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Aus: Ausgabe vom 04.11.2019, Seite 4 / Inland
Kampf um Rojava

Ruf nach Solidarität

Aktivisten berichten in Frankfurt am Main aus Nordsyrien. Öffentlichkeit und Unterstützung gefordert
Von Gitta Düperthal
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Proteste nicht gehört: Demonstration an der syrisch-türkischen Grenze im Vorfeld des türkischen Angriffskriegs auf Rojava (Ras Al-Ain, 7.10.2019)

Bei einer Veranstaltung am Freitag abend zum »Internationalen Kobani-Tag« in Frankfurt am Main informierten Expertinnen und Fachleute rund 250 Menschen über die aktuelle Lage der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (Rojava). Der Verein »Städtefreundschaft Frankfurt–Kobani« hatte dazu eingeladen. Einen Waffenstillstand seitens der Türkei habe es überhaupt nicht gegeben, berichtete der Wiesbadener Notfallmediziner Michael Wilk, der gerade von einer Reise mit einer internationalen Ärztedelegation von dort zurückgekehrt war. Dies sei nur Propaganda gewesen. Von der Klinik in Tel Tamer aus, wo die Ärzte nahe der Front Hilfe leisteten, seien Rauchwolken zu sehen, Einschläge und Schüsse zu hören gewesen. Die türkischen Invasoren und ihre dschihadistischen Söldner hätten ständig versucht, annektierte Gebiete auszuweiten.

Wilk sei Zeuge von Kriegsverbrechen geworden. Schwerstverletzte, Sterbende und Misshandelte seien in die Notaufnahme des kleinen Krankenhauses gebracht worden: Darunter Menschen, die nicht geflüchtet seien, und Selbstverteidigungskräfte der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK), die letztere hatten schützen wollen. Die Bevölkerung befinde sich in einer »humanitär desaströsen« Lage. Der von den Kurden 2014/2015 bekämpfte sogenannte Islamische Staat (IS) und ehemalige Kämpfer des Al-Quaida-Ablegers »Haiat Tahrir Al-Scham« (Allianz zur Befreiung von Syrien) seien über die Türkei nach Rojava zurückgekehrt. Etwa 300.000 Menschen seien in Richtung Süden geflüchtet. Da sie unter anderem in Schulgebäuden untergebracht werden mussten, könnten 80.000 Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Nahrungsmittel seien knapp. Die deutsche Bundesregierung sei offenbar zu sehr in wirtschaftliche Verflechtungen mit der Türkei involviert, um in Ankara klar zu fordern, den völkerrechtswidrigen Krieg zu stoppen, kritisierte Wilk.

Ahmed Sheikho, Vertreter der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, der 2014 in Kobani gegen den IS kämpfte, erklärte: Schon damals habe die Welt nur zugeschaut, keine humanitäre Hilfe geleistet. In Kobani habe der IS nur besiegt werden können, weil es in Europa wochenlang Proteste gegen die Angriffe und die Untätigkeit der Regierenden gegeben habe. Um die Stadt zu verteidigen, seien Menschen verschiedener Ethnien und Glaubensrichtungen solidarisch zusammengerückt. »Wir brauchen jetzt wieder Internationalisten, die uns ihre Hände reichen«, sagte er. Der türkische Despot Recep Tayyip Erdogan drohe, Flüchtlinge nach Europa zu schicken: Viele seien längst dort, um nicht in der Türkei auf der Straße oder in Wäldern leben zu müssen, so Sheikho.

Nihal Bayram vom Verein »Amara – Kurdischer Frauenrat Frankfurt« berichtete vom Kampf für Freiheit, Rechte und Bildung. Nach einem ersten Frauenkongress 1987 hätten Kurdinnen begonnen, sich in Räten zu organisieren. Sie seien nicht bereit, den erkämpften »großen Einfluss aufzugeben« und sich den »patriarchalischen Strukturen wieder unterzuordnen«. Meike Nack von der »Stiftung der Freien Frauen in Rojava« (WJAR) bat, den Aufbau einer befreiten Gesellschaft für alle Menschen im Mittleren Osten aktiv zu unterstützen. WJAR habe Fortbildungen zur Frauenbefreiung und pädagogischen Arbeit mit Kindern nach der »demokratischen Idee« organisiert. Für Kriegswaisenkinder hat die Stiftung mit internationaler Unterstützung 2018 das Haus »Alan’s Rainbow« in Kobani eröffnet. Nach Beginn des türkischen Angriffs am 9. Oktober habe man die Kinder evakuieren müssen. Ein weiteres Projekt sei ins Wanken geraten: Im Lager Al-Hol habe man mit den dort internierten Familien des IS begonnen, Friedensarbeit zu leisten. Wäre alles friedlich geblieben, hätten wir es schaffen können, so Nack.

Frankfurts Dezernentin für Bildung und Integration, Sylvia Weber (SPD) sagte bei der Veranstaltung, die Frankfurter SPD fordere die Bundesregierung auf, von der Türkei zu verlangen, Friedensverhandlungen mit den Kurden zu beginnen. Der Verein Städtefreundschaft Frankfurt–Kobani setzt sich dafür ein, dass die Stadt am Main eine offizielle Städtepartnerschaft mit Kobani eingeht.

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