-Theater, am Theater am Kurfürstendamm und am Renaissance-Theater zu sehen. Auch beim Film der Nachkriegszeit entwickelte die Schauspielerin eine rege Tätigkeit. Bereits 1948 übernahm Blandine Ebinger eine Rolle in dem Defa-Film »Affaire Blum«, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von R.A. Stemmle über den Magdeburger Justizskandal von 1925/26. Dort spielte sie unter der Regie von Erich Engel die Figur der Lucie Schmerschneider. Unter der Leitung von Wolfgang Staudte trat sie in der Defa-Verfilmung von Heinrich Manns »Der Untertan« als Frau von Wulkow und in »Der letzte Zeuge« als eine Gymnastiklehrerin auf. Für ihre Verdienste um den deutschen Film wurde sie 1983 mit dem Filmband in Gold und dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet.

Bereits 1974 war sie von einer neuen Generation als Chansonnière wiederentdeckt worden. Kritiker wie Friedrich Luft äußerten sich begeistert über ihre Darbietungen. Im Oktober 1982 nahm sie offiziell Abschied von den Brettern, die die Welt bedeuten.

Mit Blandine Ebinger starb im Alter von 94 Jahren am 25. Dezember 1993 in Berlin die »letzte Vertreterin der großen Zeit des literarischen Chansons«.

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