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Aus: Ausgabe vom 07.11.2019, Seite 2 / Inland
Inszenierung des Militärs

»Das schreit nach einer Gegenaktion«

Kein Platz für neue »Helden«: Friedensaktivisten protestieren gegen öffentliche Gelöbnisse von Soldaten der Bundeswehr. Ein Gespräch mit Jutta Kausch
Interview: Jan Greve
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Zum Lachen oder zum Gruseln? Auf Demonstrationen der Friedensbewegung wird mit verschiedenen Mitteln gearbeitet (Berlin, 8.10.2016)

Am kommenden Dienstag – dem Tag der Gründung der Bundeswehr vor 64 Jahren – sollen in sechs Bundesländern öffentliche Gelöbnisse von Soldaten stattfinden. Die Berliner Friedenskoordination plant bereits für den Sonntag eine Satiredemo. Wieso haben Sie »Grund zum Jubeln«, wie es in einer Mitteilung formuliert ist?

Unsere Aktion hat mittlerweile eine langjährige Tradition. 1996 hat es die erste Parade des »Antimilitaristischen Oberjubelkomitees«, kurz A. M. O. K., gegeben. Grund zum Jubeln haben wir natürlich überhaupt nicht: Als wir davon hörten, dass öffentliche Gelöbnisse stattfinden sollen, war uns klar, dass das nach einer Gegenaktion schreit.

Inwiefern ist eine Satiredemo ein geeignetes Format, um Menschen von den Anliegen der Friedensbewegung zu überzeugen?

Die Aktionen haben eine gewisse Strahlkraft und können mit verhältnismäßig wenig Menschen gemacht werden. Wir hatten auch überlegt, eine klassische Demonstration auf die Beine zu stellen. Nur kämen dann vielleicht 100, 200 Menschen, die Wirkung würde tendenziell verpuffen. Unsere Paraden dagegen sind ein richtiger Hingucker, in gewisser Weise machen wir damit Straßentheater. In den vergangenen Jahren haben wir damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Es gibt viele Gespräche mit nachdenklichen Passanten am Straßenrand. Andere klatschen zunächst, bis sie verstehen, dass sie es mit Satire zu tun haben. Wir wollen damit auf die absurde Militarisierung unserer Gesellschaft hinweisen.

Wie wollen Sie das erreichen?

In unserem Aufruf haben wir einige Forderungen formuliert. Es wird häufig behauptet, der Bundeswehr fehle es an Geld. Das halten wir für eine Lüge. Bei unserer Satiredemo fordern wir etwa kostenfreie Strumpfstrickkurse für Hartz-IV-Bezieher, um deutschen Soldaten in kalten Wintern warme Füße zu bescheren. Dazu muss man wissen, dass das diesjährige Codewort unserer Parade lautet: Im Osten geht die Sonne auf. Damit nehmen wir Bezug auf die immer näher an die russische Grenze reichenden NATO-Truppenbewegungen, bei denen es auch um sogenannte Erneuerungen der In­frastruktur geht – damit die Panzer schneller gen Osten rollen können.

Aufrüstung ist eines der Losungsworte der imperialistischen Strategie des Westens. Die Debatte wird auch in der BRD ständig befeuert. Andererseits lehnt die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung Auslandseinsätze der Bundeswehr ab, während zudem regelmäßig Zehntausende gegen Umweltzerstörung demonstrieren. Wieso lassen sich nicht ebenso viele für die Friedensbewegung mobilisieren?

Erklären kann man es vielleicht damit, dass es der Debatte an Emotionalität fehlt. Es gibt keine spürbaren Ängste, wie sie etwa beim Klimawandel wahrzunehmen sind. Zwar sind viele für Frieden, nur fühlen sie sich trotz der Aufrüstung kaum bedroht. Was bleibt, sind die Mühen der Ebene: Wir sehen unsere Aufgabe als Aktive seit vielen Jahren darin, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und sie zu sensibilisieren. Dabei liegt unser Hauptaugenmerk auf der Kampagne »Abrüsten statt aufrüsten«, um uns gegen das Zwei-Prozent-Ziel der NATO zu positionieren.

Annegret Kramp-Karrenbauer, die als Wehrministerin ihre Position als CDU-Chefin zu stärken sucht, will mit den öffentlichen Gelöbnissen ein Zeichen für die Anerkennung von Soldaten setzen. Ist schon dieses Ziel falsch?

Wir wollen mit unserer Aktion nicht den einzelnen Soldaten dissen, sondern auch diese Menschen bestenfalls auf unsere Seite ziehen. Uns beschäftigt diese Selbstverständlichkeit und Normalität, mit der viele dem Soldatenberuf begegnen. Dabei ist das kein Job wie jeder andere auch. Das Darstellen der Bundeswehr als besseren Abenteuerspielplatz, dazu die an Schulen verteilten Bildungsmaterialien – das sind die Probleme.

Die feierliche Inszenierung deutscher Soldaten – ist das lediglich das Aufwärmen althergebrachter Traditionen, oder sehen Sie darin auch neue Qualitäten?

Zu beobachten ist, dass die Bundesregierung in der Welt wieder stärker »mitmischen« will. Es geht darum, Deutschland als Führungsmacht zu entwickeln, mindestens in Europa. Das hat definitiv eine neue Qualität.

Jutta Kausch ist aktiv in der Friedenskoordination Berlin (Friko)

Satiredemo: Sonntag, 12 Uhr, Dorothea-Schlegel-Platz, Berlin

frikoberlin.de

Kampagne: abruesten.jetzt

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