Gegründet 1947 Donnerstag, 21. November 2019, Nr. 271
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Minima Ornithologica

Einfach machen lassen

Minima ornithologica: Hoch oben auf dem Pflaumenbaum
Von Jürgen Roth
plums-4521390_1920.jpg
Ein wenig verwachsen, zottelig, ungepflegt, kurz: Nicht übertrieben auf Wohlgestalt und Proportionen erpicht

Zeit verstreicht höchst anschaulich. (…) Die große Mehrheit alles Tönenden bedeutet augenblickliches, aktuelles Geschehen!

Rudolf Arnheim: Rundfunk als Hörkunst

In Brechts »Svendborger Gedichten« findet sich das karge Poem »Der Pflaumenbaum«: »Im Hofe steht ein Pflaumenbaum / Der ist klein, man glaubt es kaum. / Er hat ein Gitter drum, / So tritt ihn keiner um. // Der Kleine kann nicht größer wer’n. / Ja, größer wer’n, das möcht er gern. / ’s ist keine Red’ davon / Er hat zu wenig Sonn’. // Den Pflaumenbaum glaubt man ihm kaum, / Weil er nie eine Pflaume hat. / Doch er ist ein Pflaumenbaum / Man kennt es an dem Blatt.«

Werner Mittenzwei hat darauf hingewiesen, dass es sich hier um einen Pflaumenbaum im »Hinterhof eines billigen Großstadtviertels« handelt: »Eingelassen in den Asphaltboden, lichtarm vegetierend im Schatten der hohen Hauswände, eine kümmerliche Anspielung auf eine Natur, für die auf teurem Grund und Boden kein Platz bleibt. Beschützt muss er werden durch einen Zaun, damit niemand ihn anrempelt und knickt. Seine Kraft reicht nicht, um Frucht zu tragen, identifizieren kann man ihn an der Form des Blatts. Der Singular des Blatts ist Ausdruck tiefer Resignation.«

Die Last der Früchte

Und Mittenzwei fuhr fort: »Der Baum ist klein, man sieht ihn kaum, man nimmt ihn kaum wahr. Er kann nicht größer werden, es ist zuwenig Licht. (…) Dies alles steht nun in diesen zwölf Zeilen mit den kindlichen Reimen, in diesen abgrundtief traurigen Zeilen. Einem Wesen wird versagt, sich zu entwickeln, zu sein, was es seiner Natur nach sein könnte.«

Der Pflaumenbaum ist, ist anzunehmen, in der Regel ein Nutzbaum, sofern man »Nutzbaum« sagt, so, wie man »Nutztier« sagt. Er ist jedoch bisweilen zudem, insbesondere als Solitär, der frei, der unbehelligt, der lichtumflutet im Zentrum des Gartens über das Grundstück wacht, etwas ungemein Ansehnliches und Freudespendendes – ein wenig verwachsen, zottelig, ungepflegt, kurz: nicht übertrieben auf Wohlgestalt und Proportionen erpicht.

Unseren Pflaumenbaum hat der Großvater vor siebzig oder achtzig Jahren gepflanzt. Dezennienlang stand er hinter der Scheune, nun grüßt er schon seit vielen Jahren in den offenen Hof hinein. Zuverlässig und genügsam spendiert er im Sommer Kühle, in seiner Krone springen bei hellem Wetter die Lichtreflexe umher, ein ganz leichtes Spiel der Kontraste ist da immer wieder aufs neue zu beobachten.

Vor ungefähr zehn Jahren aber wurde ihm die Last der Früchte zum erstenmal zu groß, und er warf einen knorrigen, oberschenkeldicken Ast ab, einen Prügel von Ast. Das wiederholte sich in unregelmäßigen Abständen, zumal bei sommerlichen Unwettern, und während eines Gewitters hat es ihn zuletzt in der Mitte regelrecht zerrissen. Seither klafft an seiner rückwärtigen Seite – zum Schulgässchen hin – eine lange, mit Furchen und splitternden Bruchstellen durchzogene Wunde, die von Buntspechten und Kleibern gutgeheißen wird.

Wer glaubte, er werde jetzt aufgeben, hatte sich getäuscht. Kurze Zeit später spross direkt am Stamm ein Schössling, der unterdessen beinahe bis in die schlanke und, obgleich nach wie vor gerupfte, stolze Krone hinaufgeschossen ist (klar, der Fachmann riete: absägen, rausschneiden), und vergangenes Jahr entdeckten wir sechs Meter entfernt entweder einen Keimling oder einen geschobenen Wurzelausläufer.

Der neue Pflaumenbaum darf sich unter der Obhut seines rüstigen Vaters entwickeln, wie er will. Nach zwölf Monaten misst er nun 2,70 Meter, der Racker.

Man muss nicht nur von der Natur, wie Brecht sagte, »einen sparsamen Gebrauch (…) machen«, man muss sie wenigstens in Gärten und Parks auch in Ruhe und einfach machen lassen. Dann schaut man der unmerklichen Kraftentfaltung und dem unreglementierten Treiben zu. In all den Formen und Bewegungen drückt sich unendlich viel mehr aus, als die auf biotische Funktionen fixierten Verwurster und Verwerter jemals wahrzunehmen vermögen werden.

Und doch nisten sich in die betörende Unwägbarkeit, in diese poetische Unzuverlässigkeit der Natur jedesmal wieder überraschende Momente der Stetigkeit ein, vorsichtig gedehnte Augenblicke der Jetztzeiterfahrung, mit denen man nicht gerechnet hat und die einem, weil sie Erinnerungen hervorrufen, kleine Erinnerungen, ein Gefühl von fröhlicher Bindung an das Draußen einflößen, an das konkrete Dort, an das trotz seiner Wandelbarkeit in gewisser Weise konstante Das-Da.

Dieses Das-Da ist dieser Pflaumenbaum in diesem Garten mit dieser Geschichte und mit dieser Fortentwicklung, und in jedem Spätsommer sind sie, ohne dass wir daran gedacht hätten, auf einmal – Überraschungsei! – da, sitzen auf einmal da oben, auf den filigranen, im leichten Wind schwofenden Trieben, die redelustigen Stieglitze.

Pflaumenfinken sind das

Was für Kameraden, was für Schwatzbrüder und -schwestern. Einmal rückte eine ausgelassen lautgebende, in die Idee der Geselligkeit verliebte Familie an, in der einen Vormittag lang vielerlei zu verhandeln war (wo geht’s heuer im Urlaub hin? Heute abend zum Italiener oder zum Griechen?), ein andermal ließ sich da oben eine geringfügig sittsamere Stieglitzsozialformation nieder (Diskussionen über Sparguthaben und Anverwandtes, vermutlich), und heute morgen gegen zehn hockten sie da zu zweit: links, auf dem höchsten, gen Pastellhellblauhimmel gerichteten Ästlein, ein standhaft buddhistischer, mithin in sich einwandfrei geistig gefestigter und darob jedweder Artikulation abholder Stieglitz, rechts, eine Treppenstufe tiefer, zentral postiert, sein dafür um so kundgabestärkerer, geradezu narrisch plaudernder und parlierender und derweil prima posierender, den Kopf unentwegt hierhin und dorthin wendender und mit dem Schwanz behende wippender und weiß Gott was über die Umgebung mitteilender und von unerhörten, ja skandalösen Geschehnissen jüngeren Datums berichtender und künftige Abenteuer ausmalender Weg- beziehungsweise Fluggefährte.

Herrje, der machte die Schweigsamkeit seines Zuhörers wahrlich wett, ein »Stellvertreter« (R. Hochhuth) seiner göttlichen Art par excellence. Er plapperte und schwafelte, verrührte die Töne wie ein Fernsehkoch auf Meth und schmiss sie dann ins Luftreich hinein, sie rieselten herab und strömten hin und her und stoben durch die Gegend, und unser Topzufriedenheitsfred und High-end-Entertainer fand kein Ende, dudelte, knarrte, pinselte Schnörkel, trillerte und wagte wilde Intervallsprünge, flötete, knätschte, zwitscherte, stakkatierte, näselte und schwalbelte, ausdauernd und ausdauernd und beharrlich und beharrlich, ein filibusternder parlamentarischer Rambo, eine Mischung aus Wellensittich, Avantgardekomponist und Haudrauf, und könnte ein Jungbrunnen singen, so sänge er.

Stieglitze? Stachelige Distelfinken? Ach was! Pflaumenfinken sind das!

Mehr aus: Feuilleton