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Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Antifaschismus

Nur die letzten Meter allein

Wovon Steinmeier nichts wissen will: Georg Elser war Teil des Arbeiterwiderstandes. Vor 80 Jahren unternahm er sein Attentat auf Hitler
Von Leo Schwarz
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»Hitler möge recht bald verrecken«: Georg Elser (undatiertes Foto aus den 30er Jahren)

Mit der Rede, die der Bundespräsident am Montag in Georg Elsers Geburtsort Hermaringen gehalten hat, ist das fehlgeschlagene Sprengstoffattentat auf Hitler vom 8. November 1939 endgültig in die offiziöse Erzählung über den deutschen Widerstand gegen die Naziherrschaft aufgenommen worden. Gegen Elser sprach vom Standpunkt eines Geschichtsmythos, der einst nur die Offiziersopposition und konservative Reaktionäre wie Carl Friedrich Goerdeler und Johannes Popitz als »Widerstand« akzeptiert hatte, noch bis in die 90er Jahre viel: Er war Arbeiter, er stand der KPD eine Spur zu nah, und er handelte zu einem Zeitpunkt, als von einer organisierten bürgerlichen Opposition gegen die Nazis überhaupt noch keine Rede sein konnte.

Eine Ausnahme?

Inzwischen hat sich dieses Geschichtsbild bis zu einem Punkt »demokratisiert«, an dem sich zwei dieser drei Nachteile in Vorteile verwandeln: Frank-Walter Steinmeier pries Elser als einen »einfachen Mann«, der dadurch, dass er früh gesehen habe, »was andere nicht sehen konnten oder wollten«, und dann in Eigenverantwortung gehandelt habe, eine »Ausnahmeerscheinung« sei. Dass Elser aus der Arbeiterbewegung kam, dass er die KPD gewählt hatte und sogar einmal Mitglied des Roten Frontkämpferbundes gewesen war (dessen Abzeichen er bei seiner Verhaftung in Konstanz am Abend des 8. November 1939 bei sich trug), hat Steinmeier allerdings auch am Montag wieder unter den Tisch fallen lassen. Elser soll nun als »besonderer Mensch« (Steinmeier), als »die Ausnahme von der Regel« (auch Steinmeier) gewürdigt werden – nicht mehr. Die, die jetzt jubeln, mit Elser werde endlich auch der Arbeiterwiderstand anerkannt, werden sich getäuscht haben. Genau das will Steinmeier nicht: »Er tat, was er tat, als Georg Elser.«

Der Weg nach Hermaringen war lang. Noch 1999 intervenierte ein Mitarbeiter des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, verschanzt hinter einer »moralphilosophischen« Bewertung des Attentats im Münchner Bürgerbräukeller, gegen die damals in Gang gekommene Aufwertung Elsers zu einem »Vorbild«: Die »Ausführungsweise« des Anschlags sei »moralisch nicht zu rechtfertigen«. Der Attentäter habe den Tod Unschuldiger in Kauf genommen und »leichtfertig eine opferträchtige Attentatstechnik gewählt«; außerdem sei zweifelhaft, ob ein »Durchschnittsbürger« im Herbst 1938, als Elser sich nach seinen Angaben gegenüber der Gestapo zur »Beseitigung der Führung« entschlossen hatte, begründet habe mutmaßen können, dass die Politik Hitlers »unvermeidlich« einen Krieg auslösen würde. Das war so abgefahren, dass sogar das Hannah-Arendt-Institut sich von seinem Mitarbeiter distanzierte. Der damalige Direktor Klaus-Dietmar Henke erwog, dem Mann zu kündigen, was aber, wie der sich noch zehn Jahre später in einer kleinen Rechtfertigungsschrift ins Fäustchen lachte, »am deutschen Arbeitsrecht und der Vernunft maßgeblicher Persönlichkeiten« scheiterte. Später musste Henke gehen – so läuft das in der sächsischen »Totalitarismusforschung«.

»Eine Wut«

Allerdings, das soll hier vermerkt sein, hat auch die marxistische Widerstandsforschung in der DDR bis zu ihrem Ende kein Verhältnis zu Elser gefunden. Noch in Klaus Mammachs umfassender und in vielerlei Hinsicht hervorragender Gesamtdarstellung der deutschen Widerstandsbewegung, 1984 und 1987 in zwei Bänden erschienen, taucht nicht einmal der Name auf. Diese erstaunliche Missachtung mag darauf zurückzuführen sein, dass der organisierte kommunistische Widerstand eine Attentatspolitik immer abgelehnt hat, und auch damit zu tun haben, dass die Hintergründe des Anschlags lange unklar blieben. Noch bis 1970, als das von Lothar Gruchmann in einer Baracke in Bonn, in der die Akten des Reichsjustizministeriums abgelegt worden waren, aufgefundene Protokoll der Vernehmung Elsers publiziert wurde, gab es die Vermutung, es habe sich bei dem Attentat im Bürgerbräukeller um einen »Scheinanschlag« gehandelt. Und auch diese eine sodann verfügbare Quelle war eben eine der Gestapo.

Für Linke, für Kommunisten zumal, ist Elser aber selbstverständlich ein Bezugspunkt – natürlich aus Gründen, die nicht die von Steinmeier sind. Elser war nicht der einzelne »einfache Mann«, als der er nun inszeniert wird. Zwischen Anfang September und Ende Dezember 1939 wurden in Deutschland 3.786 Männer und Frauen aus politischen Gründen verhaftet. Fast alle kamen aus der Arbeiterklasse, waren Kommunisten und Sozialdemokraten. Elser begann die Erläuterung seiner Motive gegenüber der Gestapo mit der Feststellung, dass »die Arbeiterschaft gegen die Regierung eine Wut hat«. Diese »Unzufriedenheit« habe neben dem drohenden Krieg »stets« seine Gedanken beschäftigt. Es gibt einen Brief des Schnaitheimer Kommunisten Josef Schurr aus dem Jahr 1947, der nahelegt, dass Elser noch lange nach 1933 Kontakte zur illegalen KPD hatte: »Erst 1937 sah ich meinen Freund Elser wieder (…). Elser war noch radikaler geworden. Wir gelobten uns aufs neue gegenseitige Treue mit dem gemeinsamen Wunsch: ›Hitler möge recht bald verrecken‹.« Auch nach Angaben anderer Zeitzeugen ging Elser »bei Schnaitheimer Kommunisten« ein und aus; erst als er sich »in seinen tollkühnen Plänen von den Kommunisten im Stich gelassen fühlte, wurde er zum Einzelgänger«. Georg Elser war, auch wenn er die letzten Schritte offenbar allein ging, ohne Zweifel ein Teil des Arbeiterwiderstandes gegen den Faschismus.

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