Gegründet 1947 Donnerstag, 21. November 2019, Nr. 271
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Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 12 / Thema
Eine Zeitung für Deutschland

Ich und eine Allgemeine Zeitung

Die FAZ hat sich zum 70. Wiegenfest ein schönes Geschenk geleistet und ihre Geschichte erzählen lassen
Von Otto Köhler
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Hält er die FAZ in Händen? Jedenfalls war Alexander Gauland willkommener Gast bei der Geburtstagsfeier der Zeitung am 31. Oktober (Aufnahme im Bundestag am 22. März 2019)

Ich kenne die Frankfurter Allgemeine, die soeben mit dem AfD-Staatsmann Alexander Gauland ihren siebzigsten Geburtstag feierte, seit nunmehr siebenundsiebzig Jahren. 1943, ich war acht, las ich hochgestimmt, ja berauscht, was ihre Journalisten schrieben. Aus Vichy etwa: »Wir rasen durch das pompöse Kurviertel, Luxus und Komfort an allen Enden, unter jeder Arkade, in jedem Pavillon und um jede Fontäne. Aber nun lustwandeln sie nicht hier, die Juden, die Pariser Kavaliere. Über die Beete mit den Rhododendren, den Feuerbüschen und den Gladiolen flüchten die Poilus, werfen die Gewehre in einen Tümpel, in dem vielleicht Goldfische schwimmen, reißen ihr Kopppelzeug herunter … Und dann funken wir unseren Feuersegen hinüber. Tacktacktack keckern die braven Kanonen, auf die soviel Verlass ist und deren Schießen einem ungeheure Sicherheit verleiht, immerzu tacktacktack.«

Ja, mein Vater kaufte mir damals in Schweinfurt am Rathauskiosk die aufregenden, bunten Hefte der »Kriegsbücherei der deutschen Jugend«. Ich Knirps stürmte im Geiste, nein, von ganzem Herzen mit, als SS-Kriegsberichterstatter Walter Henkels (»38 Mann stürmen Vichy«), auf diese »Negervisagen« traf. Ich erfuhr: »Verschlagenheit und Hintergründigkeit lauern aus ihren Augen. Begabt sind sie in der Kunst, sich zu verstellen.« Und ich war froh, als mein Held den heimtückischen »Zulukaffern« die Flinten aus den Händen nahm und ihnen das Koppelzeug wegriss mit den berüchtigten Haumessern. Glücklich war ich, dass er sie den zuständigen Ordnungskräften übergab: »Die SS-Männer nehmen sich der Gefangenen an.«

Alles gebimst und gedrillt

20 Pfennig kosteten meine Kriegshefte. 20 Pfennig kostete die neue Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland. Das war allerdings schon die Zeit der Deutschen Mark. Walter Henkels, mein Tacktacktack-Held von Vichy berichtete 1948 aus dem Parlamentarischen Rat in Bonn über Beratungen zu unserem neuen Grundgesetz, und schon ein Jahr später wurde er als der »zuverlässigste Bonner Gesellschaftschronist« (Rudolf Walter Leonhardt von der Zeit) Chefkorrespondent der neugegründeten FAZ. Mit seinen »rasch berühmt« gewordenen »Bonner Köpfen« schuf er für das Frankfurter Blatt eine »Erfolgsserie«. So würdigt meinen Helden von Vichy der Würzburger Professor Peter Hoeres in seinem rechtzeitig zum Jubiläum erschienenen Buch »Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ«. Als langjähriger Autor des Blattes war er zuverlässig genug, um als der erste Außenstehende Zugang zum FAZ-Archiv zu bekommen.

Henkels, den ich als mutigen Kämpfer gegen Juden und Negervisagen bewundert habe, setzt in der Zeitung für Deutschland weiterhin auf die »Prägekraft des Soldatischen«. Am Beispiel des FDP-Vorsitzenden Erich Mende etwa, der als Minister der Bundesrepublik das Herumlaufen mit dem von Hitler verliehenen Ritterkreuz gesellschaftsfähig machte.

Kanonen-Henkels war nicht der einzige FAZ-Pionier, den ich von Kindesbeinen an kannte. FAZ-Herausgeber Jürgen Eick machte mich siegessicher, als er schilderte – Kriegsbücherei der deutschen Jugend Nr. 122 »Panzerspähtrupp überfällig« –, wie gekonnt Leutnant Krahmer seine Truppe zusammenstellt: »Auf die Panzer ist Verlass, die Waffen schießen wunderbar, seine Männer sind gut geschult, und ihr Kampfeseifer kennt keine Grenzen. Bereits vor dem Krieg ist alles gebimst und gedrillt worden, so dass jeder Handgriff sitzt.« Ja, »mit diesen Männern ist es für einen Soldaten eine Freude, Krieg zu führen«.

Wir wollen noch

Mein Kriegsmentor Eick ist inzwischen verstorben. Aber die Frankfurter Allgemeine ist dem Geist ihrer Gründer treu geblieben. »Wir feiern Geburtstag: Feiern Sie mit!« mahnt heute die FAZ. Und richtig: Pünktlich unter dem Jubiläumsdatum des 1. November 2019 droht die Titelzeile: »Russland soll wissen: Wir wollen und wir können noch.« Diesmal kämpfen wir nicht allein. Diesmal steht an unserer Seite »Amerika«, gemeint sind die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump. Aber ach, es ist nicht mehr so einfach wie bei Kriegsberichterstatter Jürgen Eick, der mich kindlichen Menschen von acht Jahren so beeindruckte, in unserem Zweiten Weltkrieg.

Problem damals: »Den ganzen Vormittag fahren wir nun schon, und nicht ein Franzmann ist uns vor die Kanone gekommen. Die rostet ja bald ein.«

FAZ-Problem heute: auch der Rost. Nachdem 2013 die letzten US-Panzer Europa wegen der Entspannung verließen, wachsen nun die Kapazitäten und Fähigkeiten wieder an: »Große Materiallager in Belgien und in Deutschland wurden neu befüllt. Sie können ganze Brigaden mit allem, was benötigt wird, versorgen, vom Panzer bis zur Drahtschere.« Aber wie kriegt man die Panzer schnell an die Front, an die Grenzen Russlands? Die FAZ klagt: »Bundeswehr und amerikanische Armee können auch nicht einfach Autobahnen sperren, um schneller voranzukommen.« Sie müssen sogar damit rechnen, »mitten im Urlaubsverkehr Konvois über die Autobahn zu bringen«. Ja, »Sonderrechte« bekommen sie nur, wenn der Bundestag den Spannungs- oder Verteidigungsfall ausruft. Wann denn sonst? Wenn die FAZ den Russen den Krieg erklärt?

Jürgen Eicks Panzer sind im letzten Weltkrieg nicht eingerostet. Aber was hat der lizenzierte Jubiläumschronist beim Gang ins FAZ-Archiv gefunden? Bleiben wir bei dem, was auch mich betrifft. 1970 musste der konservative FAZ-Mitherausgeber Jürgen Tern seinen Hut nehmen, weil er sich für die neue Bonner Entspannungspolitik erwärmte. Er war nicht mehr zuverlässig: Die Gänsefüße, die von den übrigen Herausgebern als wohlerworbenes Eigentum der DDR betrachtet wurden, wollte er nicht mehr setzen. Professor Hoeres berichtet: Der Spiegel habe die »Auffassungsunterschiede« in der Redaktion zum Ärger der FAZ »maliziös« ans Licht gebracht. Maliziös – bösartig. In der Fußnote 32 auf Seite 504 erläutert der Würzburger Gelehrte, was er damit meint: »Der stets« – oh! – »die bürgerlichen Medien verspottende Spiegel-Kolumnist Otto Köhler suggerierte« (laut Duden: »zielte darauf ab, einen bestimmten [den Tatsachen nicht entsprechenden] Eindruck entstehen zu lassen«), dass »an der ›DDR‹-Schreibweise gegen den Willen der meisten, Sanktionen fürchtenden Redakteure festgehalten« werde (siehe Kasten).

Weiter im Text der Hoeres-Fußnote: »Dass man sich von Köhler habe reinlegen lassen, sorgte tags darauf für Ärger in der Dienstagskonferenz der FAZ und zur Klarstellung (des Herausgebers Nikolas; O.K.) Benckisers, dass man weiter ›DDR‹ schreibe, dies sei keine Gewissensfrage.« So zitiert Hoeres das Konferenzprotokoll vom 18. November 1969, erstellt von Hanno Kühnert. Er war der von mir erwähnte, aber hier nicht beim Namen genannte und von mir schon vorher wegen seiner Liberalität geschätzte FAZ-Redakteur, der lieber erst mal die Tür zumachte, bevor er bekannte, die Gänsefüße seien: »kleinkariert«.

Herausgeber Jürgen Tern, der schon vorher für Verzicht auf die unverzichtbaren Gänsefüße eingetreten war und auch noch das »Willy-Willi-Treffen« zwischen Bundeskanzler Brandt und DDR-Ministerpräsidenten Stoph im März 1970 in Erfurt als »Überwindung der Furcht« gelobt hatte, wurde bald darauf von seinem gleichberechtigteren Mitherausgeber Erich Welter unmittelbar vor seinem Urlaub vor die Tür gesetzt. Natürlich nur im »Einverständnis« (Hoeres) mit dem ehem. Wehrwirtschaftsführers Karl Blessing (NSDAP, Freundeskreis Reichsführer SS, sachverständiger Teilnehmer an der Göring-Konferenz zur »Reichskristallnacht« vom 9. November 1938, nach 1945 Bundesbankpräsident und FAZ-Verwaltungsrat). Auch die Mitherausgeber Jürgen Eick und Karl Korn durften zustimmen.

Letzterer allerdings verfügte über ein zartes Gewissen. FAZ-Lesern tat sich der empfindsame Herausgeber 18 Tage nach Terns Exmittierung im Gleichnis kund: »Dieser Tage mussten wir den jungen Kirschbaum verloren geben.« An der »wenig beachteten« Rückseite des Stammes, die »der Mauer zugekehrt« war, habe sich nämlich »eine krebsige Geschwulst« gebildet – der Leser weiß: Kollege Tern war, vom Entspannungsgeschwür befallen. Oder wie es heute FAZ-Chronist Hoeres formuliert: »Tern preschte aber nun in der neuen Ostpolitik vor«. Korn damals: »Schließlich hieb der Hausherr den jungen Stamm um.« Leicht fiel dies dem Hausherrn nicht, freilich – es musste sein.

Kollege hat Krebs

Der Spiegel berichtete damals über den Hinauswurf Terns, und ich nahm mich in meiner Kolumne Korns Gejammer über den verloren gegebenen Kirschbaum an. Hoeres sieht das heute so: »Linksaußen Otto Köhler legte noch nach und holte Korns ›Jud Süß‹-Rezension und die spätere Rechtfertigung wieder heraus, um Korns Abstimmungsverhalten gegen ›Terns Liquidierung‹ zu skandalisieren.« Selbst ein Lehrstuhl in Würzburg enthebt nicht der Minimalkenntnis der eigenen Muttersprache. Wenn Hoeres gravitätisch formuliert: »Korns Abstimmungsverhalten gegen ›Terns Liquidierung‹«, dann müsste er auch verraten, dass es sich um sein »Abstimmungsverhalten« nicht gegen, sondern für das Abhauen des jungen Baumes handelt.

Diesen furchtbaren Vergleich »skandalisierte« ich, dass der sorgsame Hausvater Karl Korn den jungen Baum, den Kollegen Tern, umhauen musste, weil der Krebs hat: die neue Ostpolitik. Und dies auch noch seinen Feuilleton-Lesern als bewegendes Gleichnis darbot. Ein solches Gespräch über Bäume war – wie Brecht lehrt – tatsächlich ein Verbrechen. Die fürchterliche »Jud Süß«-Rezension, die Karl Korn 1942 für Goebbels’ Reich geschrieben hatte, war schon hinreichend bekannt – ich erwähnte sie nur mit wenigen Zeilen.

Hoeres: »Korn revanchierte sich, mit der Glosse ›Die Schmähmaschine‹, in der Köhlers Name nur in der Metapher ›Köhlerglauben‹ vorkam.« Nein, Korn hatte für mich einen viel besseren Namen bereit: »Bei Homer hieß der Mann Thersites. Er gab dem Typ des vorlauten, feig grausamen, großmäuligen Schwätzers den Namen. Thersites ist der Lästerer von Charakter und Profession. Er verlästert den Agamemnon und erhält von Odysseus Prügel.«

Thersites? Ich hatte da auf dem humanistischen Gymnasium in Schweinfurt etwas verschlafen. Thersites? Ich griff mir die Ilias, las nach und war begeistert. Ich, Thersites? Thersites, das war der Soldat, der an der Front vor Troja, aufstand, den Abbruch des Feldzugs forderte, die sofortige Rückkehr aus dem Feindesland, zurück in die Heimat, aus dem Krieg in den Frieden. Thersites, der große Deserteur, der seinen Kameraden verkündete, dass die Feldherrn – Agamemnon und Odysseus – ja doch nur Beute wollten, Gold und Weiber, und dass sie dafür sterben müssten.

Aufs Maul schlagen

Und Karl Korn erkannte sich in Odysseus wieder, der mit dem Szepter Agamemnons auf mich einschlägt, bis ich mich nicht mehr rühre. Eine hübsche Phantasie. Aber unsere Redaktionen – er in Frankfurt, ich in Hamburg – standen zu weit auseinander, direkte Handgreiflichkeiten verboten sich. Ich war froh, ich, Thersites, der Deserteur, und Karl Korn klagte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland: »Auch Odysseus kann es sich kaum mehr leisten, dem Thersites aufs Maul zu schlagen.« Kaum.

Die Frankfurter Allgemeine fand einen geeigneten Rezensenten für das Hoeres-Opus, das ihre Geschichte darbietet, den sachverständigen Mainzer Lehrstuhlbesitzer Andreas Rödder, der für die bedeutende rheinland-pfälzische Weinkönigin Julia Klöckner bei den Landtagswahlen 2011 und 2016 den Schattenminister für Bildung, Wissenschaft und Kultur gab. Er urteilte über das Hoeres-Werk mit mutmaßlich ausgesucht feiner Ironie: »Hinter dieser ebenso facetten- wie gedankenreichen und in vieler Hinsicht höchst lesenswerten Geschichte steckt offenkundig ein kluger Kopf.«

Offenkundig. FAZ-Autor und -Historiker Hoeres ist ein kluger Kopf, immer korrekt, wenn es um die großen Themen des Blattes geht. Die Affäre um den noch im Mai 1945 erfolgreichen Marinerichter und Henker Hans Filbinger (NSDAP/CDU) war eine »Zäsur in der Bewertung der Vergangenheit«, eine »vergangenheitspolitische Skandalisierung«, »mit vielen Fehlern und Ungenauigkeiten in der Publizistik von 1978«. Ja, »auch heute noch« neigen Autoren dazu, »pauschalisierend dem anklagenden Duktus Rolf Hochhuths zu folgen, ohne den juristischen und historischen Kontext genauer zu prüfen«. Genauer! Genau zu prüfen genügt nicht, um der »Kampagne« entgegenzutreten »einen antikommunistischen Law-und Order-Konservativen als NS-Täter zu entlarven«.

Und zur Wehrmachtsausstellung: »Die Verbrechen der Wehrmacht wurden ausgestellt, wobei« – und das ist entscheidend – »Partisanenkrieg und Verbrechen der Roten Armee, welche die Gewaltdynamik im ›Unternehmen Barbarossa‹ erst erklären, eskamotiert wurden«. Kurz, der Russe war selber schuld, dass Wehrmacht und SS-Einsatzgruppen sich an seine Ausrottung machen mussten. Die FAZ schaltete sich ein und dadurch, freut sich Hoeres, geriet die Ausstellung »derart unter Druck, dass sie schließen musste«. Hoeres froh: »Die FAZ hatte nicht nur erfolgreich Agenda Setting betrieben, sondern entscheidend zur Schließung der Ausstellung beigetragen.«

Die Zukunft der FAZ? Für Hoeres scheint sie in einer Fusion der Frankfurter Allgemeinen mit der Jungen Freiheit zu liegen: »Eine konservative Zeitung von morgen wäre angesichts eines dominanten linken und linksliberalen Politik- und Medienbetriebes nicht mehr status-quo-orientiert und vordergründig staatstragend. Vielmehr wäre sie eine Oppositionszeitung gegen den Zeitgeist und seine Sprachdiktate. Sie wäre damit eine anarchische und unkonventionelle Zeitung, die alternative Sichtweisen, vergessene Einsichten und originelle Begriffe vorbringt. Eine aufregende Zeitung.« Die Frankfurter Allgemeine als Alternative für Deutschland. Mit Alexander Gauland als Partylöwen.

Hoeres hat am Ende noch einen verständlichen Wunsch: »Hoffen wir, dass die Verfilmung der (FAZ-)Frühgeschichte mit den von uns vorgesehenen Schauspielern (Heinrich George? Veronica Ferres?) nach den von uns geschriebenen Drehbüchern bald kommt!«

Glück auf!

Peter Hoeres: Zeitung für Deutschland. Die Geschichte der FAZ. Benevento-Verlag, Salzburg, 600 Seiten, 28 Euro

Otto Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 18. Oktober über das Schweigen des Spiegel über neue Erkenntnisse zum Reichstagsbrand.

Der Spiegel 17.11.1969, Seite 69

Otto Köhler

UNGENEHMIGTER TEXT

Mitmenschen, denen der Einfall kommt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung abzubestellen, gibt der Vertrieb zu bedenken, ob die FAZ »nicht doch wertvoll für Sie ist«, zumal »hinter jeder Meinung, die in unserer Zeitung mit Namen oder Signum vertreten wird, ein Mensch steht, der sein Gewissen in die Waagschale wirft«.

Da möchte man schon erfahren, was solch ein Gewissen wiegt. FAZ-Redakteure, auf ein fossiles, für ihr Haus jedoch wichtiges Problem angesprochen, erteilten Auskunft. FAZ-Leser sind es gewohnt, die einst so anstößigen Buchstaben DDR auch heute noch schamhaft in Gänsefüße gehüllt zu sehen. Warum? Gibt es für solche Schreibweise bei der FAZ eine verbindliche Regelung? »Ja, das gilt für das ganze Blatt«, sagte Dr. Günther Rühle, zuständig für das allgemeine Feuilleton. Doch aus seinem Nachbarressort wusste er von einer Freizügigkeit zu berichten. Wenn dort »ein Autor« keine Anführungsstriche gesetzt wissen will, dann wird auf ihn »Rücksicht genommen« – »aber bei redaktionellen Beiträgen geht es immer mit Anführungszeichen«.

Dr. Karl Heinz Bohrer, verantwortlich für die Literaturblatt-Oase, sah das Gänsefuß-Problem differenzierter: »Ja, ich komme im allgemeinen nie in die Verlegenheit, das zu schreiben, weil ich kaum mit DDR zu tun habe. Ich bin ja hier in der Literatur. Persönlich, wenn ich DDR schreiben würde, da würde ich wahrscheinlich DDR ohne schreiben.«

Warum aber schrieb er dann am 13. Oktober in einem Feuilleton-Beitrag DDR mit Gänsefüßen? Bohrer: »Das ist ein Automatismus. Bis in Bonn nicht offiziell eine andere Erklärung herausgegeben wird, werden solche Sachen von den meisten Feuilleton-Redaktionen automatisch auf Anführung gesetzt. Also ich persönlich mache das nicht.« Aber ist es ihm nicht unangenehm, Anführungsstriche hineinkorrigiert zu bekommen? Bohrer: »Nein … diese Art von liberalem Gratismut, der ist mir fern. 1955 wäre das interessant gewesen, aber heute nicht.«

Für den FAZ-Rechtsexperten Dr. Hanno Kühnert ist das weniger historisch: Er »persönlich« findet die Gänsefüße »auch schlecht«. Aber: »Es ist schwierig bei uns, und es ist wahrscheinlich im Moment nicht drin, wenn man einen Vorstoß machen wollte, das zu ändern.« Gemeinsinn geht vor Eigensinn, denn: »Bei uns ist natürlich eine gewisse Solidarität notwendig – unabhängig von der eigenen Meinung schreiben wir DDR nach wie vor mit Anführungszeichen.« Immerhin, »bei Leserbriefen, Dokumenten und so was, da wird es natürlich nicht reingemacht«. Warum aber trug Brandts Regierungserklärung in der FAZ DDR-Anführungsstriche, die ihr im Original fehlten? Die Redaktion hatte eben keine Zeit, die Gänsefüßchen nicht hineinzuredigieren. Kühnert: »Wenn es in der schönen Ruhe, wie Sie Ihre Zeitung machen, gemacht wäre, dann würden sie bei uns vermutlich auch nicht stehen.«

Exkurs: Zwei Stunden später ein Fernschreiben aus Frankfurt: »wir, karl heinz bohrer und hanno kuehnert, stellten soeben fest, dass wir beide in sachen ddr angerufen wurden. unsere persoenlichen erklaerungen zu ihren fragen duerfen von ihnen fuer eine veroeffentlichung nur benutzt werden, wenn wir den dazu vorgesehenen text vorher gegengelesen und ihn genehmigt haben.« Kühnert zuvor im Gespräch: »Ich persönlich halte dafür, immer frei und ungezwungen meine Meinung zu sagen, aber man muß da politisch denken.«

Ein verängstigter FAZ-Redakteur – sein Name sei diskret verschwiegen – dachte besonders politisch. »Das ist nicht so ein ganz einfaches Problem. Warten Sie mal, Moment, ich will mal eben zumachen.« Als die Tür geschlossen war, fand er die Striche »kleinkariert«. Doch er bat um Rücksicht beim Zitieren. »Sie können mich da ganz übel reinlegen.«

Dr. Karlheinz Renfordt, West-Berliner FAZ-Korrespondent für die DDR, antwortete auf die Gänsefuß-Frage: »Da muss ich ganz ehrlich sein, ob ich es mit oder ohne Anführungszeichen schreibe – in der Zeitung erscheint es mit.«

Renfordt, der zum Thema »Gandhi, ein Publizist der Tat und des Beispiels« promoviert hatte, besitzt auch eine persönliche Meinung: »dass man es ohne Anführungsstriche schreiben sollte«. Müsste sich seine Meinung im Blatt nicht kundtun? Renfordt: »Na ja Gott, sicher kann man es kundtun, daran ist auch gar kein Zweifel, es ist doch nur eine Frage, ob also erstens gibt es eine ganze Reihe von Gründen, dass man es anders macht …«

Einer wenigstens hat keine Schwierigkeiten beim Setzen der Gänsefüße. Dr. Alfred Rapp »Leiter der Bonner Redaktionsvertretung« auf die Frage, ob er DDR mit oder ohne schreibe: »Wie die Zeitung, wie unsere Zeitung!« Und das entspricht auch seiner eigenen Meinung? Rapp, entrüstet über die Zumutung, eine Meinung zu haben: »Wenn ich schreibe, gibt es das nicht.«

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