Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 07.11.2019, Seite 8 / Inland
Kostenübernahme verweigert

»Für mich ist Cannabis ein Arzneimittel«

Kampf gegen Bürokratie statt gegen Schmerzen: Patienten müssen mit Krankenkassen ringen. Ein Gespräch mit Cécile Lecomte
Interview: Gitta Düperthal
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Keine Berührungsängste: Gerade Therapiebedürftige fordern immer lauter, dass der gute alte Indische Hanf endlich wieder ganz legal angebaut werden darf

Seit März 2017 dürfen Schmerzpatienten in der BRD Cannabis auf Rezept bekommen. Auch Ihnen wurde das Mittel aus medizinischen Gründen verschrieben, allerdings weigert sich Ihre Krankenkasse, die Kosten dafür zu übernehmen, weswegen Sie Klage einreichten. Am heutigen Donnerstag beginnt das Verfahren vor dem Sozialgericht Lüneburg. Wieso wird es Ihnen so schwer gemacht?

Das Gesetz ist unklar formuliert: Vor Behandlungsbeginn müssen Patienten eine Genehmigung der Krankenkasse einholen. Das lässt letzteren einen Spielraum, Kosten nicht zu übernehmen und trotz Verschreibung des Arztes die Therapie abzulehnen. In vielen Köpfen ist noch tief verankert, dass Cannabis eine gefährliche Droge sei. Dabei heißt es im Gesetz: Der Antrag hierfür dürfe »nur in begründeten Ausnahmefällen« abgelehnt werden.

In meinem Fall erklärte die Kasse: Es sei nicht gesichert, dass Cannabis gegen den durch meine Rheumaerkrankung verursachten Schmerz helfe. Dabei bin ich austherapiert, andere Medikamente haben nicht gewirkt. Ich hatte schon vor Inkrafttreten des Gesetzes eine Ausnahmegenehmigung, um Cannabis aus medizinischen Gründen konsumieren zu können – auf eigene Kosten.

Eine erste Eilentscheidung des Gerichts im Mai 2017 besagte, dass Ihre Krankenkasse vorläufig zur Kostenübernahme verpflichtet war. Was ist im jetzigen Hauptverfahren zu erwarten?

Weil es bis es zu einer endgültigen Entscheidung Jahre dauern kann, hatte das Gericht zunächst so entschieden. Diese Therapie bedeutet für mich Schmerzlinderung. Es wäre mir nicht zuzumuten gewesen, die Behandlung über einen langen Zeitraum zu unterbrechen. Ich wüsste nicht, was sich heute daran geändert haben sollte.

Seit zwei Jahren wird hierzulande Cannabis staatlich kontrolliert angebaut. Welche Auswirkungen hat das?

Mit der Regelung soll verhindert werden, dass privater Anbau in Deutschland stattfindet. Ende 2020 erwartet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die erste Ernte. Bis dahin ist Cannabis aus Deutschland nicht legal verfügbar und muss aus dem Ausland importiert werden. Die Sorte Bediol, deren Wirkstoff ich nehme, wird etwa nur in den Niederlanden angepflanzt. Wir Betroffene müssen nicht nur gegen die Schmerzen ankämpfen, sondern auch gegen die Bürokratie und Ablehnungen von Krankenkassen.

Wie ist das zu erklären?

Seit Jahrzehnten gibt es in der BRD eine restriktive Drogenpolitik. Cannabis wurde und wird teilweise heute noch verteufelt. Wenige Ärzte und Kassenmitarbeiter sind mit dem Thema vertraut. Es gibt eine schlechte Informationspolitik. Als Nichtraucherin hatte auch ich lange keine Ahnung, dass Cannabis mir hilft. Wäre das Thema nicht tabuisiert worden, hätte ich meine Schmerzen schon lange bekämpfen können.

Wie finden Sie es, wenn von »Kiffen auf Rezept« die Rede ist?

Der Sprachgebrauch suggeriert, wir würden es zum Spaß nehmen. Im Vordergrund steht bei Kranken aber die Schmerzlinderung. Ich habe nichts dagegen, dass Menschen Cannabis auch als Genussmittel betrachten. Mir erschließt sich nicht, weswegen Alkohol rechtlich besser gestellt sein soll.

Legalisierung von Cannabis hieße, dem Schwarzmarkt und der Beschaffungskriminalität zu begegnen. Das südamerikanische Land Uruguay ist hier Vorreiter, dort ist der Anbau nach staatlicher Genehmigung gestattet. Außerdem ist das Kraut seit Herbst 2018 für alle Kanadier frei erhältlich. In den USA wiederum ist Kiffen zum Vergnügen unter anderem in Alaska, Kalifornien oder Washington DC erlaubt, in weiteren Staaten zudem die medizinische Einnahme legal. In den Niederlanden ist der Cannabisgenuss nach Regeln in Coffeeshops geduldet. Für mich ist es ein Arzneimittel.

Wie engagieren Sie sich trotz Ihrer Krankheit weiterhin als Umwelt- und Kletteraktivistin?

Von Brücken abseilen oder Bäume besetzen kann ich dank Hilfsmitteln. Im Hambacher Wald gebe ich Kletterkurse für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Ich werde auch Atomtransporte weiterhin blockieren.

Update 7. November:

Am Mittwoch abend erreichte die jW-Redaktion folgende Mitteilung von Cécile Lecomte:

»Ich teile Ihnen heute mit, dass der morgige Gerichtstermin entfällt. Das Sozialgericht Lüneburg hat einen Vergleich vorgeschlagen. Darauf sind sowohl ich als auch meine Krankenkasse eingegangen. Dieser sieht eine Kostenübernahme für mein medizinisches Cannabis durch meine Krankenkasse vor.

Damit habe ich mein Ziel erreicht: Die Kosten meiner Schmerztherapie mit medizinischem Cannabis werden von der Krankenkasse übernommen. Die Entscheidung ist rechtskräftig und bringt mir somit Rechtssicherheit ohne über Jahre durch die juristischen Instanzen gehen zu müssen. Ich kann meine Schmerzen lindern ohne Angst vor den Kosten und meine Energie in weiteren politischen Kämpfen wie für mehr Barrierefreiheit oder das Klima einsetzen.«

Cécile Lecomte ist Umweltaktivistin und in dem Zusammenhang auch unter dem Namen »Eichhörnchen« bekannt

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