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Aus: Ausgabe vom 05.11.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Konferenz

Teilzeitkräfte auf der Baustelle

Linkspartei berät mit Betriebsräten über Arbeitsbedingungen in Berlin
Von Susanne Knütter
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Auf sich allein gestellt: In Berlin arbeiten mindestens 8.000 Soloselbständige auf den Baustellen

Am Freitag veranstaltete die Bundestagsfraktion der Partei Die Linke im Berliner IG-Metall-Haus eine Betriebs- und Personalrätekonferenz. Das Motto lautete »Gute Arbeit für Berlin?!« Prominente Gewerkschaftsvertreter waren dabei: die stellvertretende Verdi-Bundesvorsitzende, Andrea Kocsis, und die erste Bevollmächtigte der IG Metall Berlin, Birgit Dietze. Die Linke war durch den Vorsitzenden Bernd Riexinger und die Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach vertreten. In verschiedenen Foren wurde unter anderem über die Arbeitsbedingungen in der Pflege, der Wissenschaft, beim öffentlichen Nahverkehr und auf dem Bau diskutiert.

Die einleitenden Referate machten deutlich, dass es in Berlin seit einigen Jahren ein allerdings polarisiertes Beschäftigungswachstum gibt: einerseits im Bereich der »Expertenjobs« und andererseits bei den Helfertätigkeiten. Bei letzteren sei zugleich die Teilzeitquote mit 50 Prozent besonders hoch, erläuterte Holger Seibert, Mitarbeiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Allerdings verfügten lediglich 30 Prozent der Helfer über keine Berufsausbildung. Seit 2008 stiegen die Löhne in Berlin zwar wieder, aber immer unter dem bundesweiten Durchschnitt. Im Gastgewerbe, der Reinigung, der Speisezubereitung und der Lagerwirtschaft erhielten Teilzeitbeschäftigte Bruttolöhne von rund 1.000 Euro pro Monat. Aber auch bei einer Vollzeitbeschäftigung im Gastgewerbe liege der Bruttolohn häufig nur bei 2.000 Euro. Der IAB-Wissenschaftler fand, dass das Leben in Berlin gerade für die unteren Einkommensgruppen »schwer« ist.

Das liegt auch an der geringen Tarifbindung. Nur 46 Prozent der Beschäftigten in Berlin arbeiten in tarifgebundenen Unternehmen. Hinzu komme eine hohe Befristungsquote, erklärte die stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, Sonja Staack. In der Hauptstadt arbeiteten 13 Prozent der Beschäftigten in befristeten Arbeitsverhältnissen – bundesweit seien es acht Prozent. Bei den Neueinstellungen liege der Anteil befristeter Arbeitsverträge sogar bei 46 Prozent. Die hohe Befristungsquote sowie der geringe Anteil der Tarifbindung, so Staack, hänge stark mit dem großen Dienstleistungssektor in der Hauptstadt, dem hohen Anteil kleiner und mittelständischer Betriebe und den Ausgliederungen auch im öffentlichen Bereich zusammen.

In Berlin würde darüber hinaus nur noch knapp die Hälfte der Beschäftigten durch einen Betriebsrat oder Personalrat vertreten. Blickt man auf die Betriebe, seien es gerade einmal fünf Prozent. Die Sonderauswertung des DGB-Index »Gute Arbeit« für Berlin hat ergeben, dass 55 Prozent der Beschäftigten sich am Arbeitsplatz »häufig oder sehr häufig gehetzt« fühlen. Hoch ist auch der Anteil an Soloselbständigen, also derjenigen Selbständigen, die ohne Angestellte nur »für sich« arbeiten. Zu dieser Statusgruppe gehören aber nicht nur Künstler oder Dienstleister. Allein 8.000 Soloselbständige arbeiten, so Staack, auf den Berliner Baustellen.

Im Forum zur Situation im Berliner Baugewerbe konnten diese Zahlen noch einmal exemplarisch vertieft werden. Der Anteil der Arbeiter mit tariflicher Entlohnung oberhalb der tariflichen Mindestlöhne sei marginal, hieß es hier. Die Hälfte der Beschäftigten im Bau sei zudem als Teilzeitbeschäftigte gemeldet, obwohl keine Baustelle in Teilzeit bearbeitet werden könne, erklärte Christine Heydrich, Geschäftsführerin der Sozialkasse für das Berliner Baugewerbe. Die Auftragsvergabe erfolge in Berlin augenscheinlich weiterhin an den Bieter mit dem billigsten Angebot. Häufig seien keine Kontrollen möglich, weil diese mit dem Auftragnehmer nicht vereinbart sind.

Im kommenden Jahr soll ein neues Berliner Ausschreibungs- und Vergabegesetz in Kraft treten. Ein Vertreter der IG Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) – und Mitglied der Linken – kritisierte die Partei als Teil der Regierung dafür, bei der Novellierung des Gesetzes nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben. Außerdem müsse eine linke Partei die Gewerkschaftsarbeit zur Kernaufgabe machen, ihre Leute darin schulen und in die Betriebe schicken. In der Linkspartei sei das Thema jedoch eher randständig.

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