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Aus: Ausgabe vom 06.11.2019, Seite 5 / Inland
Verkehr

Elektrisch in den Stau

Bundesregierung will mit Förderung von Ladeinfrastruktur Elektromobilität stärken. Verkehrsprobleme werden so nicht gelöst
Von Efthymis Angeloudis
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Autos – egal ob mit Elektro- oder Verbrennungsmotor – nehmen 58 Prozent der Verkehrsfläche in Anspruch

Die Verkehrswende besteht für die Bundesregierung auch nach dem »Autogipfel«, zu dem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Montag abend ins Kanzleramt eingeladen hatte, vor allem im Umstieg von einem Auto ins nächste – vom Verbrennungsmotor zum Elektroauto, um genauer zu sein. Aber selbst diese eher beschränkte Mobilitätswende bringt die Koalition nicht zustande. Nachdem bereits die selbstgesteckten Ziele von etwa einer Million Elektroautos auf deutschen Straßen bis 2020 verfehlt wurden, hat die Bundesregierung mit den anvisierten sieben bis zehn Millionen Elektroautos noch ambitioniertere Pläne. Um die bis 2030 zu erreichen, haben sich Vertreter aus Politik und Industrie in Berlin auf einen Masterplan geeinigt.

Die Bundesregierung will gemeinsam mit Ländern und Kommunen die Ladeinfrastruktur ausbauen. 50.000 öffentliche Ladepunkte sollen in den nächsten zwei Jahren entstehen. Die Autoindustrie will davon 15.000 auf dem Gelände von Firmen und Händlern bereitstellen. Eine nationale Leitstelle soll noch in diesem Jahr eingerichtet werden, um den Ausbau zu koordinieren. Alle Teilnehmer des Autogipfels seien sich einig gewesen, dass die heute gut 20.000 öffentlichen Ladepunkte nicht reichen, sagte Bernhard Mattes, Präsident des Autoindustrieverbands VDA. Bis 2030 sind aus seiner Sicht, wie auch von der Regierung angestrebt, insgesamt eine Million öffentliche Ladepunkte notwendig, außerdem mehrere Millionen private Ladestellen.

Regierung und Hersteller haben sich ebenfalls darauf geeinigt, die Kaufprämie für E-Autos über Ende 2020 hinaus um fünf Jahre zu verlängern und deutlich zu erhöhen. Die Förderung soll für Fahrzeuge mit einem Preis bis 40.000 Euro um 50 Prozent auf 6.000 Euro steigen, für bis zu 65.000 Euro teure Autos um 25 Prozent auf 5.000. Laut Bundesregierung können so bis zu 700.000 Elektrofahrzeuge zusätzlich gefördert werden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sprach nach dem »Autogipfel« von einem wichtigen Signal. Die Erhöhung der Kaufprämie für E-Autos und ein schnellerer Ausbau des Ladenetzes seien zentrale Bausteine für mehr Tempo bei der Elektromobilität in Deutschland. Die Zahl der Anträge für die Prämie steige. »Zwar langsamer, als wir das erhofft hatten, aber umso wichtiger ist es, jetzt noch mal durch eine Erhöhung des Zuschusses stärkere Anreize zu setzen«, sagte Altmaier am Dienstag.

Kritik an den Plänen der Bundesregierung kam am Dienstag von Cem Özdemir. Der Grünen-Politiker hat vor überzogenen Erwartungen an mehr Elektroautos auf Deutschlands Straßen gewarnt. »Verkehrswende heißt nicht, dass wir 47 Millionen fossile Verbrenner durch 47 Millionen Elektromobile ersetzen«, sagte der Vorsitzende des Bundestagsverkehrsausschusses am Dienstag im ZDF-»Morgenmagazin«. »Dann haben wir zwar weniger Abgase, weniger Lärm in den Innenstädten, aber das Problem mit dem Verkehrsinfarkt ist nicht gelöst.«

Das bestätigt auch die am Dienstag in Berlin von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) vorgestellte Studie »Mobilitätsatlas 2019«. Demnach kommen ein Fünftel der Treibhausgasemissionen in Deutschland aus dem Verkehrssektor, 96 Prozent davon direkt aus dem Straßenverkehr. Elektroautos haben auch nach Abzug der Emissionen für die Herstellung der Batterien eine bessere CO2-Bilanz als Autos mit Verbrennungsmotoren. Dennoch verringert der Umstieg auf Strom nicht die Fläche, die der Autoverkehr in Anspruch nimmt. So berechneten die Autoren der Studie, dass in Berlin 13 Prozent der Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, dem Radverkehr aber nur drei Prozent der Verkehrsfläche zur Verfügung stehen. Beim motorisierten Individualverkehr sieht das schon ganz anders aus. Für 30 Prozent der Wege stehen ihm 39 Prozent der Verkehrsfläche zur Verfügung – plus noch einmal 19 Prozent in Form von Parkplätzen. »Dass jeder ein eigenes, oft viel zu großes Auto besitzt, dass mehr als 23 Stunden am Tag rumsteht und wertvollen Raum blockiert, macht ökologisch und ökonomisch keinen Sinn«, erläuterte die Bundesvorsitzende des VCD Kerstin Haarmann.

Aber was in Berlin als Luxus erscheint, ist für Bewohner ländlicher Regionen eine Notwendigkeit: Hier geht ohne Auto oftmals nichts. Und das wird auch beim Anteil der damit zurückgelegten Strecken ersichtlich. Für bis zu 70 Prozent aller Wege wird in Kleinstädten und Dörfern das Kraftfahrzeug benutzt. »Gerade im ländlichen Raum müssen die Alternativen zum Auto gestärkt und zum Teil auch erst geschaffen werden«, betonte Ellen Ueberschär vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. »Wer kein Auto benutzen möchte oder kann, braucht zur Grundversorgung bessere Verbindung mit Bus und Bahn sowie umweltfreundliche Mitfahrangebote«. Nach 70 Jahren Imagepflege des Automobils sei es kein Wunder, dass der Umstieg auf andere Fortbewegungsmittel lange dauert. Darin, dass weniger jüngere Menschen den Führerschein machen, sehe man aber eine Entwicklung weg vom Statussymbol Auto. »Und das ist eine Chance.«

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