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Aus: Ausgabe vom 07.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Sprung in die Menschenwelt

Märchen für Erwachsene: Antonin Dvoraks »Rusalka« an der Oper Leipzig
Von Dietrich Bretz
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»Die pastorale Gegend«: »Rusalka« an der Oper Leipzig

Endlich hat die Oper Leipzig Antonin Dvoraks lyrisches Märchen »Rusalka«, eines der bedeutendsten Werke der tschechischen Musikdramatik, wieder in den Spielplan aufgenommen. Die Geschichte von der unglücklichen Wassernixe Rusalka ist neben Smetanas »Verkaufter Braut« und Janaceks »Jenufa« die weltweit am häufigsten gespielte Oper unseres Nachbarlandes. »Rusalka« – ein Märchen für Erwachsene, erfüllt von der Sehnsucht der Titelgestalt nach einer anderen Welt, nach der der Menschen.

Vielfältig waren die Anregungen, die sich die Schöpfer des Werkes suchten. Dvorak und sein Librettist Jaro­slav Kvapil ließen sich von Mythen und Märchenfiguren wie De la Motte Fouqués »Undine« und Hans Christian Andersens »Die kleine Meerjungfrau« sowie der Melusinensage inspirieren. Wobei das Geschehen in der Oper aus der Perspektive der Naturwesen erzählt wird – eine Welt, in die der Mensch rücksichtslos eindringt und sie zerstört.

Die vielschichtige Problematik des Werkes verhandelt Michiel Dijkema, der niederländische Regisseur und Bühnenbildner, in seiner märchenhaften Inszenierung mit Feingefühl. Die pastorale Gegend mit See und einem über dem Wasser leuchtenden Mond versetzt den Zuschauer sogleich ins Idyll. Ein Gefilde, in dem Naturwesen wie der Wassermann, die Nixe Rusalka, Waldelfen und die Hexe Jezibaba ihre Heimat haben. Rusalka wünscht sich indes eine menschliche Seele und sehnt sich nach dem Prinzen, einem Menschen, den sie schon mehrmals beim Baden in ihrem See beobachten konnte. Ein Wunsch, der in ihrem berührenden Lied an den Mond flehentlichen Ausdruck findet. Gleichwohl ein Begehren, vor dem der Wassermann und auch die Hexe sie eindringlich warnen. Ist doch die Welt der Naturwesen mit der der Menschen unvereinbar. Dass die Natur durch menschliches Fehlverhalten zerstört wird, deutet die Inszenierung mit der Jagdszene an. Eine recht eindringliche Warnung vor weiteren Eingriffen des Menschen.

Mittels der Verwandlungskunst der Hexe gelingt Rusalka der Sprung in die Menschenwelt, wobei sie jedoch ihre Sprache verliert. Der Prinz entdeckt sie bei der Jagd. Er nimmt das liebliche, stumme Wesen mit auf sein Schloss. Ein Schritt, der Rusalka viel Leid einbringen wird. Böswilliges, gehässiges Gebaren seitens einer fremden Fürstin, die unversehens auf dem Schloss auftaucht, muss Rusalka bei ihrem Hochzeitsfest erdulden. Die Fürstin ist bestrebt, die Beziehung zwischen Rusalka und dem Prinzen zu zerstören. Sie verführt und verwünscht ihn letztlich, was für ihn ein tödlich enden wird. Während Rusalka als Irrlicht zurückbleibt, für sie gibt es keine Erlösung.

Nachdrücklich zeigen Regisseur Dijkema und seine Kostümbildnerin Jula Reindell den Kontrast zwischen der Welt von Naturwesen und der der Menschen. Augenfällig wird der in der aus Naturelementen bestehenden Kleidung Rusalkas und der aufreizenden Garderobe der fremden Fürstin. Wie überhaupt das gekünstelte Gebaren der Hofgesellschaft einen starken Gegensatz zum zwanglos-gelösten Verhalten der Naturwesen bildet. Wie die Fürstin in ihrer arroganten Haltung einen Gegenentwurf zur scheuen Rusalka darstellt, so unterschiedlich sind auch die Welten gezeichnet. Wird die Menschenwelt weitgehend negativ beleuchtet, so sind die Naturgeschöpfe psychologisch höchst sensibel und mit viel Empathie charakterisiert.

Mit großem Einfühlungsvermögen vermag die Sopranistin Magdalena Hinterdobler sich in den Leidensweg der Titelgestalt zu versetzen. Dank nuancierter vokaler Gestaltung wie auch nachdrücklicher Darstellung formt sie eine tief berührende Rusalka. Die letztlich in eine schmerzliche Situation gerät, als der Prinz (von Tenor Patrick Vogel eindringlich verkörpert) den Verführungskünsten der fremden Fürstin (Kathrin Göring) erliegt. Von der Regie fesselnd porträtiert sind auch die anderen Gestalten. Eine darstellerisch und auch gesanglich flexible Hexe Jezibaba stellte die Mezzosopranistin Karin Lovelius auf die Bühne. Gewichtigen Anteil an der Aufführung hat auch der hervorragende Bassist Tuomas Pursio, der der Partie des Wassermanns überzeugendes Format verleiht. Wobei er seine Warnungen mit empfindungsvoller, gleichwohl markanter Stimme gestaltete. Mit spielerischer und vokaler Lebendigkeit geben Lenka Pavlovic, Sandra Maxheimer und Sandra Janke den drei Waldelfen szenisches Profil.

Stehen die Protagonisten als Handlungsträger gewiss im Vordergrund, so leistet auch der von Alexander Stessin einstudierte Opernchor einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des Geschehens. Und Dirigent Christoph Gedschold vermag mit dem Gewandhausorchester die vielgestaltige Partitur der Oper differenziert auszuloten. Da werden der subtile Klangzauber wie auch die lyrischen Orchesterfarben ebenso intensiv ausgeleuchtet wie die dramatischen Passagen und die schmerzlich-tragischen Partien oder auch die in den Bereich der Spieloper weisenden Szenen. Ein bereichernder, berührender Opernabend!

Nächste Aufführungen: 9. November, 13. Dezember

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