Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. November 2019, Nr. 273
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Akt der Notwehr

Zu jW vom 2./3.11.: »Kampflos«

Die Medien trommeln, um den Menschen, die das noch aushalten, die westliche Sicht über den Mauerbau einzupauken. Das regt mich an, daran zu erinnern, wie es zu diesem kam. Die Beschreibung muss damit beginnen, dass damals Hunderttausende Ostberliner in Westberlin arbeiteten. Ihren Lohn vervierfachten sie durch den Umtausch und konnten dadurch ohne einen Handschlag mehr besser als ihre Mitbewohner leben. Was diese empörte. Die Lohnsteuer kassierte der Westen. In Ostberlin herrschte Arbeitskräftemangel (…). Bei genanntem Umtauschverhältnis kauften viele Westberliner in Ostberlin ein, wodurch Lebensmittel Mangelware wurden. Das alles warf die Entwicklung Ostberlins zurück, und die DDR konnte das auf Dauer nicht tolerieren. So wurde im August 1961 entschieden, die Mauer zu bauen. (…) Schon nach den ersten Wochen stieg die Produktion. Der Schwarzmarkt verschwand, die Wirtschaft stabilisierte sich. Die Mauer war ein Akt der Notwehr, aus ökonomischer Sicht war sie Selbstverteidigung. Nicht unwesentlich ist, dass Westberlin zum Störfaktor gegen die DDR hergerichtet worden war. Es herrschte Kalter Krieg, und da wurde Westberlin auch als »Pfahl im Fleisch der DDR« gepriesen oder als »billigste Atombombe«. Alle westlichen Geheimdienste waren in Westberlin. Spioniert wurde nicht nur in der DDR, sondern in allen Ostländern. Die DDR-Führung war nicht erfreut, eine Mauer errichtet zu haben. Sie wurde zu diesem Schritt gezwungen. Durch die Verhältnisse? Durch die Politik des Westens, ihr so viele Knüppel wie nur möglich in den Weg zu legen. (…)

Gerhard Schiller, Dresden

Vergiftete Äpfel

Zu jW vom 4.11.: »Dicke Luft aus Delhi«

Der Artikel kommentiert die Beziehungen Deutschlands und Indiens und das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen China und Indien sehr gut. (…) Ich arbeite selbst in einem indisch-chinesischen Projekt zur Entwicklung der Elektromobilität in Indien, und es geht da weiter voran. Bei jedem konkreten Wirtschaftsprojekt zwischen den beiden asiatischen Riesen China und Indien (chinesische Investitionen in der verarbeitenden Industrie nehmen zu) kommen als Reaktion mehr als vergiftete Äpfel aus Berlin. Angela Merkels Angebot, Hunderte elektrisch betriebene Busse aus Deutschland Indien zu schenken, ist so ein typischer vergifteter Apfel, da er indische Bemühungen, E-Busse selbst zu produzieren, hart treffen könnte. Und auch das Angebot, indische Fachkräfte nach Deutschland zu bringen, dürfte gewisse Bemühungen Delhis eher konterkarieren. Man behandelt Indien immer noch als zweitklassigen Spieler, was gewiss nicht gut ankommt. Solche Auftritte, nicht frei von Arroganz, würde sich Beijing nie leisten! Berlin selbst ist aber in Südasien ein zweitklassiger Spieler, und der Einfluss nimmt eher ab.

Achim Lippmann, per E-Mail

Gewollte Enteignung

Zu jW vom 6.11.: »Rauben, egal, was es kostet«

1989 demonstrierten viele Ostdeutsche für eine bessere DDR. Ihr Wunsch blieb unerfüllt. Die DDR ging unter, die BRD obsiegte. Mit der ersehnten DM vollzog sich die Enteignung der Ostdeutschen, die Zahl bundesdeutscher Millionäre verdoppelte sich auf über eine Million. In Ostdeutschland gab es plötzlich vier Millionen Arbeitslose. 95 Prozent des Volkseigentums wurden liquidiert. 1,4 Billionen DM. 90.000 für jeden Ostdeutschen. Ersatzlos. 87 Prozent gingen in westdeutsche, sieben Prozent in ausländische, und sechs Prozent verblieben in ostdeutschen Händen. (…) Der erste Chef der Treuhand, Detlev Rohwedder, verfolgte das Ziel »Sanieren geht vor Liquidieren«. Er wurde erschossen. (…) Die Volksenteignung war gewollt, um Konkurrenten loszuwerden. Die ostdeutschen Eliten wurden ausgetauscht. Von 35 Ministern und Staatssekretären sind zwei aus dem Osten. Nur zwei Ostdeutsche sind unter den 140 deutschen Botschaftern. An den 81 Universitäten ist kein Ostdeutscher Rektor. 80 Prozent der Führungskräfte in den neuen Bundesländern kommen aus dem Westen. 42 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich bis heute als Bürger zweiter Klasse. Die Quittung für die Demütigung der Ostdeutschen und das politische Versagen ist die AfD.

Wilfried Schubert, Güstrow

Soziale Diskriminierung

Zu jW vom 6.11.: »Risse im Sanktionsregime«

»Eine Familie kann mit dem staatlichen Gnadenbrot nicht versorgt werden«, heißt es in dem Kommentar. Leider ist das seit nunmehr über 15 Jahren für immer mehr Menschen – vor allem immer mehr Kinder! – in diesem Lande ebenso bittere wie traurige Realität. (…) Denn wäre dieses staatliche Almosen tatsächlich auch nur annähernd ausreichend für eine würdige Existenz, so hätten sich (…) nicht im ganzen Land inzwischen mehr als 1.100 Tafeln gebildet (…). Ebenso würden nicht unzählige Menschen Tag und Nacht auf Deutschlands Straßen und Plätzen unterwegs sein, um im Müll der Wegwerfgesellschaft nach verdrecktem Leergut zu wühlen. Und von diesem harten Gnadenbrot, von Amts wegen zynischerweise »Existenzminimum« genannt, sollen ihnen dann auch noch 30 Prozent »berechtigterweise« gekürzt werden dürfen. Wieviel Gleichgültigkeit muss in einer Gesellschaft herrschen, die eine derartige soziale Diskriminierung einfach schweigend hinnimmt, welches Maß an Menschenverachtung bei Politikern bestehen, die sich solche Verbrechen einfallen lassen und diese über Jahre hartnäckig verteidigen, sowie bei Richtern, die dieses Unrecht über Jahre immer wieder gnadenlos zu Recht umdeuten und erklären, es stehe in Einklang mit dem Grundgesetz? Und wer von all den überversorgten Honoratioren wird sich schließlich auch nur im mindesten mitverantwortlich erklären für all das menschliche Leid und die irreversiblen gesellschaftlichen Schäden, die das jahrelange Flächenbombardement mit den unzähligen Hartz-IV-Streubomben angerichtet hat? In ihren Augen handelt es sich wohl eher um so etwas wie »soziale Kollateralschäden«. Nach dem Motto: Wo gehobelt wird, da fallen halt auch Späne!

Reinhard Hopp, per E-Mail

Die DDR-Führung war nicht erfreut, eine Mauer errichtet zu haben. Sie wurde zu diesem Schritt durch die Politik des Westens gezwungen, ihr so viele Knüppel wie möglich in den Weg zu legen.

Leserbriefe zu diesem Artikel: