Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 05.11.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Neue Seidenstraße

Wenn beide gewinnen

Griechenlands Premier zu Besuch in Shanghai: Hafen von Piräus soll erweitert werden
Von Efthymis Angeloudis
Hafen_von_Piraeus_59859732.jpg
2016 hat das chinesische Staatsunternehmen Cosco einen Mehrheitsanteil des Containerhafens von Piräus erworben

Häfen sind immer Verbindungen zur Welt. Besonders wichtig ist die Verbindung zwischen Shanghai, der weltweiten Nummer 1, und Piräus, dem am schnellsten wachsenden Port der Welt. Das führt dazu, dass China und Griechenland sich immer näher kommen – nicht nur in der Schiffahrt. Diese Beziehung wollte auch Griechenlands neuer Premier, Kyriakos Mitsotakis, am Montag während eines Staatsbesuchs beim chinesischen Präsidenten Xi Jinping aus Anlass der Eröffnungszeremonie der großen Handelsmesse in Shanghai würdigen.

»Es war meine Partei, die Nea Dimokratia, die die große wirtschaftliche Öffnung des Landes gegenüber China politisch in Gang setzte«, sagte Mitsotakis bei dem Treffen. »Ich freue mich jetzt, dass ich als Ministerpräsident diese finanzielle Beziehung auf eine höhere Ebene führen kann.« Es eröffnen sich viele und bedeutende Möglichkeiten, erklärte Mitsotakis in Hinblick auf die Investitionen der China Ocean Shipping Company (COSCO) im Hafen von Piräus und bekräftigte gegenüber Xi die Verpflichtung seiner Regierung, den mit der chinesischen Reederei ausgehandelten »Masterplan« für den griechischen Hafen einzuhalten.

Coscos Masterplan für den Hafen von Piräus sieht den Bau eines vierten Containerpiers mit einer Kapazität von 2,8 Millionen TEU (Containergröße) vor, der den Gesamtumschlag auf über zehn Millionen TEU steigern wird und somit Hamburg vom dritten Platz der europäischen Häfen verdrängen könnte. Weiter ist der Bau eines neuen Kreuzfahrtdocks, vier Hotels sowie ein Einkaufszentrum für die Kreuzfahrtpassagiere vorgesehen. Der griechische Hafenplanungs- und Entwicklungsausschuss (ESAL) lehnte das Einkaufszentrum jedoch im Oktober ab. Bürgeriniativen in Piräus haben sich schon seit 2018 gegen die Erweiterung ausgesprochen, die sie als »unnötig« und »umweltschädlich« bezeichnen. Piräus sei bereits gesättigt und könne keine weiteren Kreuzfahrtschiffe aufnehmen.

»Das stimmt so nicht«, widerspricht Nikos Belavilas, Lehrbeauftragter der Nationalen Technischen Universität in Athen und Vorsitzender der SYRIZA-nahen Stadtratsfraktion »Piräus für alle« am Montag gegenüber jW. »Jedes Jahr hat Piräus einen Anstieg von zehn bis 15 Prozent im Homeporting (als Heimathafen) der Kreuzschiffahrt«. Trotz aller Wirtschafts- und Umwelteinwände sei die Kreuzschiffahrt stark im Kommen. Belavilas berichtet, dass die Erweiterung des Hafens zwar schwerwiegende Folgen für die Lärm- und und Lichtverschmutzung der anliegenden Nachbarschaften habe, der Hafen aber wachsen müsse. »Piräus kann kein Fischerhäfchen bleiben.«

Dies dürfte auch im Interesse von Xi Jinping sein. »Ihr Besuch gibt unserer strategischen Zusammenarbeit neue Impulse«, betonte der chinesische Präsident gegenüber Mitsotakis am Montag in Shanghai. China habe Griechenland aus diesem Grund zum Ehrengast der Handelsmesse erklärt und freue sich, dass das man diese Gelegenheit wahrgenommen habe, fügte Xi hinzu. »Es ist eine Situation, in der beide Länder gewinnen.« Xi bezieht sich damit auf die Doktrin der Volksrepublik, die auf der chinesischen Philosophie des ewigen Für und Wider basiert: die »Win-win-Kooperation« – eine Zusammenarbeit, bei der immer beide Seiten profitieren und die sich somit vom westlichen Kolonialismus und Imperialismus abgrenzt.

Mitsotakis dürfte fernöstliche Philosophie und die Einhaltung des Gleichgewichts egal sein – hat er doch als Sohn eines ehemaligen Ministerpräsidenten und Sprössling einer der größten Politiker-Dynastien Griechenlands nur gelernt zu gewinnen. Selbst er müsste aber begreifen, dass er in dieser Beziehung der Schwächere ist.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. ( 5. November 2019 um 11:03 Uhr)
    Eine geistreiche Redewendung: »Die Doktrin der Volksrepublik, die auf der chinesischen Philosophie des ewigen Für und Wider basiert«, und in der Tat finden sich in den mehr als zweitausend Jahre alten Werken von Laozi, Kongzi (Konfuzius) und anderen wahre Schätze der Dialektik.

    Andererseits muss man in einer Zeitung, die sich selbst marxistisch tituliert, nicht verschweigen, dass die westliche Philosophie des dialektische Materialismus in China eine gute Heimstätte gefunden hat und die gedankliche Basis des politischen Handelns der VR China bildet.

    Komischerweise glauben viele westliche Linke, dass China mit Marxismus nichts so recht am Hut hat, die Ideen Mao Zedong bestenfalls eine Verballhornung des Marxismus darstellen und auch Xi Jinping sich von allem Möglichen leiten lässt, aber nicht vom Marxismus. Zu dessen korrekter Auslegung fühlen sich ausgerechnet die westlichen Linken berufen, die zur Zeit politisch praktisch, also materialistisch, so rein gar nichts an den Haken kriegen.

    Hier in China ist Marxismus obligatorisches Studienbegleitfach für alle Studenten, neben anderen lebensbejahenden und nützlichen Fächern wie Sport und Geschichte. Man darf deshalb als Marxist froh und optimistisch sein, dass die Welt sich in eine gute und menschengerechte Zukunft weiterdreht.

Ähnliche:

  • Chinas Premierminister Le Keqiang am Donnerstag im kroatischen B...
    16.04.2019

    Unmut in Brüssel

    Gipfel in Kroatien: Chinas Ministerpräsident bei süd- und osteuropäischen Staatschefs. Wirtschaftliche Kooperation soll ausgebaut werden
  • Die China Ocean Shipping Company ist seit 2009 in Griechenland a...
    19.10.2017

    Seidenstraße kritisch beäugt

    BRD will anderen EU-Staaten eigene China-Politik aufdrängen. Doch denen sind ­wirtschaftliche Interessen wichtiger als Ideologie

Mehr aus: Kapital & Arbeit