Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 04.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Filmgeschichte

Jetzt wird’s gemischt

Ein neues Buch über Volker Koepp wird in Berlin vorgestellt
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Für Zufälle offen: Dokumentarfilmer Volker Koepp

Die Werkbiographie war überfällig. Mehr als 60 Dokumentarfilme hat Volker Koepp mittlerweile gedreht, darunter der legendäre siebenteilige »Wittstock-Zyklus« (1975 bis 1997) und der Welterfolg »Herr Zwilling und Frau Zuckermann« (1999). All diese Filme sind auf die wunderbarste Weise unzeitgemäß, auch die neuesten über die Uckermark (»Landstück«, 2016) oder die Ostsee (»Seestück«, 2018). Sie bestätigen die Redewendung von der Ruhe, in der die Kraft liegt. Es geht da zum Beispiel um flache Landschaften, die erst mal nichts Besonderes sind, aber in der Totalen, die eine ganze Zeit lang stehen bleibt, biegt sich das Schilf in einem Licht im Wind, wie man das irgendwann zum ersten Mal gesehen hat. Man hört, was kreucht und fleucht und dann die schnoddrig-warme Stimme Koepps, der aus der Geschichte dieser – vorzugsweise osteuropäischen – Landschaft erzählt. Das Kleine, Nebensächliche wird recht lakonisch mit dem großen Ganzen in Bezug gesetzt. So entsteht Poesie, als wäre es das Selbstverständlichste. Aber das ist nur die eine Hälfte der Könnerschaft dieses Filmemachers. Die andere: Er kann mit Menschen.

In dem neuen Buch »Unter hohen Himmeln« (Bertz und Fischer) geht es an einer Stelle um Koepps Ankunft bei der Defa. Er hatte Maschinenschlosser gelernt, in Babelsberg Filmregie studiert und stand dann 1970 im Dokumentarfilmstudio in einem Türrahmen, wie sich die Dramaturgin Anne Richter in einer für den Band organisierten Gesprächsrunde erinnert. Sehr langsam habe dieser süße Typ von Mitte 20 damals die Augen aufgeschlagen und damit seine langen Wimpern zur Geltung gebracht. »Jetzt wird’s gemischt«, ruft Koepp dazwischen, und muss sich sagen lassen, »dass fast alle ›Wittstock-Frauen‹« ein bisschen in ihn verliebt gewesen seien.

Sein Verhältnis zu den Textilarbeiterinnen war – wie das zu allen seinen Helden – vor allem freundlich, unvoreingenommen. Wie unverstellt sie vor der Kamera über ihre Arbeits- und Lebenswelt plaudern, ist nachgerade verblüffend. Elsbeth (»Stupsi«), Edith und Renate würden »selbst in Strickpullover und Kittelschürze Würde« ausstrahlen, heißt es in »Unter hohen Himmeln«, als wäre das schier unmöglich. Ein Gespräch mit den dreien fehlt darin leider. Das sind aber auch die einzigen Makel. Protokolliert wurden lebhafte Runden mit Kameramännern, Produzenten, Redakteuren etc. Man war, wie der Meister selbst, für Zufälle offen, schreibt die Herausgeberin des Bandes, Grit Lemke. Der Leser könne sich »treiben lassen wie durch einen Koepp-Film«. Das stimmt und ist ein großes Glück. (xre)

Buchvorstellung mit Volker Koepp, Grit Lemke und vier Porträtfilmen aus den Jahren 1974 bis 2007: heute, 19 Uhr, Kino Arsenal, Potsdamer Platz, Berlin

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