Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.11.2019, Seite 15 / Geschichte
Das Ende der DDR

Restauration statt Aufbruch

Am 4. November 1989 demonstrierten Hunderttausende DDR-Bürger in Berlin für einen neuen Sozialismus
Von Stefan Bollinger
saf.jpg
Neu beginnen. Demo auf dem Berliner Alexanderplatz, 4. November 1989

Wohl eine halbe Million Menschen demonstrierten am 4.November 1989 in Ostberlin für die DDR. Fast so wie vier Wochen zuvor, als die Republik sich zum 40. Mal feiern ließ. Und doch eine andere Zeit. Berliner, Zugereiste, nicht wenige SED-Mitglieder strömten auf den Alexanderplatz in Erwartung einer neuen Epoche für ihren souveränen, künftig demokratisch-sozialistischen Staat. Entsprechend fielen die Losungen auf den Transparenten aus.

Berliner Künstler, Schauspieler und Schriftsteller hatten den Rechtsanwalt Gregor Gysi einige Tage zuvor gebeten, die Demo anzumelden, die einzige, größte und letzte ihrer Art in der bald verschwindenden DDR. Überraschend wurde sie genehmigt. Zwar konnte man sich auf das Versammlungs-, Meinungs- und Vereinigungsrecht der Artikel 27 und 28 der DDR-Verfassung berufen. Aber ungewöhnlich war es doch in einem Staat, der sich stets sorgte, dass die Partei kritisiert oder ihre Macht in Frage gestellt werden könnte. Nun forderten Redner wie der Schriftsteller Stefan Heym einen anderen Sozialismus ohne Allmacht der Partei: »Der Sozialismus – nicht der Stalinsche, der richtige –, den wir endlich erbauen wollen, zu unserem Nutzen und zum Nutzen ganz Deutschlands, dieser Sozialismus ist nicht denkbar ohne Demokratie. Demokratie aber (…) heißt Herrschaft des Volkes.«

Eine andere DDR

Die DDR war in ihren Grundfesten erschüttert. Das Vertrauen in SED wie Staat war geschwunden. Zu lange wurde nicht über Probleme gesprochen: wirtschaftliche Schwierigkeiten, mancherorts zum Himmel stinkende Umweltprobleme, verfallende Innenstädte, der Wunsch nach mehr Reisemöglichkeiten. Der gesellschaftliche Dialog war gestört, und die Erwartungen an eine Demokratie, in der miteinander geredet, gestritten, gerungen und gemeinsam entschieden werden könnte, waren hoch. Die führende Partei schwieg, ließ den Generalsekretär sich auskurieren, zeigte Führungsschwäche. Als sie nach den Jubelfeiern vom 7. Oktober erwachte, kamen ihre Entscheidungen immer zu spät, gab es Gewalt, wurden Sicherheitskräfte nach Übergriffen und falschen Befehlen im Regen stehen gelassen. Die Führung um Egon Krenz, seit dem 18. Oktober Erich Honeckers Nachfolger als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, gewann kaum Glaubwürdigkeit. Regierung und Politbüro bröckelten, es gab Rücktritte, ein handwerklich schlechtes Reisegesetz.

Etwas musste geschehen: Für dieses Land, für die DDR, für den Sozialismus. Darum zogen Hunderttausende auf den Alex und lauschten gebannt, mit Pfiffen und Buhrufen, mit Beifall einer bunten Schar von Rednern. Oft wird die gute Stimmung, der Aufbruch auf dem Alex beschworen, die Devise »Keine Gewalt!«, die Sicherheitspartnerschaft von Veranstaltern und Volkspolizei gelobt. Meist wird die Angst der damaligen Staats- und Sicherheitsführung ausgeblendet, dass sich aus dieser friedlichen Kundgebung auch ein Grenzdurchbruch hätte entwickeln können.

Wer die Stimmung etwas genauer aufnahm, bemerkte Dissonanzen. Nicht nur als die Vertreter der alten Ordnung, Günter Schabowski und Markus Wolf, ausgebuht wurden, konnte auffallen, dass so manche Zuhörer nicht unbedingt die Erneuerung des Sozialismus wollten, sondern anderes erwarteten. Noch stand auf dem Platz die Mehrheit gegen sie, noch wollten fast alle Rednerinnen und Redner explizit mehr Demokratie, meist als neuer Sozialismus verstanden. ­Christa Wolf beschwor die »revolutionäre Erneuerung«. »Revolutionen gehen von unten aus. ›Unten‹ und ›oben‹ wechseln ihre Plätze in dem Wertesystem«, dies stelle die »sozialistische Gesellschaft vom Kopf auf die Füße«.

Nur fünf Tage später, als die SED-Führung Druck vom Kessel nehmen wollte und »Regelungen für Reisen und ständige Ausreisen aus der DDR in das Ausland« erließ, mithin die Mauer öffnete, schlug die Stimmung rasch wieder um. Die Bundesrepublik, ihre Parteien und ihr Warenangebot raubten den DDR-Bürgern ihre Revolution gegen einen als erstarrt wahrgenommenen administrativ-zentralistischen Sozialismus. Der Westen bot keinen Weg des Schweißes und der Tränen, sondern volle Schaufenster, harte DM.

Und dennoch: Der 4. November war das letzte Ereignis, bevor die Stimmung nicht nur der Massen auf den Straßen, sondern auch der sich neu formierenden politischen Kräfte umschlug. Die Zusammensetzung der Rednerinnen und Redner zeigt allerdings, dass die Gemeinsamkeiten offensichtlich nur für diesen Augenblick bestanden und auch nur bestehen konnten. Bei aller Begeisterung für neue politische oder soziale Bewegungen: Damals (wie heute) entscheidet, was dauerhaft verbindet. Nur das, was weg soll? Oder gemeinsame Ziele? Welche organisatorischen und geistigen Übereinstimmungen gibt es, und wie wirken veränderte äußere Konstellationen auf diese Kräfte zurück?

In den Westen

Wer sich die Rednerliste ansieht, wird sich vielleicht verwundert die Augen reiben. Da sprachen Gysi und Lothar Bisky, die für eine zu erneuernde SED eintreten würden, da rückte ein stellvertretender Staatsratsvorsitzender, Manfred Gerlach von der LDPD, das Liberale in den Vordergrund. Pfarrer Friedrich Schorlemmer vom Demokratischen Aufbruch würde bald Sozialdemokrat werden, aber auch dort bloß eine moralische Instanz abgeben. Schriftsteller wie Wolf, Christoph Hein und Stefan Heym würden sich bald in den politischen Streit begeben angesichts eines rasch einsetzenden Kolonialisierungsprozesses und dafür teilweise übel gemobbt werden. Die »bürgerbewegte« Marianne Birthler, die damals die Polizeiübergriffe im Oktober beklagte, würde ihren Platz in der »Stasiunterlagenbehörde« finden. Und der einzige auswärtige Redner, Róbert Juharos aus Ungarn, würde irgendwann als treuer Fidesz-Abgeordneter Victor Orbans autoritäre Politik unterstützen. Es gibt einen kaum ernst genommenen Heiner Müller, der ein wenig neben sich stehend, aber doch hellsichtig die kritischen Positionen von unabhängigen Gewerkschaftern verlas, die schon die prokapitalistische Wende erahnten und zum Widerstand aufriefen.

Der 4. November 1989 ist nur ein Wimpernschlag der Geschichte. Er steht für den gescheiterten Versuch der Erneuerung der sozialistischen DDR und gegen das Propagandamärchen von der »friedlichen Revolution« mit dem Ziel einer Einheit Deutschlands. Doch die Ereignisse jener Tage zeigen, wie gering die Gemeinsamkeiten waren, wie schwach das Zusammenwirken der Akteure, und wie sehr überspannte Hoffnung tatsächliche Machtverhältnisse ausblendete. Das Eingreifen der Bundesrepublik verdrängte die unmittelbaren Interessen vieler DDR-Bürger schlichtweg.

Kein Zuckerschlecken. Heiner Müller liest einen Aufruf der Initiative für unabhängige Gewerkschaften

Ein Ergebnis bisheriger DDR-Politik ist die Trennung der Künstler von der Bevölkerung durch Privilegien. Wir brauchen Solidarität statt Privilegien. Ich lese einen Aufruf der Initiative für unabhängige Gewerkschaften: Kolleginnen und Kollegen, was hat der FDGB in 40 Jahren für uns getan? Hat er die Frage der Arbeitszeitverkürzung als ständige Forderung an die Betriebsleitungen gerichtet? Warum hat er nicht die 40-Stunden-Woche mit uns erkämpft? Hat er dafür gesorgt, dass unsere Löhne der schleichenden Inflation angepasst werden? Warum sind nicht ständige Tarifverhandlungen über Lohnerhöhungen geführt worden? Wo stehen die Funktionäre des FDGB, wenn in unserem Betrieb neue Normen eingeführt werden? Auf unserer Seite? Verhindern sie die Normen, bevor nicht klar ist, dass wir auch entsprechend bezahlt werden? Wie kann der FDGB als unser angeblicher lnteressenvertreter es zulassen, dass wir im Durchschnitt zehn Tage weniger Urlaub haben als unsere Kollegen im Westen? Hat der FDGB sich für die Herabsetzung des Rentenalters stark gemacht? Hatten wir schon erlebt, dass die Betriebsgewerkschaftsleitung den staatlichen Plan in unserem Interesse nicht akzeptiert? Haben wir überhaupt schon mal erlebt, dass die Gewerkschaft etwas gegen den Staat und die Partei für uns durchsetzt? 40 Jahre ohne eigene Interessenvertretung sind genug. Wir dürfen uns nicht mehr organisieren lassen, auch nicht von neuen Männern und Frauen. Wir müssen uns selbst organisieren. Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen und die Löhne kaum. Wenn Subventionen wegfallen, trifft das vor allem uns. Der Staat fordert Leistung. Bald wird er mit Entlassung drohen. Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen. Wenn der Lebensstandard für die meisten von uns nicht erheblich sinken soll, brauchen wir eigene Interessenvertretungen. Gründet unabhängige Gewerkschaften.

Darf ich noch einen persönlichen Satz sagen: Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktreten sollte, darf auf Demonstrationen getanzt werden.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Der offizielle Teil: Der sowjetische Staats- und Parteichef Mich...
    11.07.2019

    Das vergessene Gespräch

    Vorabdruck. Anfang November 1989 traf Egon Krenz in Moskau mit dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow zusammen
  • »Wir haben unser Leben für eine Zukunft geopfert, die keiner hab...
    12.04.2019

    Von alten Rittern und jungen Verrätern

    Vor 30 Jahren feierte Christoph Heins Stück »Die Ritter der Tafelrunde« in Dresden Premiere. Das Drama brachte die Probleme der späten DDR auf die Bühne

Regio: