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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 4 / Inland
Another Blick on the wall (7)

Die Frontstadt zeigt ihr Gesicht

jW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter blicken zurück auf den November 1989
Von Stefan Huth
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jW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter aus Ost und West erinnern sich an die Zeit rund um den 9. November 1989. Im siebten Teil der Serie blickt Stefan Huth zurück. Im Mai 1989 rief ihm ein DDR-Grenzer vom Wachturm zu: »Komm doch rüber!« Heute ist er jW-Chefredakteur.

»Was, du hast das noch gar nicht mitbekommen?« Donnerstag abend, ein Freund aus Hamburg an der Strippe. Er kann kaum fassen, dass mich die Nachricht nicht erreicht hat in meiner Studentenwohnung in Spandau. »Die Mauer ist auf! Un-glaub-lich!« Was er da sagt, klingt wie ein schlechter Scherz. Frank hat die Bilder von der Grenzöffnung im TV gesehen, das mich nicht interessiert, ich habe auch keinen Fernseher. Die Nachricht trifft mich wie ein Schlag.

Frühjahr 1989: Mit dem Ende meines Zivildienstes zog ich von München zum Studieren nach Westberlin. Für die DDR hegte ich seit langem Sympathien. Neugierig war ich und wollte wissen, wie das Leben dort aussah. Nunmehr offiziell Westberliner, waren Besuche mit meinem »vorläufigen Personalausweis« ein leichtes. Das Dokument – es hatte keinen Bundesadler – gab mir die Möglichkeit, qua »Mehrfachberechtigungsschein« Visa für die Hauptstadt der DDR zu beantragen. Das reduzierte den obligatorischen Valuta-Umtausch von 25 auf fünf D-Mark. Ich nutzte das ausgiebig, lernte in Ostberliner Kneipen und anderswo interessante Leute kennen; der soziale Umgang war hier einfach ein anderer. Es schien irgendwie menschlicher zuzugehen, ohne Konkurrenzdruck und das ständige Profilierungsgehabe, das mich nicht nur an der »Freien Universität« so nervte. Ich war fasziniert und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, überzusiedeln.

Mit diesem 9. November war nun klar: Das konnte ich mir abschminken. Die Messen waren gesungen und das Ende des anderen Deutschlands nur noch eine Frage der Zeit.

Aber ein Bild von der Lage wollte ich mir schon machen. Also flugs mit dem Fahrrad zum nächsten Übergang an der Falkenseer Chaussee. Menschenmassen auf der Westseite – doch von wegen Grenzöffnung. Was mir begegnete, war ein aggressiver, teils alkoholisierter Frontstadtmob, der die Mauer mit Vorschlaghämmern und Spitzhacken traktierte. Stellenweise war es diesen Leuten gelungen, den Beton zu durchbrechen. »Ein Tag, so wunderschön wie heute« wurde gegrölt, Lynchstimmung lag in der Luft. Durch das Stahlgeflecht in der durchlöcherten Mauer sah ich ein Spalier von verängstigt wirkenden DDR-Grenzern, Flutlichtstrahler tauchten die Szene in gespenstisches Licht. Rasch suchte ich das Weite.

Regulär wurde die Grenze an dieser Stelle erst am 13. November geöffnet. Das fand dann ohne mich statt. Gehämmert wurde in diesen Tagen, so schien es, in der ganzen Stadt: »Mauerspechte« machten sich mit schwerem Besteck an der Grenzbefestigung zu schaffen und vertickten die bemalten Betonsplitter zu grotesk hohen Preisen. Der große Ausverkauf konnte beginnen.

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