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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 8 / Inland
Kampf um Hambacher Forst

»Die Bagger stehen keine 50 Meter vom Wald entfernt«

Braunkohleabbau statt Umweltschutz: Anwohner bedrohter Dörfer in NRW protestieren am Sonntag. Ein Gespräch mit Birgit Cichy
Interview: Gitta Düperthal
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Demonstration der Initiative »Alle Dörfer bleiben« nahe Keyenberg (23.3.2019)

Allen Appellen zum Umweltschutz zum Trotz werden weiter Fakten für den Braunkohleabbau geschaffen: Bagger zerstören den Hambacher Forst, naheliegende Dörfer müssen weichen. Aus Protest dagegen laden Sie am Sonntag zum »Spaziergang« in die Ortschaft Keyenberg am Tagebau Garzweiler II ein. Mitdemonstrieren wird auch die »Sea-Watch«–Kapitänin Carola Rackete. Wie kam es dazu?

Wir haben Carola Rackete eingeladen, weil sie für Menschenrechte eintritt. Sie hat die gleichen Ziele wie wir. Uns geht es darum, Zusammenhänge aufzuzeigen: Die Flucht vieler Menschen hat etwas mit dem rheinischen Braunkohlerevier vor unserer Haustür zu tun. Der Konzern RWE, der hier tätig ist, ist als einer der größten CO2-Emittenten mitverantwortlich für den Klimawandel und in der Folge dafür, dass Menschen in ihrer Heimat die Lebensgrundlagen verlieren und über das Mittelmeer flüchten müssen. Wir kooperieren auch mit der Umweltrechtsorganisation »Client Earth«, deren Aktivisten sich als »Anwälte der Erde« bezeichnen.

Um was geht es bei dieser Kooperation?

Ein Mitstreiter der Gruppe »Menschenrecht vor Bergrecht« – ein Zusammenschluss von Bewohnern bedrohter Dörfer und Höfe am Tagebau Garzweiler II – besitzt ein Grundstück zwischen dem Tagebau und der Ortschaft Keyenberg. Dieses ist akut bedroht. Mitte des Jahres fanden wir zusammen, damit das Mitglied nicht allein in der Auseinandersetzung mit dem Konzern dasteht. Wir sind bereit, bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, um klären zu lassen, ob Enteignungen für den Braunkohleabbau noch verfassungsgemäß sind. Wir haben klargemacht, dass dieses Grundstück nicht verkauft werden wird. Ziel ist, auch den dahinterliegenden Ort Keyenberg zu erhalten.

Wie reagierte der Konzern darauf?

RWE hatte zunächst 2.500 Euro für das Grundstück geboten. Vermutlich wird der Konzern noch mehr bieten, um zu signalisieren, alles versucht zu haben. Sonst könnte das Enteignungsverfahren nicht bei den zuständigen Behörden in Arnsberg angemeldet werden, die für die Durchführung zuständig sind.

Wir werden die Angebote weiter ablehnen und gegen eine mögliche Enteignung klagen. Eine solche hat mit der Wahrung des »Gemeinwohls« überhaupt nichts zu tun. Menschen wegen der Braunkohleverstromung aus ihren Häusern zu vertreiben, um den Klimawandel zu beschleunigen: Das zerstört unsere Lebensgrundlagen.

Wie ist die Situation für Sie als Anwohnerin?

Die Bagger stehen keine 50 Meter mehr vom Hambacher Wald entfernt. Nach meinem Eindruck versucht RWE Macht zu demonstrieren und Menschen einzuschüchtern. Die verantwortlichen Politiker lassen den Konzern immer weiter Tatsachen schaffen. Der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Armin Laschet von der CDU, versprach uns, seinen Einfluss geltend zu machen und zumindest Gespräche zu vermitteln. Bisher ist aber nichts passiert, obgleich der Wald im sogenannten Kohlekompromiss als erhaltenswürdig benannt wurde. Je näher sich RWE heranbaggert, um so teurer wird es, den Wald zu erhalten. Böschungen müssen wieder aufgeschüttet werden. Mit normalem Menschenverstand ist all das nicht nachzuvollziehen.

Geht es mit dem Widerstand weiter?

Klar. Andere Organisationen wie »Alle Dörfer bleiben«, die an ähnlichen Zielen arbeiten, werden zu Aktionen aufrufen, wenn die Verbindungsstraße von Keyenberg nach Lützerath zurückgebaut wird. Auch »Ende Gelände« und »Fridays for Future« werden im Rheinland weiter protestieren, um den Wahnsinn zu stoppen.

Die übergroße Mehrheit der Aktiven bei »Menschenrecht vor Bergrecht« sind Frauen. Wie ist das zu erklären?

Nicht nur in unserer Organisation, sondern in der gesamten Klimabewegung sind Frauen stark vertreten. Viele von ihnen wollen Werte bewahren: Wir wollen unsere Kultur, unser Zuhause, die Erde insgesamt schützen. Manche haben sich schon vor zehn Jahren beim Spaziergang im Wald getroffen. Wir tauschen uns untereinander aus und geben uns gegenseitig Kraft.

Birgit Cichy ist in der Anwohnerinitiative »Menschenrecht vor Bergrecht« aktiv und lebt in Wanlo nahe dem Tagebau Garzweiler II in Nordrhein-Westfalen

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