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Aus: Ausgabe vom 04.11.2019, Seite 8 / Ansichten

Ignoranz und Zynismus

Flucht in die EU
Von Michael Merz
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In einem libyschen Flüchtlingslager (Benghasi, Januar 2018)

Vor etwas mehr als einer Woche hatte ein syrischer Kurde versucht, sich vor dem Gebäude des UN-Flüchtlingshilfswerks in Genf selbst zu verbrennen. Die Nachricht war bestenfalls eine Randnotiz. Bis dato versuchte niemand, Beweggründe dafür in Erfahrung zu bringen. Anzunehmen ist eine Verzweiflungstat, die auf die dramatische Situation der Menschen, die angesichts türkischer Aggression ihr Land verlassen, aufmerksam machen sollte. Anfang vergangener Woche schickten dann die Seenotretter der »Alan Kurdi« Videobilder in die Welt. Sie dokumentieren, wie Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gezogen werden, während ihnen die Kugeln der Maschinengewehre libyscher Milizen um die Ohren pfeifen. Es interessiert verantwortliche Politiker und Meinungsmacher nicht die Bohne. Statt dessen hieven Spiegel und Zeit Titelgeschichten in ihre Blätter, die die einfangen sollen, die sich angesichts imaginierter »politischer Korrektheit« in ihrer Meinungsfreiheit akut gefährdet sehen. Kai Wegner wird sich als solcher betrachten. Er ist Präsident der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft Berlin sowie CDU-Chef der Hauptstadt und behauptete vergangenen Mittwoch allen Ernstes, Seenotretter erfüllten »Taxidienste«.

Gleichgültigkeit, Ignoranz und Zynismus gehen Hand in Hand. Es läuft ja alles, wenn man nicht so genau hinschaut. Die »Alan Kurdi« durfte am Sonntag, eine Woche nach den Szenen auf See, mit 88 Geretteten endlich in Italien anlegen. Die, die die Wellen zwischen Afrika und Europa verschluckt haben – von 2014 bis Ende Oktober 2019 insgesamt 19.005 gezählte Opfer – sind sowieso weg. Und für Leute wie Kai Wegner ist das Mittelmeer wieder schön blau. Dann gibt es die, mit deren Tod kein Europäer in seiner Meinungsfreiheit behelligt wird. Ihnen ist der Saharasand zum Leichentuch geworden. »Wir gehen davon aus, dass vermutlich mindestens doppelt so viele Menschen auf dem Weg zum Mittelmeer sterben als im Mittelmeer selbst«, sagte der Sondergesandte des UNHCR für die Region, Vincent Cochetel, der Welt am Sonntag. Die Zahl der Todesopfer auf den Flüchtlingsrouten in Afrika könne aber »auch viel höher« sein. Von ihnen kriegt keiner was mit.

Wie praktisch für die EU. Sie ist in der Nach-Salvini-Ära wieder zum Tagesgeschäft des Stillschweigens übergegangen. Denn eines hatte der frühere italienische Innenminister immerhin bewirkt: Seine rassistische Hetze führte noch im Sommer zu einer breiten medialen Solidarisierung mit Flüchtlingsaktivisten. Das ist längst vorbei. Die Übergangslösung für Bootsmigranten, von Horst Seehofer (CSU) ins Spiel gebracht, war erwartungsgemäß heiße Luft. Was soll man auch von einem erwarten, der Migration die »Mutter aller Probleme« genannt hat. Und die ausgewogene Verteilung der Flüchtlinge auf die Mitgliedsstaaten läuft wie immer – gar nicht. Geschweige denn, dass der Staatenbund sich ernsthaft den Ursachen für Flucht widmet.

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